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Gottfried-Benn-Funde : Mein schäumender Lebensbecher

  • -Aktualisiert am

Elisabeth (Lisa) Sälzer, Benns Angebetete Bild: Privat

Im Jahrhundertsommer 1904 verliebt sich der jungen Gottfried Benn in die Tochter eines Lederfabrikanten, schreibt ihr einen heißen Brief und ein heißes Gedicht. Beide Funde kommen nun unter den Hammer. Hier sind sie zu lesen.

          Ein Dachbodenfund förderte Gottfried Benns frühestes erhaltenes Liebesgedicht zutage: Zusammen mit einem Brief, der ebenfalls im August 1904 geschrieben wurde und an die Großmutter der glücklichen Finderin gerichtet ist, tauchte ein Fotoalbum mit Aufnahmen aus jenem Jahrhundertsommer auf, der besonders im Juli nicht nur tropische Hitze nach Mitteleuropa, sondern auch das Blut des angehenden Dichters in Wallung brachte. Offensichtlich hatte der Heißsporn zuerst der jüngeren Schwester der angedichteten Elisabeth Sälzer den Kopf verdreht, denn „Lisa“, von der sich Benn am 5. August 1904 mit einem Liebesgedicht verabschiedet hatte, verbot ihm „um Trudes Willen“ zu schreiben. Da die „nun nicht in Marburg“ sei, setzte er sich über das Verbot hinweg und machte seiner „unaussprechlichen, brennenden Sehnsucht nach Marburg“ Luft.

          Möglicherweise zum ersten, bestimmt jedoch nicht zum letzten Mal war der lyrische Kessel so sehr angeheizt, dass Dampf abgelassen werden musste: „Sollt’st es wissen, daß mein Leben / Friedlos, einsamsmüd’ verderbt, / daß mein schäumender Lebensbecher / auch von Sünden schon verfärbt.“ Es war noch nicht lange her, da hatte Benn Gedichte solcher Art an die in Berlin erscheinende „Romanzeitung“ geschickt und der verantwortliche Redakteur ihm mit auf den Weg gegeben: „Warmes Gefühl, unzureichender Ausdruck. Vermeiden Sie auch die Elisionen ,woll’n’, ,soll’n’, ,spiel’n’. Das macht die Sprache hart.“

          Kein Wort über Marburg

          Später hat Benn seine Marburger Zeit für nur wenig erwähnenswert gehalten. In seiner autobiographischen Schrift „Lebensweg eines Intellektualisten“ heißt es 1934 lapidar: „Studierte dann auf Wunsch meines Vaters Theologie und Philologie zwei Jahre lang entgegen meiner Neigung.“ Nachdem 1950 die Fortsetzung der Autobiographie erschienen war, beschwerte sich ein früheres Mitglied der Korporation, der auch Benn angehörte, beim ehemaligen Bücherwart, Mitglied der Festkommission und Frühschoppenvertreter: „In dem Buch ,Ein Doppelleben’ suchte ich soeben, / Was Du über Marburg sagtest, / ... / Doch steht in der Worte Zahl / ,Marburg’ nicht ein einziges Mal. / Unsichtbar nur war zu lesen: ,Marburg ist mir nichts gewesen’.“ Zwar hatte der alte Kamerad versäumt, Benns Vortrag „Probleme der Lyrik“ zur Kenntnis zu nehmen, den Benn 1951 in Marburg gehalten und in dem er die Modernität der von ihm besuchten Vorlesungen und Seminare hervorgehoben hatte, doch trifft seine Kritik insofern ins Schwarze, als von Benn keinerlei Selbstaussagen über den Zeitraum vom Herbst 1903 bis zum Sommer 1904 existieren.

          Ein Sommerausflug unter Freunden 1904 im Marburger Wald:
Links sitzt Gottfried (Ratz) Benn, daneben Gertrude Sälzer, Johann Walter (Joba) Isleib, Lily Horst und Fritz Schott. Verliebt war Benn in Elisabeth (Lisa) Sälzer.

          Wahrscheinlich lernte Benn die aus großbürgerlichem Milieu stammenden Schwestern Elisabeth (Lisa) und Gertrude (Trude) Sälzer aus der Wörthstraße 21 (und damit nur wenige Meter von Benns Bleibe in der Wilhelmstraße 10 entfernt) kennen, als für ihn bereits feststand, dass er die mittelhessische Universitätsstadt verlassen und die Sommerferien zu Hause in Sellin verbringen würde, ehe er das in Deutschlands ältester protestantischer Universität begonnene Studium nach nur einem Jahr in Berlin fortsetzen wollte.

          Nicht völlig „abgeblitzt“

          Der Abschied von der Stadt ist ihm offensichtlich nicht ganz so leicht gefallen, wie in der Benn-Forschung bislang angenommen wurde, denn beide Schwestern hatten es „Ratz“ - Gottfried ließ sich gern nach seinem im Akademischen Turnverein Marburg erworbenen „Biernamen“ nennen - angetan. Elisabeth (1885 bis 1974), die intellektuellere der beiden Töchter eines Lederfabrikanten, hatte vom ersten Tag ihrer Begegnung an verstanden, dass der gerade einmal achtzehnjährige Student aus der Neumark etwas ganz Besonderes war. In langen Spaziergängen zu zweit schüttete „Ratz“ der neugierigen, belesenen und künstlerisch interessierten jungen Frau, die ein Jahr älter war als er selbst, sein Herz aus. Er wollte Medizin studieren und ein Dichter sein, doch sein Vater, evangelischer Pfarrer in Sellin, ließ ihn eben nicht. Da Benn es ablehnte, dem Vater im geistlichen Amt zu folgen, sollte es zumindest die Theologie sein, und man einigte sich vorläufig.

          Schon im ersten Winter hatte Gottfried Benn beschlossen, sekundiert von seinem Freund Heinrich von Finckenstein, zu Christoph Blumhardt nach Bad Boll zu reisen, um den mit der Familie Benn befreundeten Pfarrer in seine Nöte einzuweihen, mit dem Ziel, den sturen Vater umzustimmen. Man beschloss, das ungeliebte Studium pro forma erst einmal in Berlin fortzusetzen und sich bei nächster Gelegenheit für das Medizinstudium an der Kaiser-Wilhelms-Akademie für das militärärztliche Bildungswesen (genannt Pépinière) zu bewerben.

          Lisa, bei der sich schon frühzeitig ein Helfersyndrom abzeichnete, erkannte nicht nur das Genie des schmächtigen Jungen, sondern wusste ebenfalls um sein stürmisches Temperament in Liebesangelegenheiten. Sie wollte, so berichtete sie noch nach Jahrzehnten, Gottfried nicht völlig „abblitzen“ lassen, obwohl sie ihn nie recht habe einordnen können. Nach dem Abitur wurde sie Krankenpflegerin, pflegte im Ersten Weltkrieg verwundete Soldaten in Lazaretten und später mehr als dreißig Jahre lang ihren Mann, nachdem der im Alter von vierzig Jahren einen Schlaganfall erlitten hatte, ehe beide im hohen Alter an Brandverletzungen, die sie sich 1974 zuzogen, starben. Den Kontakt zu ihrem Verehrer von 1904 hat sie, selbst nachdem der ein berühmter Dichter geworden war, nie mehr gesucht.

          Das Gedicht und der Brief

          Marburg, 5. 8. 04.

           

          Elisabeth.

          Meines heißen, wilden Herzens                                                                                             Sünd’ u. Sehnsucht wollt’ ich nun                                                                                              Dir in Deine Hände geben:                                                                                                   Nimm es hin u. laß es ruhn.

          Sollt’st es wissen, daß mein Leben                                                                                    Friedlos, einsamsmüd’ verderbt,                                                                                             Daß mein schäumender Lebensbecher                                                                                   Auch von Sünden schon verfärbt.

          Doch jetzt dacht’ ich, daß ich Liebe                                                                                       Sünd’ u. Sehnsucht nun durchtollt,                                                                                          Daß ich nun in Deine lieben                                                                                                 Hände alles legen sollt’!

          Doch Du sagst, Du darfst nicht nehmen                                                                                  darfst nicht, - wie mein Herz auch litt -                                                                                Tränen nur und tote Träume                                                                                                Nehm’ ich heut’ beim Abschied mit.

          Ihr treuer Gottfried Benn.

           

           

          Der Brief an Elisabeth vom 15. 8. 1904 lautet:

           

          Sellin b. Baerwalde (Neumark), den 15. 8. 1904.

           

          Liebes Fräulein Sälzer!

          Sie haben mir ja nun zwar eigentlich nicht erlaubt, Ihnen zu schreiben, um Trudes Willen und da sie nun nicht in Marburg ist, dürfte ich es, ja vielleicht, wenn ich wirklich glaubte, daß dies Ihr wahrer Grund gewesen. Da ich mir aber denke, es sind doch noch andere Gründe, die Sie bestimmt haben, mir einen Brief nicht zu gestatten, so bitte ich Sie um Entschuldigung, daß ich es trotzdem tue, versichere Ihnen aber, daß es so bald nicht wieder vorkommen soll, da ich Ihren Wunsch, auch wenn ich die Gründe nicht weiß, natürlich befolge. Was für zwei lange Satzungeheuer sind das nun geworden, bloß um Ihnen ganz einfach zu sagen, daß ich heute so ganz besonders intensiv an Sie denken muß, da heut Ihre Freundin abgereist ist u. auch Joba in die Ferien gegangen. Wahrscheinlich sind Sie dann mit Fritz Schott nachmittag spazieren gegangen u. sitzen nun zu Hause u. fühlen sich so namenlos einsam u. verlassen, wie man sich eben immer fühlt, wenn ein lieber u. langer Besuch einen verlassen hat. Ich kanns Ihnen heute besonders nachfühlen, da auch ich jetzt nachmittag meinen liebsten u. besten Freund auf die Bahn begleitet habe, der absolut allein, ohne Vater u Mutter u. Freund dasteht, von allen verbannt, u von keinen verstanden u der jetzt einem ganz besonders schweren Schicksal entgegengeht um einer Frau Willen, die er liebt, und die einem andern gehört. - Sehen Sie, vorhin, als ich den Brief anfing, hatte ich eine so unaussprechliche, brennende Sehnsucht in mir nach - Marburg, und jetzt, wo ich ein paar Worte an Sie geschrieben habe, ist mir so wohl u. ruhig geworden; ich danke Ihnen für diesen unbewußt geleisteten Liebesdienst.

          Wie ich schon sagte, ich will mich zusammennehmen u. Ihnen nicht so bald wieder schreiben, diesmal verzeihen Sie es mir bitte, Sie waren ja immer zu mir wie zu einem kranken Kinde lieb und heut vor 2 Wochen fuhren wir von Wehrda zurück. Wie soll ich unterschreiben? Ich weiß es nicht.

           

          Gottfried Benn.

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