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Haruki Murakami zum Sechzigsten : Das lähmende Lächeln der Toten

Ausdauerläufer: Haruki Murakami Bild: AP

Wenn der Fernseher spukt, ist die Anderwelt nicht weit: Der Bestsellerautor Haruki Murakami ist ein besessener Umdeuter kultureller Massenware. An diesem Montag feiert er seinen sechzigsten Geburtstag.

          Wer am Marathon keine Freude mehr hat, weil die Sache allzu schnell am Ende ist, der läuft eben Ultramarathon. Die Strecke ist hundert Kilometer lang, und als er einmal bei Kilometer 75 ankam, schreibt Haruki Murakami in seinem Buch „Wovon ich rede, wenn ich vom Laufen rede“, sei er wie „durch eine Mauer gegangen“ und „auf die andere Seite“ gelangt - ein Erlebnis, das ihn zunächst zwar euphorisierte, aber anschließend auch in eine derart trübsinnige Stimmung brachte, dass ihm das Laufen erst einmal verleidet war.

          Was ihn dabei so erschüttert hat, deutet der Autor nur an, und vielleicht spielt eine Rolle, dass ihm widerfuhr, was er oft genug seinen Figuren zugemutet hat, die plötzliche Grenzüberschreitung in eine gänzlich andere (oder anders wahrgenommene) Welt, und das nicht zufällig beim Laufen. Denn dass der Ausdauerlauf für sein Schreiben eine eminent wichtige Rolle spielt, vergleichbar allenfalls mit der Musik, hat Murakami oft genug betont. Angefangen hatte er damit, sagt er, im selben Moment, da er zum ersten Mal ernsthaft schrieb. Das war im Herbst 1982.

          Zahllose Parallelwelten

          Der Entschluss zum Schreiben überhaupt war damals bereits vier Jahre alt, gefasst aus heiterem Himmel bei Bier und Baseball, nur dass „Lausche dem Wind“, der erste Roman des knapp dreißigjährigen Inhabers der Jazz-Kneipe „Peter Cat“, gleich mit einem hochangesehenen Literaturpreis ausgezeichnet worden war und seinem Urheber so das Einschlagen dieser Laufbahn erheblich leichter machte.

          Wäre diese Resonanz ausgeblieben, sagte Murakami später, hätte er das Schreiben, auch das ernsthafte, vermutlich sein gelassen. Das ist nur eine der vielen Parallelwelten, die der Autor entwirft und die seine Figuren umtreiben: Die zahllosen Möglichkeiten, die jedes Leben in sich birgt und die jede darin gefällte Entscheidung notgedrungen dezimiert, machen diese Menschen, die meisten von ihnen urbane Japaner des späten zwanzigsten Jahrhunderts, so unruhig. Wenn es ganz schlimm kommt, trauern sie diesen Möglichkeiten so ausgiebig hinterher wie der Held in „Naokos Lächeln“, den die Erinnerung an die mittlerweile gestorbene Geliebte in seiner Gegenwart umfassend lähmt (und blind macht für eine andere Frau).

          Schlaf und Traum

          Nun sind Parallelwelten weniger verstörend, wenn sie sich klar als Nebenschauplätze zeigen, als Orte von Gedankenspielen oder sehnsüchtigen Träumen, die nach dem großen Was-wäre-wenn fragen und sich doch jederzeit des Abgrunds bewusst sind, der zwischen dem, was geworden ist, und dem, was vielleicht geworden wäre, liegt. Die Faszination, die von Murakamis Texten ausgeht, stammt nicht zuletzt aus ihrer Bereitschaft, diesen Abgrund auszuloten und ihn, wo es geboten scheint, leichthin zu ignorieren. In diesem Zusammenhang spielen die Klassiker Schlaf und Traum eine große Rolle, die Disparates zusammenbringen; manchmal kommt ein spukender Fernseher dazu, um diesen Übergang zu ermöglichen, und Murakami, auch dies ein Grundpfeiler seines Schreibens, unternimmt nicht das Geringste, um den Fernseher zu erklären, so wie er in seinen Kurzgeschichten gern jeder vordergründigen Pointe ausweicht.

          Das hat dem Verfasser weltweit erfolgreicher Bücher oft genug den Vorwurf einer gewissen Beliebigkeit eingetragen, und das in mehrfacher Hinsicht: Murakami ist ein besessener Umdeuter kultureller Massenware, ein mitunter notorisch unzuverlässiger Interpret bekannter Texte, Filme oder Musikstücke, doch wer immer ihm begeistert nachweist, dass etwa der Name „Kafka“, anders als in „Kafka am Strand“ behauptet, nicht „Krähe“, sondern „Dohle“ bedeute, oder dass der Film „Love Story“ doch ganz anders endet als im Roman „Afterdark“ nacherzählt, der geht ihm ungebremst auf den Leim.

          Natürlich mag sich, wer unbedingt will, über den enormen Kitsch mancher Wendungen erregen, über verbrauchte Formulierungen wie „Aus dieser Höhe wirkt die Stadt wie ein künstliches Lebewesen“ und dergleichen mehr, nur gerät darüber in Vergessenheit, wer da jeweils erzählt, mit welcher Absicht und in welchem Referenzsystem - und dass sich hinter den Sätzen der oft etwas naiven oder sehr phlegmatischen Protagonisten Murakamis nicht selten ein Beben verbirgt, das beim Lesen umso mehr verstört, je weniger es sich entlädt. Heute feiert Murakami seinen sechzigsten Geburtstag.

          Quelle: F.A.Z.

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