13.11.2011 · Ein Mentor, dessen Glanz alle Schützlinge überstrahlt: Hans Magnus Enzensberger beweist bei einem ungewöhnlichen Auftritt in New York, dass Poesie reine Musik sein kann.
Von Jordan Mejias, New YorkNicht als Guru will er sich fühlen, nicht als Prophet, nicht als Heilsbringer, der angebetet wird von einer Jüngerschar. Aber Mentor, ja, das ist er gern. Ein Jahr lang hat Hans Magnus Enzensberger der amerikanischen Lyrikerin Tracy K. Smith zur Seite gestanden, hat sie aus der Ferne ermutigt und sich immer wieder mit ihr getroffen, um übers Schreiben und Dichten und Denken, über Kunst und die Welt zu reden. Jetzt sitzen die beiden in der New York Public Library, in einem der kostbar vertäfelten und mit Gobelins behängten Kabinette des Marmorpalasts, und feiern ihre Zusammenarbeit. Mit Gedichten.
Ein Hauch von Salon liegt über der intimen Versammlung. Dabei ist sie ganz von dieser Zeit. Dichter und Dichterin haben sich von einer Firma zusammenführen lassen, die das künstlerische Zwiegespräch sicher nicht selbstlos finanziert, es aber gleichwohl übers vergangene Jahrzehnt zum Blühen gebracht hat. Meister Enzensberger und seine Meisterschülerin Smith sind nicht das einzige Künstlerpaar, das fürs Rolex Arts Weekend nach New York gekommen ist. Als Mentoren haben auch der Filmregisseur Zhang Yimou, der Theaterregisseur Peter Sellars, die Choreographin Trisha Brown, der Musiker Brian Eno und der Bildhauer Anish Kapoor ihre Protegés mitgebracht. In den Jahren zuvor war internationale Kulturprominenz wie David Hockney, Rebecca Horn, Martin Scorsese, Robert Wilson, Jessye Norman und Toni Morrison dabei.
Mentoring ist derzeit auch in Unternehmen und Hochschulen das Wort der Stunde, produktionssteigernd, kreativitätsstärkend und überhaupt. Hans Magnus Enzensberger aber bezieht sich lieber auf die "altgriechische Einrichtung", die er für sich wiederum unter dem Vorzeichen der Gegenseitigkeit, wenn nicht Äquivalenz umdeutet. Aufeinandertreffen sieht er zwei Welten, die sich nicht einfach spiegeln, sondern verdoppeln. Er nennt es gar Komplizenschaft: "Ich horche sie aus, und sie horcht mich aus." Hier wie dort erklängen so unbekannte Töne. Und nicht zu kurz komme darüber auch der Egoismus, der jedem Künstler eigen sei. Der eine könne schließlich vom anderen lernen, ihn gleichsam auspressen, zu beiderseitigem Gewinn und Vergnügen.
Zu einer derart definierten Parität scheint Tracy K. Smith, Jahrgang 1972, sich indes noch nicht durchgerungen zu haben. Auch wenn sie neben ihrem deutschen Mentor sitzt, schaut sie doch zu ihm auf. Sie schwärmt von seinem reichen Erfahrungsschatz und ist überzeugt, ihm einen Wendepunkt in ihrem Leben zu verdanken: "Er hat mir geholfen, weniger in politischen Kategorien zu denken und mich stattdessen mehr auf Charaktere einzulassen." Die Neununddreißigjährige hat angefangen, ihre Memoiren zu schreiben.
Tracy K. Smith, das muss deutlich gesagt werden, ist alles andere als eine Anfängerin. In Harvard und an der Columbia University ausgebildet, lehrt sie, nach einer Zwischenstation in Stanford, Creative Writing in Princeton - ebenso übrigens wie ihr weithin bekannter Schriftstellerkollege Jeffrey Eugenides. Über ihren jüngsten, bereits dritten Lyrikband "Life on Mars" hieß es in der "New York Times", die Kombination von philosophisch ausgerichteten Gedichten und einer langen Elegie auf ihren Vater sei brillant. Enzensberger hat sich über ihr Faible für Science-fiction gefreut, ein Genre, von dem er sonst keine Ahnung habe, wie er gesteht.
Trotz Harvard, Columbia, Stanford und Princeton, versichert er ihr, brauche sie sich nicht als college poet zu fühlen: "Du gehörst nicht nach Princeton." Nicht mit einer solchen Stimme. Und ob jemand eine literarische Stimme habe oder nicht, das höre er sofort. Ihrem New Yorker Publikum aber bietet Smith nur ein paar Töne, nur ein kurzes Gedicht, eine Art Liebesgedicht über einen, vielleicht ihren Psychiater, der schließlich einen Kieselstein von ihrer Zunge hebt. In der sehr romantischen, sehr gefühlig aufrauschenden Vertonung des jungen Komponisten Gregory Spears, der selbst den Klavierpart übernommen hat, gibt es das Gedicht dann ein zweites Mal in Mezzosopranlage zu hören.
Da ist längst der Schatten des mächtigen Mentors über die gesamte Veranstaltung gefallen. Hans Magnus Enzensberger bemüht sich aufrichtig, der ihm anvertrauten Lyrikerin den Vortritt zu lassen, aber es hilft nichts. Er sitzt im hellsten Glanz des Scheinwerferlichts, er zieht es an, offenbar magnetisch, ob er es nun will oder nicht. Das Gedicht, das er vorträgt, ist nicht einmal von ihm. Nur übersetzt hat er es, vor langer Zeit aus dem Spanischen ins Deutsche und jetzt, für seinen New Yorker Auftritt, vom Deutschen ins Englische. "A Feast of Flowers" nennt er das wunderbare "Blumenfest" aus dem Códice Florentino des Bernardino de Sahagún, und was für ein Fest der Vortragskunst kommt dabei heraus! Wie Blumen und Worte verwendet werden, wie sie schmücken, schmeicheln, verführen, erregen, zerstören können, entfaltet sich bei ihm in einem Sprachvirtuosenstück, das aus Rhythmus, Dynamik und Melodie lebt, also reine Musik ist.
Dagegen hat das impressionistisch eingefärbte Klavierlied, das Gregory Spears aus der Enzensbergerschen Blumenarie macht, keine Chance. Der Gast aus Deutschland ist in seinem ureigenen Element, auch im anschließenden Prosateil seiner Darbietung, in dem er das Publikum, das ihm längst verfallen ist, mit manch überraschender Volte unterhält. Mag sein, dass es auch am Broadway liegt, der gleich um die Ecke glitzert. Jedenfalls nimmt Enzensberger die Gelegenheit wahr, althergebrachte Grenzen des Dichters und der Dichtung in Frage zu stellen und die Grenzüberschreitung zum Showbusiness hin nicht von vornherein auszuschließen. Als Fan von Cole Porter gibt er sich zu erkennen, diesem Genie sui generis. Er empfinde da keinerlei Verachtung, im Gegenteil, es sei ein große Gabe. Allerdings, leider: "It's not my talent!"
Nicht seine Begabung? Das Publikum lacht, aber eigentlich hätte es laut protestieren müssen. Der Dichter, der Intellektuelle als Entertainer, hier ward's Ereignis. Gedankenflüge über exklusive Zonen schriftstellerischer Ästhetik werden mit eingängiger, geradezu ansteckender Verve absolviert. Später, als Enzensberger das Scheinwerferlicht wieder abgeschüttelt hat, beteuert er, dass er nicht gern aufs Podium steige. Aber einmal oben, gibt er dem Publikum, was ihm gebührt. Es soll nicht enttäuscht werden. Schon gar nicht in New York. In der Heimat des Showbiz hat der Dichter sich als dessen poetischer Meister erwiesen.