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Gao Xingjiang zum Siebzigsten : Die Masken loswerden

Große Müdigkeit nach der größten Ehrung: Gao Xingjian, Träger des Literaturnobelpreises im jahr 2000 Bild: AFP

Nachdem er im Jahr 2000 den Literaturnobelpreis erhalten hatte, sah er sich nur noch als „Dekorationsstück auf der Bühne der Politik“. Vom Kommunismus über Beckett zum Zen: Der Weg des Schriftstellers Gao Xingjian, der siebzig Jahre alt wird.

          Der Literaturnobelpreis, den er im Jahr 2000 empfing, stürzte den Schriftsteller Gao Xingjian in eine große Müdigkeit. Wie er später sagte, fühlte er sich damals von einem Sturmwind fortgerissen, der es ihm schwer machte, sein eigenes Leben in Ordnung zu halten, und kurz hintereinander musste er sich zwei Herzoperationen unterziehen. Er sah sich bloß noch wie ein „Dekorationsstück auf der Bühne der Politik“.

          Mark Siemons

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          In die große Politik geriet Gao schon 1989, als er nach der blutigen Niederschlagung der Pekinger Studentenbewegung alle Brücken zur Volksrepublik China, in der er aufgewachsen war, hinter sich abbrach. In Paris, wo er seit 1987 lebte, verurteilte er das Massaker im französischen Fernsehen, er trat aus der Kommunistischen Partei aus, der er seit siebenundzwanzig Jahren angehörte, er gab seinen chinesischen Pass zurück und bat um politisches Asyl. Seitdem ist er für das offizielle China eine Unperson, die es sich sogar noch bei der Verleihung des Nobelpreises weigerte, zur Kenntnis zu nehmen. Noch im selben Jahr, 1989, schrieb Gao dann ein Theaterstück über drei nach dem Massaker versprengte Studenten, deren unheroischer Sarkasmus dem Autor auch noch die Wut der Dissidentenszene eintrug. Er konnte es den politischen Erwartungen keiner Seite recht machen.

          Das seltsame Chamäleon verstehen, als das er sich entdeckte

          Seine Erfahrungen in China, insbesondere während der Kulturrevolution, hatten Gao Xingjian ein tiefes Misstrauen gegenüber den Illusionen und Instrumentalisierungen beigebracht, die er als unvermeidlich für die öffentliche Sphäre ansah. Im teilweise autobiographischen „Buch eines einsamen Menschen“ von 1999 merkt der Ich-Erzähler, dass es im Strudel der Kampagnen nicht ausreicht, einfach nur mitzuschwimmen, und er wird selber Führer einer Rotgardistenfraktion und damit Akteur in einem grausam grotesken Spiel, in dem unentwegt neue Linien und Ideen erfunden und wieder verworfen werden. In einem anderen Buch schreibt Gao, der Mensch könne sich von seinen Masken nicht befreien, und das führe zu unermesslichen Qualen.

          Seitdem Gao als Tuschemaler und Schriftsteller bekannt wurde, hat er jedoch gerade das ständig versucht und geradezu zu seinem Programm gemacht: die Masken loszuwerden, um dieses seltsame Chamäleon besser zu verstehen, als das er sich selbst entdeckte. 1940 wurde er als Sohn eines Bankangestellten und einer Laienschauspielerin in Ganzhou im Osten Chinas geboren. Seine Kindheit und Jugend hat er später immer nur als verlorenes Paradies dargestellt, in dem er machen konnte, was er wollte, und schon früh dazu ermuntert wurde, zu schreiben, zu malen und Geige zu spielen. Mit siebzehn begann er, in Peking französische Literatur zu studieren. Erst nach Maos Tod und nachdem er wie seine Generationsgenossen aufs Land verschickt worden war, konnte er nach Frankreich und Italien reisen. Er übersetzte Beckett und Ionesco, studierte Brecht, Meyerhold und Artaud.

          Das „schädlichste Stück, das je in der Volksrepublik geschrieben wurde“

          Bereits eines der ersten Bücher, das er dann 1981 veröffentlichte, erregte Ärgernis: eine Theorie des modernen Romans, die mit ihrem Eintreten für surrealistische Strategien in offensichtlichem Widerspruch zum damals immer noch geltenden sozialistischen Realismus stand. In den achtziger Jahren wurde Gao zum Paten der jungen Pekinger Theater-Avantgarde. Vor allem das Stück „Chezhan“ (Bushaltestelle) mit seinen Anklängen an „Warten auf Godot“ machte ihn berühmt. Ein Querschnitt der chinesischen Gesellschaft wartet da auf Busse, die niemals kommen; die zunehmend leeren, hinhaltenden Gespräche steigern sich zu einer absurden Kakophonie der Stimmen. „Chezhan“ wurde als „schädlichstes Stück, das je in der Volksrepublik geschrieben wurde“, verdammt, und Gao, der zunächst noch das Amt eines Dramaturgen am Volkskunsttheater bekleidete, geriet in die Kampagnen „gegen geistige Verschmutzung“ und „bürgerlichen Liberalismus“ hinein. Er zog sich zurück, zuerst aufs Land, dann als DAAD-Stipendiat nach Berlin, bevor er sich 1987 schließlich in Paris niederließ.

          Schon in seinen Theaterstücken hatte er das Verfahren entwickelt, das Selbst der Rollen in mehrere Personalpronomen aufzuspalten, die dadurch als „Ich“, „Du“ und „Sie/Er“ in einem permanenten Selbstgespräch einander in Frage stellen. Diese Methode wurde nun auch zum beherrschenden Stilprinzip in den Romanen, die er in Paris vollendete, zuerst dem „Berg der Seele“, an dem er von 1982 bis 1989 arbeitete. Er erzählt da wieder unverhohlen von sich selbst, von einem Mann, der sich nach einer irrtümlichen Krebsdiagnose zu einer Reise in den Süden Chinas aufmacht, um mit dem legendären „Berg der Seele“ (Lingshan) die verdrängten Traditionen des Landes und sich selbst zu finden. Die westliche Kritik hat das nicht durchweg überzeugt. Die treuherzige Ehrlichkeit, mit der das Ich da in allen seinen Regungen beobachtet wird, ohne dass es sich allzu weit von der Oberfläche des Offensichtlichen entfernt, kam ihr bisweilen banal oder bemüht, um nicht zu sagen epigonal vor.

          Im Selbst ist gar nicht so viel zu holen

          Doch ebendiese Ebenerdigkeit ohne tiefere Bedeutung, die an keine psychoanalytische oder sonstige Wahrheit auf dem Grund der Seele glaubt, ist es, die Gao Xingjian von der westlichen Selbsterforschungs-Moderne unterscheidet. So viel er dieser Moderne nach den Erfahrungen des Kollektivismus für seine Fragen nach dem Einzelnen verdankt, nähert sich seine eigene Antwort immer mehr einem auch das Selbst wieder relativierenden Blick, wie er in östlichen Traditionen etwa des Buddhismus gepflegt wird.

          Ein Stück, „Schnee im August“, schrieb er 1997 eigens über den Zen-Meister Huineng. Wegen der Vermutung, dass im Selbst nicht gar so viel zu holen sei, hat die Introspektion in China kaum Tradition. Gao Xinjiang hatte jedoch nur zu gute historische Gründe, sie trotzdem zu unternehmen. An diesem Montag wird er siebzig Jahre alt.

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