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Georg Klein zum Sechzigsten Sehr künstliche Schreibkunst

 ·  Seine Helden müssen sich schon in seiner Welt zurecht finden. Sie treffen auf viel Blut und Ironie. Zum 60. Geburtstag des Schriftstellers Georg Klein.

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© dpa Vergrößern Ein Manierist in seinem Garten: der Schriftsteller Georg Klein im Winter 2012

Dem Ideal eines naturwüchsigen Erzählens ist er nie gefolgt. Während für manchen deutschen Autor die Rückblende und der behäbige Perspektivwechsel in der breithüftig erzählten Familienchronik bereits als Ausweis äußersten literarischen Raffinements zu gelten scheinen, beharrt Georg Klein darauf, dass Literatur nicht gefühlig dem Leben abgeschaut, sondern kaltblütig gemacht werden sollte: als artifizielles Produkt einer reflektierten Ästhetik.

Deshalb sind seine Werke in der Regel ästhetisch wie erzählerisch riskante Unternehmungen, die ihre Künstlichkeit prunkvoll ausstellen: Produkte eines bekennenden Manieristen und notorischen Ironikers. Kleins Sinn für Dramaturgie wird noch übertroffen von einem unbedingten Willen zur Formulierungsschärfe, der den eigenen Stilblüten so furchtlos begegnet wie Kleins Helden den Abgründen, in die ihr Autor sie zu schicken liebt.

Mit Lust an den Ritualen der Trivialliteratur

Diese Helden sind Agenten („Libidissi“, 1998), Detektive („Barbar Rosa“, 2001) und Deutsche („Von den Deutschen“, 2002). Immer wieder Deutsche: „Sünde Güte Blitz“ (2007) ist eine dämonische Geschichte, die in einer Arztpraxis an der deutsch-polnischen Grenze spielt. Drei Jahre später führte der „Roman unserer Kindheit“ (2010) ins Ruhrgebiet der sechziger Jahre: ein blutiger Kinderalbtraum, suggestiv, verrätselt und bedrohlich, als wäre es eine deutsche Variante von John Burnsides Roman „Glister“.

Wie kaum ein anderer Autor seiner Generation stellt sich Georg Klein die deutsche Frage. Seine Bücher, auch wenn sie in der Zukunft spielen, gleichen mitunter Sonden, die Klein ins ledern gewordene Fleisch der deutschen Vergangenheit treibt. Wenn Blut kommt, sorgt die Lust des Autors an den Ritualen der Trivialliteratur dafür, dass es gleich in Strömen fließt. Klein liebt ziselierte Formulierungen und grobe Effekte, auch bis über die Ekelgrenze hinaus.

Der „Spannungsleser“, als den er sich selbst bezeichnet, verschneidet Elemente sogenannter Trivialliteratur von Jules Verne bis zu Tobias O. Meissners Splatterromanen mühelos mit der schwarzen Romantik E. T. A. Hoffmanns. Mit deren Patina, ein weiterer Effekt des genialischen Kunsthandwerkers, überzieht er die Science-Fiction-Elemente seiner frühen Bücher, so dass uns dieser Autor zuweilen glauben macht, wir blickten in seinen Büchern in die Zukunft und die Vergangenheit zugleich. Am 29. März wird Georg Klein sechzig Jahre alt.

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