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Harald Hartung zum Achtzigsten Von Wurzeln und Flügeln

Klar, behutsam, eindringlich: Hier spricht ein Aufklärer, der zugleich ein Zauberer ist. Dem Lyriker und Kritiker Harald Hartung zum achtzigsten Geburtstag.

Wer Neues bewertet, braucht Kriterien, wer Neues schafft, braucht Freiheit. Man könnte auch sagen: Ein Kritiker braucht Wurzeln, ein Dichter Flügel. Harald Hartung verfügt über beides: tief verwurzelt ist der Vermittler im weltliterarischen Kanon, aus dem der Lyriker mit anmutigem eigenen Flügelschlag aufsteigt. Möglicherweise aber macht ihn selbst diese Doppelbegabung, die er einmal als „Janushaftigkeit“ bezeichnet hat, nicht so glücklich wie uns, sein bewunderndes, dankbares, bereichertes und nicht zuletzt belehrtes Publikum.

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Seit 1978 schreibt Harald Hartung für die Literaturredation dieses Feuilletons glänzende, kenntnisreiche, einordnende Rezensionen vor allem lyrischer Neuerscheinungen, verfasst Dichterporträts und Nachrufe; mehr als sechshundert Artikel sind über die Jahre aus seiner Feder erschienen. Ihre besondere Qualität liegt in der Haltung ihres Verfassers: Hier meldet sich jemand nicht als Journalist zu Wort und nicht einmal als Gelehrter, der er ebenfalls ist, sondern als Gegenüber, als Gesprächspartner und Artgenosse. Hartung weiß um die Notwendigkeit von Rezension und Urteil ebenso wie um die Schmerzen, die sie zufügen können, manchmal zufügen müssen. Und weil der Kritiker Hartung über andere so reflektiert und schreibt, wie sich der Dichter Hartung nur wünschen kann, dass man über seine Gedichte nachdenken möge, sind seine Texte klar, behutsam und eindringlich zugleich. Sie erklären und beleuchten, stellen Beziehungen her zwischen Person und Werk und Vorbildern, doch sind ebenso stets zum Lernen und Staunen bereit.

„Kritiko-Poet“ in der Nachfolge von Baudelaire bis Benn

Wie viele der besten Mitarbeiter des Literaturressorts kam auch Harald Hartung über Marcel Reich-Ranicki zu dieser Zeitung. 1978 begann er als Interpret der „Frankfurter Anthologie“, deren Preisträger er später wurde; rasch folgten weitere Aufträge. Sein Debüt als Lyriker hatte er da bereits gegeben: der Band „Hase und Hegel“, mit dem der Bergmannssohn aus Herne 1970 entschlossen und doch leise die Lyrikszene betrat. Gedichte geschrieben hat er schon als junger Mann, doch die Scheu, andere damit zu behelligen, haben auch die vielen wichtigen Auszeichnungen, die Hartung für sein dichterisches Werk erhalten hat, nicht ganz vertreiben können. Das Feine, Lakonische, Bescheidene ist ein Wesenszug seiner Poetik, begleitet von Melancholie und Witz. Als 2005 mit „Aktennotiz meines Engels“ eine Summe seines bisherigen Werks erschien, konnte man sich nicht sattlesen: von federleicht hingetupften Reisebeobachtungen über sinnlich heraufbeschworene Kindheitserinnerungen an Rübenkraut auf Graubrot, Luftschutzkeller und das Kriegsende bis zu Spots auf Rätselhaftes und Bemerkenswertes der politischen und ästhetischen Entwicklung der Bundesrepublik reicht das Spektrum. Das beeindruckende Spätwerk liegt im Schatten einer Tragödie, nach der der Dichter seines Lebens nicht mehr froh wird. Das „Form gewordene Leben“, als das Michael Maar die Gedichte Hartungs einmal gerühmt hat, fand zuletzt im Band „Winterzeit“ (2010) seinen Ausdruck.

Als „Kritiko-Poet“ in der Nachfolge von Baudelaire bis Benn unterschreibt auch Hartung Valérys Satz: „Immer wenn ich meine Verse machte, beobachtete ich mich dabei, wie ich sie machte, deshalb bin ich vielleicht niemals nur Dichter gewesen.“ In diesem „Doppelinteresse aus Produktion und Reflexion“ ist auch ein Doppeltes aufgehoben: „die Magie und ihre Entzauberung, das Geheimnis und seine Aufklärung“. Als Aufklärer hat der Zauberer Hartung, der über Jahrzehnte an der Technischen Universität Berlins wirkte, dem Literarischen Colloquium Berlin vorstand und in zahlreichen Aufsätzen und Essays Brücken zwischen Dichtung und Leser errichtet hat, Großes geleistet. Seine „Masken und Stimmen - Figuren der modernen Lyrik“ (1996) sind ein Standardwerk, und „Ein Unterton von Glück“ (2007) blickt in die Werkstatt von Dichtern wie Goethe, Celan oder Gernhardt. Soeben ist „Der Tag vor dem Abend“ erschienen; eine Lektüreeinladung an alle, die noch Zeit und Seele für die Dichtung haben. Das Bewusstsein, als Dichter ein „Johann-ohne-Land“ und als Kritiker ein „Dienstleister für eine Minderheitensparte“ zu sein, hat ihn zum Glück nie gebremst; das beweist nicht zuletzt „Das lyrische Quartett“ im Münchner Lyrik-Kabinett, das er seit vergangenem Jahr zusammen mit Heinrich Detering und Kristina Maidt-Zinke bestreitet. Heute feiert der Dichter, Essayist, Literaturprofessor und Kritiker Harald Hartung seinen achtzigsten Geburtstag.

Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 28.10.2012, 16:50 Uhr