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Samstag, 11. Februar 2012
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Gespräch mit Jonathan Franzen Der Fluch der Freiheit

08.09.2010 ·  Einundfünfzig, geschieden und bekennender Feminist: Heute erscheint der neue Roman von Jonathan Franzen. Ein Gespräch mit dem amerikanischen Schriftsteller über sein Land, seine Leser und das ewige Leid mit der Konkurrenz.

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Sie haben bisher mit jedem Roman etwas Neues versucht. In „Freiheit“ hingegen hat man den Eindruck, Sie seien zu etwas zurückgekehrt, was Ihnen mit den „Korrekturen“ schon einmal glänzend gelungen ist, nämlich zu einem Familienroman, der sich zugleich als Porträt Amerikas lesen lässt.

Jonathan Franzen: Ich betrachte es nicht als Rückkehr, denn für mich ist dieses Buch ganz anders als „Die Korrekturen“, sowohl was den Ton als auch die Vorgehensweise angeht. All meine Romane handeln von Familien, und auch „Die Unruhezone“ erzählt ja eine Familiengeschichte. So präsentieren sich mir lohnende Geschichten nun einmal. Familienkonstellationen liefern einen enormen Mehrwert - die Beziehungen sind emotional so belastet und so konfliktreich, dass ich sie unwiderstehlich finde.

All Ihre Familien stammen aus dem Mittleren Westen, wie Sie selbst. Ist es für die amerikanische Identität noch so entscheidend, woher jemand kommt?

Für mich schon. Möglicherweise sind die tatsächlichen Unterschiede zwischen dem Mittleren Westen, der Ost- und der Westküste nicht mehr so wichtig, aber die symbolischen Unterschiede sind nach wie vor groß. Der Mittlere Westen steht für altmodische Werte und eine gewisse Arglosigkeit. In „Freiheit“ habe ich aus den Berglunds die Familie einer Frau gemacht, die sich von der von ihr als korrupt empfundenen Ostküste und damit ihrer Herkunft abwendet, um sich im Mittleren Westen ein anderes, unschuldigeres Leben aufzubauen. Patty versucht, in St. Paul ein Familienleben wie im Märchen zu führen. Schon die geographische Distanz spielt dabei eine Rolle. Es gibt keinen Ort in Deutschland, der so weit entfernt von irgendwo anders liegt wie St. Paul von New York. Das ist so, als würde die unglückliche Tochter einer Frankfurter Familie nach Spanien ziehen. Oder nach Russland.

Sind Sie während der Arbeit am Buch in St. Paul gewesen?

Ja, aber nur ganz am Schluss, um einige Details abzugleichen. Meine Familie stammt aus Minnesota, meine Eltern wurden beide dort geboren, und auch meine zwei älteren Brüder kamen dort zur Welt. Ich habe als Kind die Sommer dort verbracht und war auch oft im Winter da. Obwohl ich in St. Louis aufgewachsen bin, empfinde ich mich ebenso sehr als Minnesotan wie als Missourian.

Seitdem „Die Korrekturen“ im September 2001 herauskamen, hat Amerika viel durchlitten: die Anschläge von 9/11, den Irak-Krieg, die Wirtschaftskrise. „Freiheit“ lässt sich auch als ein Porträt Ihres Landes während dieses Jahrzehnts lesen. Verändern die politischen und ökonomischen Einschnitte also auch die Psyche der Menschen?

Zunächst einmal: Ich kann mir als Romancier nicht vornehmen, das Land oder die Kultur zu porträtieren. Das ist höchstens ein Nebenprodukt meiner Geschichten. Als ich an den „Korrekturen“ arbeitete, hatte ich den Eindruck, in einem Land zu leben, das für Leute wie meine Eltern mit ihren altmodischen, protestantischen Werten nicht wiederzuerkennen war. Der Kontrast zwischen diesen Moralvorstellungen und der Realität war ein wichtiger Antrieb beim Schreiben. In „Freiheit“ sind die Eltern nicht mehr da, aber ich habe versucht, mir vorzustellen, wie meine Eltern wohl gewesen wären, wenn sie in meinem Alter wären. Patty und Walter führen in vielfacher Hinsicht eine Ehe wie meine Eltern, aber dennoch musste ich mir diese beiden Charaktere viel mehr ausdenken als Alfred und Enid in den „Korrekturen“, diese beiden geradezu alttestamentarischen Figuren, die meinen Eltern so ähnelten. Solche Persönlichkeiten gibt es nicht mehr, weil es für Menschen mit der Intelligenz und der Bildung meiner Eltern heute gar nicht mehr möglich wäre, so zu sein. Was ich sagen will: Die Dinge, die mir beim Schreiben wichtig waren, hatten nichts mit Amerika als Ganzem zu tun, sondern es ging mir um ungelöste Konflikte und unbeantwortete Fragen in mir selbst. Wenn ich bewusst etwas aufzeigen wollte, dann höchstens, wie sehr sich das Land im Hinblick auf die Umwelt verändert hat: die ausufernden Ballungsräume, die verschwindenden Grünflächen, der dramatisch schrumpfende Bestand wildlebender Tiere.

Der Roman setzt sich vielschichtig mit seinem Titelthema auseinander. Wollten Sie zeigen, dass wir Freiheit heute allzu oft mit Glück verwechseln - und dabei immer unzufriedener werden?

Ich habe mir vorgenommen, nicht über Freiheit als Konzept zu sprechen, wenn es um den Roman geht - gerade weil das Thema im Buch dauernd vorkommt. Ich möchte nicht selbst interpretieren, was vorne auf dem Umschlag steht. Zwar habe ich zu den verschiedenen Aspekten des Themas Antworten parat, aber ich fürchte, sie bereits jetzt zu oft benutzt zu haben. Ich könnte Ihnen jetzt etwas darüber erzählen, wie die politische Rechte in Amerika den Freiheitsbegriff für sich missbraucht, über die vermeintliche Freiheit der Verbraucher und des sogenannten freien Marktes. Aber vielleicht genügen diese Stichworte schon.

Zur Freiheit gehört der Vergleich mit anderen - ein weiteres Thema des Buchs. Hat der ständige Konkurrenzdruck einen Optimierungswahn ausgelöst, dem wir immer weniger gewachsen sind?

Ja, in dieser Hinsicht waren die letzten Jahre keine glücklichen für Amerika. Ich bewundere unseren Präsidenten sehr, und ich erlebe Monat um Monat, wie er in die Knie gezwungen wird von Kräften, die selbst für jemanden von seinem beachtlichen Charisma zu stark sind. Ich habe gerade „The Big Short“ gelesen, das großartige Buch von Michael Lewis über die Finanzkrise. Gegen Ende sagt jemand, der durch die Krise viel Geld verdient hat: „Wir sind immer davon ausgegangen, dass irgendwo Erwachsene am Hebel saßen und dass diese Erwachsenen irgendwann einschreiten würden und etwas Rationales gegen dieses völlig irrationale Problem unternehmen würden.“ Irgendwann sei dieser Person dann klargeworden, dass es keine Erwachsenen mehr gibt, nicht mal an der Spitze, im Finanzministerium. Das scheint mir ein ausgezeichnetes Bild für das, was mit Amerika nicht stimmt: Jeder will so frei sein wie ein Teenager. Das ist toll, da kann man tun und kaufen, was man will, das Angebot ist riesig, und man muss nicht einmal bezahlen, sondern kann endlos Schulden machen. Was Deutschland angeht, habe ich übrigens den Eindruck, dass es bei Ihnen und in einigen anderen europäischen Ländern noch ein paar Erwachsene am Ruder sind.

Sie sind ein passionierter Vogelbeobachter, und der bedrohte Pappelwaldsänger ist eine Art Wappentier des Romans. Der Umweltschutz, dem Walter sich verschrieben hat, ist Ihnen auch persönlich ein großes Anliegen. Möchten Sie das Bewusstsein für das Thema schärfen?

Das Thema ist im Buch, weil es mir am Herzen liegt, nicht, um irgendjemandem etwas beizubringen. Walter, einer der vier Hauptfiguren, verzehrt sich förmlich vor Sorge um unseren Planeten. In einer solchen Situation fühlt man sich sehr allein, und Charaktere, die sich allein fühlen, sind für mich als Romancier attraktiv. Die Frage, was man selbst, um die Lage wissend, tun sollte, beschäftigt mich persönlich sehr. Weil mir das keine Ruhe ließ, habe ich fast ein Jahr lang die Arbeit am Buch unterbrochen.

Was haben Sie unternommen?

Ich bin nach China gereist. Ich schreibe keine Bücher, weil ich glaube, ich müsste etwas tun, schließlich ist der Roman nicht dazu da, Probleme zu lösen. Aber mit Artikeln ist das anders. Insofern war ich bestürzt, als ausgerechnet mein China-Text keinerlei Reaktionen hervorrief, als er im Frühjahr 2008 im „New Yorker“ erschien. Sechs Monate hatte ich daran gearbeitet; es war unglaublich schwierig, ein Visum zu bekommen, und ich werde vielleicht nie wieder nach China reisen dürfen wegen all der Dinge, die ich in dem Text geschrieben habe. Ich habe also sehr viel Mühe und Arbeit in dieses Stück gesteckt - und die Antwort war ein großes Schweigen. Danach war ich deprimiert und dachte mir, dass ich vielleicht doch eher mit Menschen in Verbindung treten könnte, indem ich ihnen Geschichten erzähle - und kehrte zum Roman zurück. Die Ironie ist, dass dadurch jetzt tatsächlich etwas in Bewegung zu kommen scheint. Seit dem Erscheinen von „Freiheit“ wird das Thema plötzlich aufgegriffen (deutet auf die Sonntagsausgabe der „New York Times“, die auf dem Tisch liegt). Entgegen aller Erwartung zeigt sich also, dass es eben doch möglich ist, zu den Leuten durchzudringen - und das ausgerechnet mit einer Geschichte, die keine Auswege oder Lösungen aufzeigt, keine Antwort auf die brennende Frage „Was ist zu tun?“ parat hat.

Interessanterweise wendet sich aktuell Ian McEwan in „Solar“ dem Umweltthema zu; Sie sind also schon zu zweit. Würden Sie es begrüßen, wenn andere Autoren Ihrem Beispiel folgten?

Ernsthafte Literatur kann höchstens die Alternative zu dem lautstarken täglichen politischen und digitalen Diskurs sein. Man sollte sich davon aber besser keine große Wirkung versprechen. Ich schreibe nicht, um irgendeinen Einfluss geltend zu machen, sondern weil ich mich allein fühle mit der Frustration darüber, was geschieht, und weil ich hoffe, dass es anderen genauso geht. Insofern fühlt sich die Arbeit an den Büchern an wie ein Dienst an der Gemeinschaft von Lesern und Schriftstellern.

Joey, Sohn der Berglunds und dritte Hauptfigur des Romans, hat am College naturgemäß ganz andere Sorgen. Sie selbst sind gerade einundfünfzig geworden, sind geschieden und haben keine Kinder - scheinen also genau zwischen Joey und Patty und Walter zu stehen. Welche Seite fiel Ihnen leichter?

Ich will immer in der Mitte sein, überall und nirgends zugleich. Rein altersmäßig bin ich ja nur ein oder zwei Jahre jünger als Walter. Einerseits bin ich ein ewiges Kind, andererseits jemand, der so schnell wie möglich erwachsen werden wollte. Insofern fühlte ich mich für beide Seiten gleichermaßen qualifiziert. Walters schwierige Beziehung zu Joey ist ja Alfreds Beziehung zu Chip in den „Korrekturen“ nicht ganz unähnlich. Aber ich wollte den Vater-Sohn-Konflikt diesmal anders erzählen. Ich habe also auf die Satire verzichtet, und auch auf eine gewisse Form guten Schreibens. Ich wollte ein Buch, das mehr gefühlt und weniger gedacht war.

Trotz seines Umfangs und der Komplexität der Charaktere wirkt der Roman sehr leichtfüßig. Ist Ihnen „Freiheit“ leichter von der Hand gegangen als „Die Korrekturen“?

Der Zorn war verflogen, der für „Die Korrekturen“ noch der Motor war. Nach jenem Buch fühlte ich mich derart vom Glück verwöhnt, privat wie beruflich, dass es unangebracht gewesen wäre, weiter wütend zu sein. Und lässt man den Zorn einmal weg, bekommt man ein völlig anderes Buch. Zorn ist produktiv; es lässt das, was man schreibt, lebendig werden. Darum sind junge Autoren oft zornig, es gibt ihrem Schreiben Biss. Zugleich ist Wut oft selbstgerecht. Das alles musste ich loslassen.

Mit welcher Figur haben Sie sich am schwersten getan?

Mit Joey. Vor ziemlich genau einem Jahr hatte ich eine Krise mit dem Buch, ich steckte fest. Da hatte ich ungefähr ein Drittel geschrieben. Ich strampelte mich ein, zwei Monate ab, bis mir irgendwann aufging, dass ich einen Weg finden musste, Joey zu mögen, weil ich den Typ nicht ausstehen konnte. Sobald ich aus seiner Perspektive zu schreiben begann und merkte, dass ich ihn einiges von dem durchmachen lassen konnte, was mir selbst mit zwanzig, einundzwanzig widerfahren ist, dauerte es nur noch ein halbes Jahr, bis das Buch fertig war. Die anderen drei Protagonisten, Patty, Walter und Richard Katz, sind ebenfalls alle Versionen von mir.

Richard Katz, Frauenheld, hemmungsloser Hedonist und später Rockstar?

Oh ja! Ich hatte viel Spaß mit ihm.

Und welche Figur war die erste? Patty?

Ja, auch wenn es lange gedauert hat. Wenn ich mit einem neuen Buch anfange, habe ich immer zu viele Hauptfiguren, zehn statt vier. Nach einem Prozess mühevollen Ausprobierens fließen dann meist mehrere Charaktere zu einem zusammen. Meine erste Patty-Version war eine Hausfrau, die wegen des illegalen Aktienhandels ihres Mannes vor der S.E.C., der amerikanischen Börsenaufsicht, aussagen muss. Und als diese ehemalige Sportlerin anfing, über sich selbst in der dritten Person zu sprechen, klang es einfach richtig - es hatte die richtige Distanz zwischen der Stimme der Figur und meiner eigenen. Wenn ich eine einzige Quelle dafür benennen müsste, wäre es wohl die amerikanische Fußballspielerin Mia Hamm. Wahrscheinlich wird man mich ob dieser Begeisterung für Frauenfußball verspotten, aber für mich als altem Feministen ist es eine Freude zu sehen, wie Frauen sich seit den Siebzigern auch diesen Bereich erobert haben.

Und ausgerechnet Sie als bekennender Feminist erschaffen nun Figuren wie Connie und Lalitha, die mit einer Hingabe lieben, die an Selbstaufgabe grenzt. Gleich zwei solche Frauen in einem Roman - ist das realistisch?

Connie ist ein komplizierter Fall, aber Lalitha scheint vielleicht wirklich zu gut, um wahr zu sein. Aber wissen Sie, es gibt solche Frauen! Und ich fand, ich hätte etwas gutzumachen, nachdem in meinen bisherigen Büchern immer die Männer die geradezu hündisch Ergebenen waren. Mir schien, dass ich in dieser Hinsicht, was den kumulativen Eindruck meiner drei vorigen Romane anging, nicht ganz aufrichtig gewesen war. Es war Zeit für einen Ausgleich.

Patty ist eine große Leserin, zumal von „Krieg und Frieden“. Warum Tolstoi, warum gerade dieses Werk?

Ich konnte wohl einfach der Versuchung nicht widerstehen, einen meiner Lieblingsromane zu preisen. Aber ich wollte damit auf keinen Fall zu Vergleichen einladen! Ich hatte einfach das Problem, dass es halbwegs glaubhaft sein musste, dass Patty ihre Autobiographie tatsächlich selbst geschrieben haben könnte. Und man schreibt nun einmal nicht so gut wie sie, ohne auch einige richtig gute Bücher gelesen zu haben.

Manche sagen, Fernsehserien wie „Sopranos“, „Mad Men“ oder „The Wire“ seien die großen Romane unserer Zeit. Sehen Sie darin eine Konkurrenz?

Nein. Ich will den Roman auf seinem eigenen Turf verteidigen, und da wird er von keinem anderen Medium in Frage gestellt. Wenn Anna Karenina ihren Kopf auf die Schienen legt, sind wir auf eine Art und Weise bei ihr, wie das bei keiner Figur im Film möglich ist. Dennoch würde ich zustimmen, dass die guten Fernsehserien heute das leisten, was der Gesellschaftsroman im neunzehnten Jahrhundert - Zola, Dickens, zum Teil Balzac, nicht so sehr Tolstoi - tat: die großen sozialen Probleme anhand einer Vielzahl von Figuren spannend verhandeln. Ich schätze „The Wire“, und gerade schaue ich „Breaking Bad“, was auch sehr gut ist. Aber das Vergnügen an dieser Art von Unterhaltung ist ein ganz anderes als das bei der Lektüre eines guten Buchs. Der Feind ist nicht das Fernsehen, sondern das Internet, das jeden neuen Tag in eine Million bedeutungsloser Partikel zerbricht. Ich glaube, Schriftsteller müssen heute unnachgiebiger denn je versuchen, Erzählungen zu schaffen, welche die Menschen von dieser oberflächlichen Sofort-Befriedigung wegholen. Insofern konkurriere ich vielleicht doch, aber nicht, weil ich glaube, dass das Internet etwas besser kann, sondern im Gegenteil: weil ich denke, dass das Internet und die sozialen Netzwerke bösartige Drogen sind, die enormen gesellschaftlichen und psychologischen Schaden anrichten. Der Roman in seiner besten Form kann Menschen an die besseren, stilleren, tiefer in sich ruhenden Seiten ihres Selbst erinnern.

„Freiheit“ ist nach „Die 27ste Stadt“, „Starkes Beben“ und dem Welterfolg „Die Korrekturen“ Jonathan Franzens vierter Roman. Am heutigen Mittwoch erscheint das Buch in Deutschland.

Das Gespräch führte Felicitas von Lovenberg

Quelle: F.A.Z.
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