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György Konrád zum Achtzigsten : Wider die Willkürherrschaft

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Geboren am 2. April 1933 in Debrecen: der Schriftsteller György Konrád Bild: Matthias Lüdecke

Er schreibt gegen Gewaltherrschaft und Verfolgung, in Ungarn und andernorts: Dem Schriftsteller György Konrád, ungeschlagen im Kampf gegen Diktaturen jeder Couleur, zum Achtzigsten.

          Als der in Ostungarn geborene Jude György Konrád 1944 auf der Flucht vor den nationalsozialistischen Schergen und ihren ungarischen Helfern als elfjähriger Junge in Budapest mit seiner Schwester Unterschlupf fand, konnte er nicht ahnen, dass er eines Tages besonders in Deutschland als Schriftsteller höchste Ehren genießen würde. Mit seiner engsten Familie der systematischen Ermordung knapp entronnen, war für ihn auch nicht voraussehbar, dass über Ungarn schon bald die nächste Diktatur hereinbrechen würde. Das Trauma des Holocaust, mit dem er sich literarisch erst viel später auseinandersetzen sollte, wurde erst einmal von den Wirren und Tragödien der kommunistischen Zeit verdrängt.

          1956, im Jahr des ungarischen Aufstands, schloss Konrád gerade sein Studium der Literatur, Soziologie und Psychologie in Budapest ab. Als er sich der studentischen Nationalgarde anschloss und für sie, wie er später erzählte, einen viel zu literarisch geratenen Appell an die einmarschierenden russischen Soldaten verfasste, kostete ihn, seit kurzem Redaktionsmitglied der damals neuen Kulturzeitschrift „Életképek“ (Lebensbilder), dieses Engagement seine Anstellung. Von den kommunistischen Zukunftsversprechen blieb nun auch ihm nurmehr die triste Gegenwart und der Überlebenskampf im real existierenden Sozialismus.

          Ein Buch wie eine Bombe

          Mit dessen Schattenseiten war Konrád, der sich mehrere Jahre mit Gelegenheitsarbeiten über Wasser hielt, als Jugendschutzinspektor einer Budapester Vormundschaftsbehörde von 1959 bis 1965 unmittelbar konfrontiert. Diese Erfahrung lieferte ihm den Stoff für sein 1969 erschienenes Romandebüt „Der Besucher“, das ihn als Schriftsteller in Europa schlagartig bekannt machte. Konrád beschrieb darin gleichermaßen faktenreich wie kontemplativ Kindesmissbrauch, Vergewaltigung und Mord als ganz normale Alltagsphänomene der propagierten kommunistischen Utopie. In Ungarn verlegt wurde es allerdings nur in zensierter Fassung; das vollständige Manuskript erschien noch im gleichen Jahr bei Luchterhand.

          In der Originalfassung wurde auch Konráds zweites Prosawerk zuerst hierzulande veröffentlicht. „Der Stadtgründer“, 1975 im Münchener List-Verlag erschienen, hat den beruflichen Wechsel des Schriftstellers von einem Verwalter des Elends im Sozialismus zu einem Mitgestalter seiner urbanen Zukunft an einer stadtplanerischen Forschungsstelle zum Hintergrund. In dem ebenfalls autobiographisch gefärbten Werk verzweifelt der Romanheld am kommunistischen Planungsdogmatismus und bereut die eigenen „nur mit Dynamit zu korrigierenden Irrtümer im Eisenbetongerüst“. Konráds Systemkritik, die erst 1977 in Ungarn in stark zensierter Form publiziert wurde, machten den Schriftsteller, der schon 1973 seine Stelle als Soziologe verloren hatte, endgültig zum Staatsfeind. Von seinem subversiv denkenden Stadtplaner bis zu dem gemeinsam mit seinem Soziologen-Kollegen und Freund Iván Szelényi 1974 heimlich verfassten Essay „Die Intelligenz auf dem Weg zur Klassenmacht“ war es dann nur ein kleiner Schritt. 1978 im Westen veröffentlicht, schlug das Buch wie eine Bombe ein, denn die Autoren hatten darin mit dem Mythos vom kommunistischen „Arbeiterstaat“ aufgeräumt, den sie als ein Herrschaftssystem entlarvten, das längst dabei war, von einer mächtig gewordenen Intelligenzija usurpiert zu werden.

          Ruhelos

          Die Konsequenz für Konrád war ein langjähriges Publikationsverbot. Seine von nun an bis zum Zusammenbruch des Kommunismus im Westen veröffentlichten Essaybände ließen erst einmal den politischen Schriftsteller in den Vordergrund treten. Als Verfechter des Gedankens von Mitteleuropa als einer geistigen Republik der Intellektuellen trug er entscheidend zur Diskreditierung der imperialen sowjetischen Idee bei. Weitsichtig rief Konrád schon 1984 dazu auf, den Eisernen Vorhang zu beseitigen, aber auch die strategischen Interessen Russlands nicht aus dem Blick zu verlieren: „Die Russen haben ein Recht auf Sicherheit und Freundschaft, doch sie haben kein Recht auf einen wie immer gearteten Imperialismus.“

          Nach der Wende wurde der Dissident mit Ehrungen und Auszeichnungen gewürdigt. Ab 1990 saß er für drei Jahre dem Internationalen Pen-Club vor, erhielt 1991 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels und amtierte zwischen 1997 und 2003 als Präsident der Berliner Akademie der Künste. Der weiterhin als politischer Essayist wirkende Konrád wandte sich als Romancier in den neunziger Jahren in seiner Budapester-Trilogie rückblickend der kommunistischen Ära in Ungarn zu und zeichnete kunstvoll ein melancholisch gestimmtes Panorama vom Leben seiner Generationsgenossen. 2005 signalisierte er in der Autobiographie „Das Buch Kalligaro“ (deutsch 2007), kürzertreten zu wollen - in seinem Alter spiele „man den Ball gern einem schnelleren Stürmer zu“. Ruhe aber war ihm nicht vergönnt. György Konrád, der an diesem Dienstag achtzig wird, schreibt nun erneut gegen einen, wie er ihn in der F.A.Z. nannte, „undemokratischen Parteienstaat“ in Ungarn an, der längst von einer „parlamentarischen Diktatur“ gelenkt werde.

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