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Hans-Joachim Gelberg zum Achtzigsten : Und die Drachen leben noch

Bewahrt das Kinderbuch vor dem Verstauben: Hans-Joachim Gelberg Bild: Alexa Gelberg

Die Zeit reif, als Hans-Joachim Gelberg 1971 mit seinem ersten Verlagsprogramm gegen falsche, niedliche und harmlose Kinder- und Jugendbücher antrat, und sie ist es noch immer. Dem Verleger, Autor und Pionier zum Achtzigsten.

          Wer antritt, die Welt zu verändern, muss auch schon mal die Backen aufblasen: „Mit der Erweiterung um den Sektor des literarisch orientierten Kinder- und Jugendbuchs tut sich bei Beltz noch mehr. Hier wird Ernst gemacht mit dem Anspruch auf eine Literatur, die nicht verfälscht, verniedlicht oder verharmlost.“ Das war 1971, als Hans-Joachim Gelberg, der zuvor als Buchhändler und Lektor gearbeitet hatte, unter dem Titel „Beltz & Gelberg“ das Kinderbuchprogramm in der Weinheimer Verlagsgruppe Beltz begründete und das erwähnte Versprechen in seine erste Vorschau schrieb.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Natürlich war die Zeit reif, um gegen falsche, niedliche und harmlose Bücher anzutreten, ob nun für Kinder, Jugendliche oder Erwachsene, sie ist es noch immer. Und Gelberg, der das von ihm begründete Programm für mehr als ein Vierteljahrhundert leiten sollte, tritt nach wie vor dafür ein - nur dass der Ernstmacher dabei vom Spaßmacher kaum zu trennen ist, der Streiter gegen verlogene und lieblos gemachte Bücher vom Urheber und Geburtshelfer ganz anderer Bände, die so wirklichkeitsbejahend wie versponnen, kaltschnäuzig und warmherzig sind, von Büchern, die von dem ausgehen, was ist, und sich den allerschönsten Möglichkeitssinn bewahrt haben, um das darzustellen, was sein könnte oder müsste.

          „Meine Schulzeit“, schreibt Gelberg, „ist mir in unangenehmer Erinnerung. Volksschullehrer Schmitz schlug gern mit dem Rohrstock auf ausgestreckte Finger. Der Musiklehrer bestrafte beim Vorsingen der Tonleiter jeden falschen Ton mit einer Ohrfeige. Bei den Schularbeiten zu Hause seufzte meine Mutter: ,Er lernt es nie!'“

          Zuallererst die Leselust

          Tatsächlich legt eine Schule, die auf den Rohrstock setzt, die Lektion nahe, dass Unterwerfung der leichtere Weg ist, um Schwierigkeiten aus dem Weg zu gehen. Oder sie schärft den Blick für das, was nicht sein sollte, und wer als Kind die (lange Jahre mit der Signalfarbe Orange versehenen) Bücher von Beltz & Gelberg in die Hand bekam, der konnte eine Menge darüber lesen, wie angemaßte Autorität lächerlich wurde, wie Hierarchien ins Wanken gerieten oder wie altbekannte Geschichten auf den Kopf gestellt wurden, etwa in Iring Fetschers Märchen „Die Geiß und die sieben Wölflein“.

          Nur eines wird man in den vom Stifter-Leser Gelberg geschaffenen Büchern, nicht zuletzt den von ihm zusammengestellten Anthologien, nicht finden: den eifernden Ton des Bilderstürmers. „Geh und spiel mit dem Riesen“, erschienen 1971 und im folgenden Jahr mit dem Jugendliteraturpreis ausgezeichnet, ist ein Jahrbuch, das programmatisch gemeint ist und diese Wirkung auch mühelos entfaltete, das aber in seiner ungewöhnlichen Gestalt, seinem verspielten Bilderreichtum und der entfesselten Typographie zuallererst auf die Leselust setzt und das genau daher bis heute so frisch geblieben ist wie viele andere, längst zu Klassikern gewordene Bücher des Weinheimer Verlags.

          Am besten ein Leben lang

          Peter Härtling, Christine Nöstlinger, Janosch, Josef Guggenmos, Sabine Friedrichson, Nikolaus Heidelbach und viele andere mehr - die Liste derer, die gemeinsam mit Gelberg das deutsche Kinderbuch in Wort und Bild verändert und den Anspruch des Verlegers locker eingelöst haben, ist lang und voller illustrer Namen. Und gerade in einer Zeit, in der sich die Gewichte der Kinder- und Jugendliteratur unübersehbar vom Kinder- zum Jugendbuch verschieben, das auch für erwachsene Leser attraktiv ist, tritt der versierte Kinderlyrik-Kenner Gelberg immer wieder als Anwalt für jüngere Leser ein, der weiß, dass sich ein gutes Kinderbuch auch vorlesen lassen muss und jeden falschen Ton dabei sofort offenbart.

          Gerade ist sein neuestes Buch erschienen, der von Nikolaus Heidlbach illustrierte Prachtband „Märchen aus aller Welt“. Das Buch endet mit einem Zitat aus einem bulgarischen Volksmärchen: „Von da an sind die Drachen ganz von der Erde verschwunden. Es gibt sie trotzdem, aber man sieht sie nicht.“ Wie langweilig wäre es, so mag man sich dieses Wort auslegen, wenn man sich in einer entzauberten Welt nur an das Offensichtliche hielte. Oder auch: Wer Drachen treffen will, der muss seine Ohren aufsperren, am besten ein Leben lang. An diesem Freitag feiert Hans-Joachim Gelberg seinen achtzigsten Geburtstag.

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