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Hans-Ulrich Treichel zum Sechzigsten : Flüchten und ankommen

Er ist ein Berliner: Hans-Ulrich Treichel Bild: juergen-bauer.com

Seit dem Ende der siebziger Jahre hatte er sich mit Gedichtbänden einen Namen gemacht, berühmt wurde er aber mit seinem Flüchtlingsroman „Der Verlorene“. Zum sechzigsten Geburtstag von Hans-Ulrich Treichel.

          Er sei durch eine Laune des Schicksals in eine Welt hineingeraten, mit er ihn nicht das mindeste verband, hat Hans-Ulrich Treichel einmal geschrieben, als er längst zum Berliner geworden war. Seinen Geburtsort, die „Stadt der Würste und Schinken“, Versmold in Ostwestfalen, erlebte der Heranwachsende als „trübsinnige Ansammlung von Zweifamilienhäusern und Umgehungsstraßen.“ Die Eltern betrieben dort ein Lebensmittelgeschäft, blieben jedoch Fremde in der neuen Heimat: Flüchtlinge aus den Ostgebieten, nach Kriegsende unwillig bis feindselig aufgenommen. Fremd fühlte sich Treichel aber nicht nur in seinem Geburtsort, sondern auch in der eigenen Familie.

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

          Dass dazu später die Bedrückungen verschiedener Psychotherapien kamen, hat Treichel 1992 in der autobiographischen Skizze „Von Leib und Seele“ beschrieben. Aber das zentrale Trauma seiner Familie wurde erst zum Thema seines Werks, als sechs Jahre später der Roman „Der Verlorene“ erschien. Bis dahin galt Treichel als ein sensibel-lakonischer Lyriker, der sich seit dem Ende der siebziger Jahre mit Gedichtbänden wie „Restposten Wunder“, „Liebe Not“ und „Seit Tagen kein Wunder“ einen Namen gemacht hatte. Treichel, der seit 1995 am Deutschen Literaturinstitut Leipzig lehrt, war angesehen. Mit seinem ersten Roman wurde er berühmt - und in rund dreißig Sprachen übersetzt.

          “Der Verlorene“ erzählt die Geschichte einer Familie, die bei Kriegsende 1945 vor der anrückenden Roten Armee flüchtet. Es gab Millionen solcher Schicksale, aber es wurde kaum darüber geschrieben. Selbst den besonderen Schlag, den diese Familie hinnehmen musste, teilte sie mit einigen hunderttausend anderen: Sie wurde auf der Flucht auseinandergerissen, ein Säugling ging unter dramatischen Umständen verloren. Von nun an ist der verlorene Bruder zentrales Thema Treichels über drei Romane hinweg: Auf „Der Verlorene“ folgte 2005 „Menschenflug“ und drei Jahre später „Anatolin“. Mit seinem jüngsten Roman „Grunewaldsee“ (2010) kehrte Treichel zurück ins alte West-Berlin, wo er als Student in Wohnungen lebte, in denen man „in Ostwestfalen nicht einmal die Mülltüte abgestellt“ hätte. Dass er damit der ungeliebten Provinz Gerechtigkeit widerfahren lassen möchte, wird kein Ostwestfale glauben. Eher fällt die Bemerkung in das Feld des von ihm erfundenen „Zwischenbilanzbedarfs“. An diesem Sonntag wird Hans-Ulrich Treichel sechzig.

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