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Gary Shteyngart im Interview Der Untergang Amerikas

10.07.2011 ·  In Kürze erscheint sein neuer Roman, eine düster-komische Science-Fiction über den Verfall der Vereinigten Staaten. Im F.A.S.-Interview erklärt der amerikanische Schriftsteller Gary Shteyngart, warum in seinem Buch keiner mehr liest.

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Gary Shteyngart, der 1972 in Leningrad geboren wurde, sieben Jahre später zusammen mit seinen Eltern in die Vereinigten Staaten emigrierte, wo er erst weitere sieben Jahre später seinen russischen Akzent verlor, gilt seit seinem „Handbuch für den russischen Debütanten“ (2002) als eine der interessantesten Stimmen der amerikanischen Literatur. Nach „Absurdistan“ (2006), das auf Deutsch den absurden Titel „Snack Daddys abenteuerliche Reise“ hatte, erscheint nun sein neuer Roman: „Super Sad True Love Story“, eine düster-komische Science-Fiction über den Verfall der Vereinigten Staaten.

Ihr neuer Roman basiert auf der Diagnose, dass Amerika tief in der Scheiße steckt. Was läuft verkehrt?

Jede Weltmacht kommt irgendwann an den Punkt, an dem die Kurve nach unten geht. Wir waren so lange die Nummer eins, waren, im Guten wie im Schlechten, prägend für Wirtschaft, Kultur und Politik der ganzen Welt - das kann natürlich nicht für immer so weitergehen. Irgendwann kommt auch im Politikgeschäft jemand, der den Job besser, tüchtiger macht, und China und Indien wollen das heute einfach mehr als wir. Die Frage ist jetzt: Erleben wir einen Zusammenbruch, wie ihn die Sowjetunion hatte oder das Römische Reich, wo die ganze Gesellschaft zerfiel? Oder gibt es einen angenehmen Übergang, wie er etwa dem holländischen Merkantilismus beschert war? Holland ist heute ein sehr hübsches Land.

Die Europäer sehen in Obama ja immer diesen Hoffnungsträger, der schon noch alles irgendwie in Ordnung bringen wird.

Ja, das haben wir am Anfang auch geglaubt.

Inzwischen scheinen in Amerika alle desillusioniert zu sein, was seine Politik angeht.

Das Problem ist, dass Obama nicht handeln kann. Er ist sehr schwach. Er kann gegenüber der Opposition nichts ausrichten. Die Republikaner legen ihn lahm, sie sind eine sehr aggressive Partei. Was gerade passiert, ist ganz normal, wenn eine Nation sich in ihrer Vorrangstellung bedroht fühlt - plötzlich kommen Fremdenfeindlichkeit und reaktionäre Ansichten hoch, Nationalismus, dieser ganze Mist. Oder dieses dumme verschärfte Einwanderungsgesetz in Arizona: Immigration ist das Einzige, das die Vereinigten Staaten China und Indien voraushat. Es ist unsere Geheimwaffe - und sogar die legen sie lahm. In den beiden Ländern, in denen ich aufgewachsen bin, in der Sowjetunion und in den Vereinigten Staaten, gab es diese Vorstellung, dass Gott ihnen das Recht dazu gegeben hat, die Welt zu regieren. Solchen Ländern fällt Machtverlust einfach sehr schwer.

Sehen Sie wirklich so große Parallelen zwischen dem Untergang der Sowjetunion und den Problemen der Vereinigte Staaten heute?

Nein. Natürlich sind das vollkommen unterschiedliche Länder. Aber beide hatten sie ihren Moment. Wenn man aus Europa nach Amerika kommt, fällt einem auf, wie viele amerikanische Flaggen hier überall hängen. Über jedem Hyundai-Händler in Ohio, überall. Ich sehe darin keinen Ausdruck von Nationalstolz, ich sehe nackte Angst.

Ihr Buch erzählt eine Liebesgeschichte zwischen dem Sohn russischer Einwanderer und der Tochter koreanischer Einwanderer. Sie sind 1979 nach Amerika gekommen. Welche Erinnerungen haben Sie an das Amerika Ihrer Kindheit?

Meine Eltern sind vor dem russischen Antisemitismus geflohen. In New York gab es keinen Antisemitismus - was es gab, war Antirussismus, und damit musste ich mich auseinandersetzen, denn ich besuchte eine jüdische Schule, die Kinder waren gnadenlos. Ich musste schließlich so tun, als käme ich aus Ost-Berlin, musste an einer jüdischen Schule so tun, als wäre ich Deutscher, weil das immer noch besser war, als Russe zu sein. Das war damals die Zeit, in der die Bösen in den Filmen immer Russen waren. Die Reagan-Ära. Ansonsten weiß ich noch, dass mich das Selbstbewusstsein, das Amerika damals ausstrahlte, überwältigte. Die Sowjetunion wusste tief drinnen immer, dass sie im Grunde nichts taugte, trotz Atombombendrohungen und dem ganzen Rest. Das Land konnte nicht mal einen Toaster produzieren, der funktionierte. Amerika war dagegen wirklich von sich selbst überzeugt. Ich habe mich wie eine Null gefühlt mit meinem russischen Akzent, den ich lange nicht losgeworden bin. Mein ganzes Leben lang habe ich versucht, aufzuholen. Und jetzt, wo ich aufgeholt habe, geht das Land zum Teufel. Jedes Weltreich, in das ich einen Fuß setze, zerfällt.

Fühlen Sie sich noch als Russe?

Mittlerweile fühle ich mich als New Yorker. Aber ich habe immer noch den Blick eines Außenseiters, zum Glück. Nicht von ungefähr sind einige der besten amerikanischen Schriftsteller Einwanderer - Junot Díaz, Jhumpa Lahiri, Chang-rae Lee . . . Eine Alternative zur rein angelsächsischen Perspektive wird hier auch dringend gebraucht. In Amerika erscheinen ja kaum Übersetzungen, nur drei Prozent aller Bücher. So kommt uns Immigranten eine seltsame Rolle zu: Wir sind die Vermittler eines anderen, fremden Blickes. Nicht so fremd, dass es den Durchschnittsamerikaner abschrecken würde; wir haben amerikanische Pässe, sind also ideologisch unverdächtig. Wir fungieren da so ein bisschen als Brücke.

Super Sad True Love Story spielt in der nahen Zukunft. Die Menschen lesen nicht mehr, sondern scannen Texte nur noch auf Informationen hin; alle sind ständig mit ihren Smartphones beschäftigt, streamen und bloggen alles live im Internet; die amerikanische Wirtschaft ist kollabiert, der Dollar praktisch wertlos. Haben Sie sich beim Schreiben beeilt, um nicht von der Realität überholt zu werden?

Das ist ein echtes Problem. Als Schriftsteller bin ich vom Präsens fasziniert, aber es gibt keine Gegenwart mehr, alles geht so schnell. Wenn man heutzutage ein Buch schreibt, das in der Gegenwart spielt, liest es sich bis zur Veröffentlichung wie ein historischer Roman. Eine meiner Ausgangsideen war es, die amerikanische Wirtschaft kollabieren zu lassen, das Finanzwesen, die Autoindustrie . . . Ich hielt das für eine abgefahrene Idee. Dann ging 2008 Lehman Brothers pleite, und ich musste alles neu schreiben. Tolstoi kannte dieses Problem nicht. Der konnte 1865 ganz entspannt über 1812 schreiben, ein Pferd war immer noch ein Pferd, Winter war Winter, es gab keine Erderwärmung, keine neue Killer-App fürs iPhone . . .

Wie kamen Sie überhaupt auf die Idee, über den Niedergang Amerikas zu schreiben?

Es fing an mit dem Niedergang der Literatur. Die Idee zu dem Buch kam mir, als ich merkte, dass Bücher heute für die meisten jungen Leute bedeutungslos sind. Ich hatte einen Installateur bei mir zu Hause, der fassungslos war, als er meine Bücherwand gesehen hat. Es ging nicht in seinen Kopf, warum ich so viele eklige Bücher habe und mein Fernseher nur ganz klein ist.

Vielleicht sollte man mal erwähnen, dass Ihr Buch sehr lustig ist - allerdings mit einem traurigen Beigeschmack. Der wohl deprimierendste Aspekt ist, wie der Umgang mit all den neuen Geräten die Kommunikation verändert. Wenn Sie E-Mails oder Kurznachrichten schreiben, schreiben Sie dann wie Gary Shteyngart, der Schriftsteller, oder benutzen auch Sie Akronyme wie OMFG (Oh My F. . . God)?

Ich benutze keine Akronyme. Aber es hat Spaß gemacht, mir für das Buch welche auszudenken. JBF zum Beispiel, Just Butt-Fucking, anstelle von JK, Just Kidding, was wirklich gebraucht wird. Oder TIMATOV: Think I'M About To Openly Vomit. Klingt ein bisschen wie Hebräisch, finde ich.

Wie oft sehen Sie auf Ihrem iPhone nach neuen Mails?

Dauernd. Es ist eine Katastrophe. Bevor ich angefangen habe, dieses Buch zu schreiben, 2006, lebte ich relativ unberührt von der digitalen Welt - alles, was ich hatte, war ein vorsintflutlicher Hotmail-Account. Für die Recherche hat mir dann ein Praktikant alles Mögliche eingerichtet, Facebook, iPhone - mein Leben hat sich komplett geändert. Mein Gehirn hat seine Art, Texte aufzunehmen, verändert. Lange Bücher waren auf einmal ein Problem. Das geht nicht nur mir so, ich kenne Literaturprofessoren, die keine Bücher mehr lesen können, weil die Aufmerksamkeitsspanne sich so verkürzt. So wie ein Hund seine Belohnung erwartet, wenn man ihm damit vor der Nase herumwedelt, erwarte ich jetzt kleine Informationsbröckchen, kurze Facebook-Quotes, die mich zum Lachen bringen, mich traurig machen oder wütend. Was macht man jetzt aber, wenn man ein 340 Seiten dickes Buch geschrieben hat? Wie kriegt man junge Leute dazu, es zu lesen? Ich will ja nicht nur Menschen in Rollstühlen und mit Beatmungsgeräten in meinen Lesungen sehen.

Glauben Sie denn wirklich, dass die Menschen aufhören werden, zu lesen?

Die Sehnsucht nach Geschichten wird natürlich nicht aussterben. Geschichten wird es immer geben, in welcher Form auch immer. Die Frage ist nur: Was geschieht mit dem Roman? Die Antwort darauf, zumindest in Amerika: Romane nehmen einen immer unwichtigeren Platz innerhalb der Kultur ein. Oh mein Gott, hast du schon den neuen XY gelesen?, das ist einfach nicht mehr das erste Gesprächsthema auf einer Dinnerparty. Wahrscheinlich wird es irgendwann mehr Leute geben, die Romane schreiben, als solche, die sie lesen - so ist das ja heute schon bei Gedichten.

Aus Ihrem Buch spricht eine große Liebe zur guten, alten nichtdigitalen Zeit. Sind Sie das, was wir in Deutschland einen Kulturpessimisten nennen?

Was für ein schönes Wort, es soll einmal auf meinem Grabstein stehen: Hier ruht der Kulturpessimist Gary Shteyngart. Natürlich war in der Vergangenheit nicht alles besser. In New York wurde man zum Beispiel ständig überfallen, und was das angeht, bin ich nicht sonderlich nostalgisch. Aber hätte ich lieber in einer anderen Zeit gelebt? Natürlich. In einer, in der Literatur noch eine größere Rolle spielte, sagen wir in den 50er oder 60er Jahren in Amerika.

Haben Sie je ein Buch auf dem iPad gelesen?

Nein. Und ich möchte auch kein iPad. Kein Twitter, kein iPad, das ist meine Grenze. Aber mein Buch hat sich ziemlich gut als Download verkauft.

Bedauern Sie das?

Ich freue mich natürlich, wenn Leute es lesen, egal wie. Aber ich verstehe es nicht. Ein Buch ist etwas so Wunderschönes, warum es aufgeben? Und es ist auch so praktisch: Man lernt jemanden kennen, ist zum ersten Mal in seiner Wohnung - und sieht im Bücherregal ein Buch von Glenn Beck stehen. Dann weiß man, dass man besser gehen sollte. Heutzutage muss man dem anderen erst mal sein iPhone oder iPad entwenden und den Code knacken. Es wird einfach alles komplizierter.

Interview Johanna Adorján

Gary Shteyngart: „Super Sad True Love Story“. Deutsch von Ingo Herzke. Erscheint am Freitag im Rowohlt-Verlag, 464 Seiten, 19,95 Euro.

Quelle: F.A.S.
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