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Geoff Dyer im Gespräch : Ist Schreiben wie Jazz, Mr. Dyer?

Gut gelaunt zwischen Giganten: Geoff Dyer im Berliner Jazzklub „Yorkschlösschen“ Bild: Andreas Pein

Kunstkritik, Reportage und Liebeshandlung: In Geoff Dyers neuem Buch „White Sands“ fügt sich all das mühelos zusammen. Bei einem Treffen in Berlin spricht er über die Schwierigkeit einfacher Fiktionen.

          Vor knapp 25 Jahren haben Sie ein sehr gutes Buch über Jazz geschrieben – eine halbfiktionale Annäherung an einige seiner großen Musiker, gleichzeitig ein Essay. Darin gibt es eine Passage, in der Jazz und Literaturkritik verglichen werden, und es heißt, dass beim Jazz jede neue Aufführung eines Stückes auch die Kritik der bisherigen Aufführungen enthält. Wenn man das auf Ihr Schreiben überträgt, könnte man fragen: Ist Jazz ein Synonym für Metafiktion?

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          Nein, Jazz ist einfach Jazz. „Metafiktion“ gehört nicht zu meinem Vokabular.

          Aber Ihre Bücher sind oft Hybride aus Reportage und Fiktion, Reisegeschichten, Bildinterpretationen und anderer Kulturkritik. Halten Sie Literatur dann vielleicht per se für selbstreflexiv?

          Mit George Steiner, von dessen Überlegungen ich in dem Jazz-Buch ausging, könnte man sagen: Jede Kunsttradition mündet in ein Programm des „enacted criticism“, also in eine Inszenierung von Kritik. George Eliot hatte sich nicht vorgenommen, Metafiktion zu schreiben, sondern ihr Roman „Middlemarch“ entstand aus der Verarbeitung von Jane Austen. Und Tolstoi war sich Flauberts bewusst, als er „Anna Karenina“ schrieb. So entwickeln sich einfach die Kunstformen.

          Wäre das mit Bob Dylan innerhalb der Folk-Tradition ähnlich?

          Dylan ist ein wirklich außergewöhnlicher Fall. Es ist erstaunlich, wie früh er in seinem Werk bereits so ganz verschiedene Elemente aus der Tiefe der Tradition „aufgesaugt“ und verarbeitet hat.

          Bei Ihnen gibt es fiktionales Erzählen, aber auch eine Reportage über einen Flugzeugträger oder Betrachtungen über die Fotokunst John Bergers. Und Bücher, die romanhafte und essayistische Züge haben. Das nun auf Deutsch erscheinende „White Sands“ ist wieder so eines. Werden Sie je wieder einen „einfachen Roman“ schreiben?

          Ich halte mich selbst für begrenzt, was das Erfinden von Fiktionen angeht: Meine Romane handeln meistens von einer Gruppe von Freunden, und es gibt eine Liebesgeschichte – erst in Brixton, dann in Paris, später in Venedig und Varanasi –; die Handlungsorte wurden exotischer (lacht), aber die Tatsache, dass ich mich mit dem Anfangsbuchstaben „V“ schon dem Ende des Alphabets nähere, zeugt allein schon von einer gewissen Erschöpfung.

          Also schreiben Sie im Grunde immer wieder dieselbe Geschichte?

          Ich war selbst überrascht, als ich die Geschichte „Verbotene Stadt“, die jetzt am Anfang des Buches „White Sands“ steht, fertig hatte, dass sie eine Wiederholung von etwas war, dass ich schon mehrmals geschrieben habe. Die Frau darin ist eine Wiedergängerin aus vielen früheren Büchern. Aber ich dachte mir schon, dass ich als Autor von Fiktion eher schlappmache denn als Autor anderer Texte. Andererseits muss ich die Frage zurückweisen: Ich habe von Anfang an Sachen geschrieben, die keine Fiktionen im herkömmlichen Sinn sind.

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          Gerade als die Romanze in „Verbotene Stadt“ brenzlig wird – ein Schriftsteller ist zu Besuch in Peking und nähert sich einer der Gastgeberinnen an –, endet die Geschichte mit einem Cliffhanger. Werden Sie eine Fortsetzung schreiben?

          Ich könnte es mir vorstellen. Aber womöglich wird es zunehmend unheimlich: immer wieder diese alternden Schriftstellerfiguren. Stellen Sie sich vor, ich schreibe diese Szene noch mit siebzig, wieder eine Frau mit langem, dunklem Haar . . .

          . . . Philip Roth?

          Womit alles gesagt wäre.

          Wenn Sie den Hype betrachten, der jetzt von der Literaturkritik um „Autofiktion“ und „Memoir“, überhaupt um hybride Formen des Erzählens, die auch Dokumentarisches aufnehmen, gemacht wird – denken Sie dann nicht: So schreibe ich doch schon seit dreißig Jahren?

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