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Harold Bloom zum Achtzigsten : Der starke Amerikaner

Seine wuchtige Rhetorik kann man nicht kopieren: Harold Bloom Bild: Berlin Verlag

Er ist ein Kritiker von Weltgeltung, ein Gegenspieler von Jacques Derrida, ein Mann der entschiedenen Wertsetzungen. An diesem Sonntag feiert der amerikanische Geistesheld Harold Bloom seinen achtzigsten Geburtstag.

          Was ist Amerika? Das Land, in dem die Ideen des Selbstvertrauens und der Selbstbehauptung bereits im neunzehnten Jahrhundert durch Ralph Waldo Emerson philosophische Weihen erhielten, in dem das Selbst schon physisch stärker, robuster zu sein scheint als anderswo. Amerikanisch ist der freie, in einem sonst kaum vorstellbaren Maße vom Staat unbehelligte Unternehmer; und jeder Amerikaner bezeugt in seiner Lebensgeschichte eine Unabhängigkeitserklärung im Kleinen. Zugleich ist er aber, idealtypisch und vereinfacht geredet, seiner Herkunft nach ein frommer christlich-protestantischer oder schon postchristlicher Sektierer.

          Lorenz Jäger

          Redakteur im Feuilleton.

          Hier haben wir die beiden Griffe der Wünschelrute, die kräftig ausschlägt, wenn wir uns den Quellen von Harold Blooms Poetik nähern. Denn zwei Gedanken vor allem sind es, die sein Werk ausmachen: Da ist der „starke Dichter“ (strong poet), der sich im Kampf gegen die Vorläufer durchzusetzen vermag, und da ist die „amerikanische Religion“, die gegenüber ihren theologisch und institutionell verfestigten Vorläufern in der Alten Welt das gleiche Amt erfüllt: Auch sie ist eine Art Unabhängigkeitserklärung, wenn man an die Erweckungsbewegungen vor zweihundert Jahren, an die Mormonen, die Zeugen Jehovas oder selbst die „Black Muslims“ denkt.

          Genius und Größe ohne Reue

          Harold Bloom wurde am 11. Juli 1930 in New York City geboren. Der Vergleich mit Jacques Derrida liegt nahe; der Franzose war nur vier Tage jünger. Aber Derrida begründete eine Schule, alle Folgeprobleme des Epigonentums waren darin eingeschlossen. Bloom blieb allein. Man kann ihn nicht kopieren, seine begabten Studenten wie Camille Paglia sind eigene Wege gegangen und erinnern nur noch in der wuchtigen Rhetorik an den Lehrer. Und gegen Derrida gehalten, erscheint Bloom auch als der um ein paar Grade Naivere. Wo Derrida das Urteil unendlich aufschob – so, dass es sich am Ende fast erübrigte –, da posaunt Bloom seine Wertsetzungen gleich heraus, und das gefällt ihm sichtlich. Nur dass auch dieser Schein der Naivität ein Kunstgriff sein mag.

          Der Kritiker als Preisträger: Harold Bloom 2005 bei der Entgegennahme des Hans-Christian-Andersen-Preises in Odense
          Der Kritiker als Preisträger: Harold Bloom 2005 bei der Entgegennahme des Hans-Christian-Andersen-Preises in Odense : Bild: AP

          Alle Kategorien, die bei Derrida der analytischen Auflösung unterlagen oder gleich gar nicht in den Blick traten – kanonische Geltung einer begrenzten Zahl von Werken, Größe und Genius der dichterischen Persönlichkeit –, all diese Gedanken behauptete Bloom als nach wie vor geltende Maßstäbe, just in dem Augenblick, da sie an den amerikanischen Universitäten in Verruf gerieten. Politisch gesprochen, ist Derridas Poetik postkolonial und minderheitenfreundlich, die von Bloom aber neokonservativ und immer wieder scharf gewürzt mit Sarkasmen gegen Feminismus und akademische Frankophilie. Auf den ersten Blick scheint es keine eindeutigere Gegenposition zu den identitätspolitischen Revisionen zu geben, die seit den siebziger Jahren die „Great books“, das Pflichtpensum amerikanischer Studenten, umsortieren und damit frauen- und mindernheitenkompatibel machen wollten.

          Kanon im chaotischen Zeitalter

          Bloom nämlich schrieb geradezu provokativ ein Buch mit dem Titel „The Western Canon“. Vier Weltalter der Dichtung eröffnen sich nun als sehr populär gehaltenes Panorama vor dem Leser: das theokratische Zeitalter (es ist sehr lang, indem es vom Gilgamesch-Epos bis zum Nibelungenlied reicht), das aristokratische, das demokratische (in etwa die klassische Moderne) und schließlich das „chaotische“ Zeitalter – die unmittelbare Gegenwart Blooms.

          Nun war es gerade sein Kunstgriff, diese starken Wertbehauptungen einerseits zu sichern, sie aber gleichsam unter der Hand anders zu füllen. Man kann eine ganz einfache Probe darauf machen: Ezra Pound und T. S. Eliot, die, sagen wir um 1960, die Mitte eines dichterischen Kanons der englischsprachigen Moderne bildeten, fallen weitgehend heraus. Plötzlich sah man in dem Kanon-Buch den Chilenen Pablo Neruda in den höchsten Rang erhoben.

          Größe bemisst sich am überwundenen Widerstand. Blooms Idee des „starken Dichters“ ist dabei von Freud geprägt. Das männliche Kind träumt von der Überwindung der väterlichen Macht, und gerade so verhält sich der Dichter, ein ins Riesenhafte und Kulturelle projizierter Ödipus, gegenüber Homer, Dante, Shakespeare und Milton. Aus dem theoretischen Werk von Freuds Tochter Anna über „Das Ich und die Abwehrmechanismen“ destillierte Bloom eine kleine systematische Folge von dichterischen Strategien, die Vorläufer in einem Kampf, einem „Agon“, zu bannen.

          Eine amerikanische Gnosis

          Vor allem Blooms Idee einer „amerikanischen Religion“ verdient es, ernst genommen zu werden. Es handelt sich um die gebildete Version der Formel von den „abrahamitischen Religionen“ und der eingemeindenden Rede vom „jüdisch-christlichen Erbe“. Bloom spricht als Anwalt einer Gnosis, die auf die monotheistischen Religionen zurückgeht: auf einen mystischen Islam und auf die Kabbala. Selbst Christus soll in diesem Pantheon Platz finden, allerdings nicht als der Gekreuzigte, der für den selbstbewussten Juden Bloom eine untragbare Provokation bleibt, sondern als reiner Lichtleib, wie er, nach Bloom, in der frühen judenchristlichen Gemeinde verehrt wurde.

          In Blooms Elternhaus wurde noch Jiddisch gesprochen. Wer seinen „Kanon“ liest, wird inne, dass es dabei auch um eine Entschärfung des Christlichen, ja in diesem Fall nun tatsächlich um einen Agon mit den christlichen Gehalten der dichterischen Überlieferung geht. Mit Dantes Katholizismus etwa sei es nicht weit her, liest man da, denn Beatrice sei der kultische Mittelpunkt einer privatreligiösen Revolte. Kanonisch ist für Bloom die Literatur, die auf den Jahwisten des Alten Testaments zurückdeutet und auf Kafka voraus; die Vermittlungsschritte werden mit Freud konstruiert. Der akademischen Identitätspolitik in den Vereinigten Staaten ist auch Harold Bloom nicht entkommen.

          Quelle: F.A.Z.

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