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György Dalos zum Siebzigsten : Seine Lage in der Lage

  • -Aktualisiert am

György Dalos 2011 in Berlin. Bild: Isolde Ohlbaum/laif

Fließende Übergang zwischen Autobiographie, Literatur und Zeitgeschichte: Der Dissident, Ironiker Erzähler und große europäische Intellektuelle György Dalos wird siebzig.

          Vielleicht wäre er Ethnologe geworden oder Reporter, wenn das geklappt hätte mit dem Studium der Afrikanistik in Moskau, damals in den sechziger Jahren. Doch nachdem der junge Ungar bei der Aufnahmeprüfung an der Lomonossow-Universität seine Deutschkenntnisse zugegeben hatte, teilte die Kommission ihn der Fachgruppe „Deutsche Zeitgeschichte“ zu. Und so kam es, dass György Dalos sein Studium mit einer Diplomarbeit über das Heidelberger Programm der SPD abschloss. Eine Karriere als Historiker war ihm trotzdem nicht beschieden.

          Zurück in Budapest, arbeitete Dalos zunächst im Museum für Arbeiterbewegung, bis er im „Maoistenprozess“ zu sieben Monaten auf Bewährung verurteilt, aus der Partei ausgeschlossen und aus der Arbeit entlassen wurde. Auch das Publizieren war ihm nun untersagt. Er verdiente seinen Lebensunterhalt mit Übersetzungen aus dem Russischen und Deutschen. Fast zwanzig Jahre lang durften seine Bücher in Ungarn nicht erscheinen.

          Seine Erlebnisse aus jener Zeit hat György Dalos in einer Erzählung verarbeitet. Sie heißt „Kurzer Lehrgang – langer Marsch“ und ist mit dem Untertitel „Dokumontage“ 1985 im Rotbuch-Verlag erschienen. Hier zeichnet sich bereits eine Struktur ab, die alle seine späteren Romane, Essays und Sachbücher prägen wird: der fließende Übergang zwischen Autobiographie, Literatur und Zeitgeschichte.

          Biographisches im Roman

          Am 23. September 1943 wurde György Dalos als Kind jüdischer Eltern ins faschistische Horthy-Ungarn hineingeboren. Nachdem sein Vater 1945 an den Folgen der Zwangsarbeit unter den Nazis starb, verbrachte der Junge den größten Teil seiner Kindheit in jüdischen Internaten, wo er religiös erzogen wurde und Hebräisch lernte. Deutsch brachte ihm seine Großmutter bei.

          Seinen persönlichen Konflikt mit überlieferten Werten und Rollenbildern hat Dalos in einer Trilogie verarbeitet, die starke autobiographische Züge trägt. Der erste und bekannteste Teil, „Die Beschneidung“, erschien 1990. Hauptfigur ist der dreizehnjährige Robi Singer. Er fürchtet sich davor, beschnitten zu werden, verweigert sich dem Ritual, gerät ins Abseits, gewinnt aber zugleich seine Freiheit als Individuum.

          Unlängst knüpfte Dalos erneut an diese Trilogie an. Sein Roman „Der Fall des Ökonomen“ folgt dem Schicksal eines seiner frühen Protagonisten, der durch alle Maschen des Systems gefallen ist und völlig verarmt im heutigen Budapest lebt. Es ist eine anrührende Geschichte, an der sich aber auch zeigt, dass die schelmische Ironie des Autors, die in ideologisch festgefahrenen Verhältnissen noch auflockernd wirkte, heute an ihre Grenzen stößt.

          Protagonist im Nachwende-Berlin

          György Dalos ist Zeitzeuge. Er hat die Veränderungen in Ostmitteleuropa als teilnehmender Beobachter erlebt. 1977 war er Mitbegründer der ungarischen Demokratiebewegung. Seit dem Ende der siebziger Jahre durfte er freizügiger reisen und bewegte sich zwischen ungarischen Kommunisten, Ostberliner Dissidenten und Westberliner Linksintellektuellen. Hans Magnus Enzensberger, Thomas Brasch und der damals inhaftierte Peter Paul Zahl bearbeiteten seine Texte für die Veröffentlichung. Es erschienen Bücher mit schlagenden Titeln wie „Meine Lage in der Lage“ (1979), oder „Archipel Gulasch. Die Entstehung der demokratischen Opposition in Ungarn“ (1985).

          Von 1991 bis 1995 wirkte Dalos als Direktor des „Haus Ungarn“ an der Karl-Liebknecht-Straße und befreite das Kulturzentrum von seinem folkloristischen Image. Dadurch zählt er auch zu den wichtigen Protagonisten im Nachwende-Berlin. Als Dalos im Jahr 2010 der Leipziger Buchpreis für Europäische Verständigung verliehen wurde und er in seiner Dankesrede davon sprach, dass die Literatur über Grenzen und Büchermärkte hinweg noch immer Schmuggelware sei, klang das schon etwas nostalgisch. Heute wird György Dalos siebzig Jahre alt. Wir gratulieren einem großen europäischen Intellektuellen.

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