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Trauerfeier für Günter Grass : Manchmal liebte er uns stärker als wir selbst

Seine Hand, seine Pfeife: In Lübeck gedachten neunhundert Gäste des verstorbenen Nobelpreiträgers Günter Grass. Bild: dpa

Barockmusik und Gedichte gaben den Rahmen einer Trauerfeier in Lübeck, wie Günter Grass sie sich gewünscht haben mag. Das schönste und schlichteste Abschiedswort sprach der Präsident seiner Geburtsstadt Danzig.

          Eine Mischung aus Trauerstunde und bleischwerem Staatsakt, das hätte ihm nicht gefallen. Günter Grass, der am 13. April verstorbene Literaturnobelpreisträger, hatte sich eine Gedenkfeier zum Abschied gewünscht. In Anwesenheit von Bundespräsident Joachim Gauck, der indes nicht zu den Rednern des Tages gehörte, und mit keineswegs nur getragen klingender Barockmusik, drei eigenen Gedichten und einer sehr persönlichen Rede seines Schriftstellerkollegen John Irving bekam Grass, was er sich vorgestellt haben mag: eine Gedenkstunde, die möglichst viele Facetten dieses Künstlers aufscheinen ließ, der Lyriker, Erzähler, Bildhauer und Zeichner war, der dichtete, aquarellierte, modellierte, provozierte.

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

          Freunde und Weggefährten waren unter den etwa neunhundert Gästen zahlreich versammelt: Neben Mario Adorf, den Schriftstellern Adolf Muschg, Christoph Hein, Jens Sparschuh und Benjamin Lebert, neben Klaus Staeck und Danzigs Stadtpräsident Pawel Adamowicz war vor allem die SPD so zahlreich in Lübeck vertreten, dass Kulturstaatsministerin Monika Grütters in ihrer kurzen Rede die „versammelte Parteiprominenz“ eigens begrüßte. Vizekanzler Sigmar Gabriel, Nordrhein-Westfalens Ministerpräsidentin Hannelore Kraft, ihr Amtskollege Torsten Albig aus Schleswig-Holstein, Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz sowie Alt-Bundeskanzler Gerhard Schröder hörten es lächelnd in den ersten Reihen des Theaters, vor dem sich die ersten Lübecker Bürger bereits Stunden vor Veranstaltungsbeginn eingefunden hatten.

          Abschied : Trauerfeier für Günter Grass in Lübeck

          Wir Danziger

          Mit dem Gedicht „Trotz allem“ kam der Verstorbene in Anwesenheit seiner Witwe Ute Grass und weiterer Familienmitgliedern als Erster zu Wort, bevor Lübecks Bürgermeister Bernd Saxe die Gründe benannte, die den gebürtigen Danziger vor mehr als zwanzig Jahren bewogen hatten, von Berlin nach Lübeck zu ziehen: Da war erstens die Ostsee, zweitens Thomas Mann, drittens Willy Brandt. Herkunft, literarischer Weltruhm, politisches Engagement – damit waren drei wichtige Facetten von Günter Grass benannt, der als mündiger und wortmächtiger Bürger beschworen und als idealer, weil furchtlos unbequemer Intellektueller gewürdigt wurde. Einen Schriftsteller wie Grass gebe es heute nicht mehr, sagte Irving: „Jedenfalls keinen, der Wahlkampfreden für Willy Brandt schreiben könnte und einen Roman, der 1647 gegen Ende des Dreißigjährigen Krieges spielt, und außerdem einen Roman, in dem nicht nur ein sprechender Fisch wegen Chauvinismus vor Gericht steht, sondern auch die Geschichte der Ursprünge der Kartoffel in Preußen dargelegt wird.“

          Nachdem John Irving seinen Freund Grass in gewagter Anlehnung an den jüdischen Spielzeughändler Sigismund Marcus aus der „Blechtrommel“ als den „König der Spielzeughändler“ verabschiedet hatte, las Mario Adorf zum Abschluss das  autobiographische Gedicht „Kleckerburg“, in dem Grass nach Herkunft, Heimat und politischen Grenzen fragt. Das schönste und schlichteste Abschiedswort sprach Pawel Adamowicz, der Präsident der Stadt, in der Günter Grass 1927 geboren wurde und die er in seinem Werk verewigt hat. Auf irgendeine Art und Weise, sagte Adamowicz, habe Grass die Polen geliebt – „manchmal stärker als wir selbst. Und wir liebten ihn auch. Und wir sind auch stolz auf ihn: wir Polen, wir Danziger.“

          Quelle: FAZ.NET

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