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Rushdie über Grass : Der große Tänzer der Literatur

  • -Aktualisiert am

In Freundschaft verbunden: Salman Rushdie (l.) und Günter Grass (r.) Bild: Frank Röth

Schriftsteller, Bildhauer, Tänzer: Günter Grass war ein Vielbegabter, über dessen Energie und Charme man nur Staunen konnte. Salman Rushdie verabschiedet sich von seinem Freund.

          Als ich 1982 anlässlich des Erscheinens der deutschen Fassung von „Mitternachtskinder“ in Hamburg war, fragte mich mein Verlag, ob ich Günter Grass treffen wolle. Selbstverständlich wollte ich, und so brachte man mich nach Wewelsfleth, in jenes Dorf in der Nähe von Hamburg, wo Grass damals lebte. Er hatte zwei Häuser im Ort. In einem schrieb und wohnte er, das andere nutzte er als Atelier.

          Nach einigem anfänglichen Klingenkreuzen – als der jüngere Schriftsteller wurde von mir ein Kniefall erwartet, ein Gebot, dem ich in diesem Fall gern nachkam –, befand Grass unvermittelt, dass ich genehm sei. Er führte mich zu einer Vitrine, in der er seine Sammlung alter Gläser aufbewahrte, und forderte mich auf, mir eines auszusuchen. Dann holte er eine Flasche Schnaps, und als wir an deren Boden ankamen, waren wir Freunde. Später torkelten wir zum Atelier hinüber, und ich war bezaubert von den Objekten, die ich dort sah und die ich alle aus seinen Romanen wiedererkannte: Aale aus Bronze, Butte aus Terrakotta, Kaltnadelradierungen eines Jungen, der eine Blechtrommel schlägt. Ich beneidete ihn um seine künstlerische Begabung fast mehr, als ich sein literarisches Genie bewunderte. Welch wunderbare Vorstellung, am Ende eines Schreibtages die Straße hinunterzugehen und eine andere Art Künstler zu werden! Er entwarf auch seine eigenen Buchcover: Hunde, Ratten, Kröten zogen aus seinem Stift auf seine Schutzumschläge.

          Lasst die Bücher für ihn sprechen

          Nach dieser Begegnung wollte jeder Journalist, den ich traf, von mir wissen, was ich über Grass denke, und wenn ich dann antwortete, dass ich ihn für einen der zwei oder drei größten lebenden Schriftsteller der Welt hielt, sahen einige von ihnen enttäuscht drein und sagten: „Nun ja, ,Die Blechtrommel‘, aber ist das nicht schon lange her?“ Darauf versuchte ich zu antworten, dass, wenn Grass diesen Roman nicht geschrieben hätte, all seine anderen Bücher völlig ausreichen würden für die Anerkennung, die ich ihm zollte, und dass die Tatsache, dass er daneben AUCH NOCH „Die Blechtrommel“ geschrieben habe, ihm endgültig einen Platz unter den Unsterblichen sichere. Die skeptischen Journalisten sahen abermals enttäuscht aus. Sie hätten eine bissigere Bemerkung vorgezogen, aber ich hatte nichts Boshaftes zu sagen.

          Natürlich liebte ich ihn für sein Schreiben – für seine Liebe zu den Grimmschen Märchen, die er in modernem Gewand neu schuf, für die schwarze Komödie, die er in seine Beschäftigung mit der Geschichte hineinbrachte, für die Verspieltheit seiner Ernsthaftigkeit, für den unvergesslichen Mut, mit dem er den großen Übeln seiner Zeit ins Gesicht blickte und mit dem er das Unaussprechliche in große Kunst verwandelte. (Später, als er vielfach als Nazi und Antisemit verunglimpft wurde, dachte ich: Lasst die Bücher für ihn sprechen, die größten antinazistischen Meisterwerke, die je geschrieben wurden, mit Passagen über die selbst gewählte Blindheit der Deutschen gegenüber dem Holocaust, die kein Antisemit je hätte schreiben können.)

          Von den Greuel der Geschichte wirbelnd zur Schönheit der Literatur

          Zu seinem siebzigsten Geburtstag versammelten sich zu seinen Ehren zahlreiche Schriftsteller – Nadine Gordimer, John Irving und die gesamte deutsche Literaturszene – im Hamburger Thalia-Theater. Ich erinnere mich vor allem daran, wie nach dem Lobgesang die Bühne zur Tanzfläche umfunktioniert wurde und Grass sich als Meister dessen erwies, was ich Anfass-Tanz nenne. Er beherrschte Walzer, Polka, Foxtrott, Tango und Gavotte, und es schien, als stünden die schönsten Mädchen Deutschlands Schlange, um mit ihm zu tanzen. Wie er sich da so entzückt schwang und drehte und beugte, verstand ich mit einem Mal, was er war: der große Tänzer der deutschen Literatur, von den Greueln der Geschichte wirbelnd zur Schönheit der Literatur, Böses kraft des Charmes seiner Persönlichkeit überlebend – und wegen seines komödiantischen Gespürs für das Lächerliche.

          Zu den Journalisten, die ihn 1982 niedermachen wollten, sagte ich: „Vielleicht muss er sterben, bevor ihr erkennt, was für einen großen Mann ihr verloren habt.“ Diese Zeit ist nun gekommen. Ich hoffe, sie erkennen es jetzt.

          Aus dem Englischen von Felicitas von Lovenberg.

          Salman Rushdie, 1947 in Bombay geboren, lebt in New York. Auf Deutsch erschien zuletzt der autobiographische Band „Joseph Anton“.

          Quelle: F.A.Z.

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