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Friedenspreisträger Boualem Sansal Ich schreibe gegen das tödliche Schweigen

 ·  Der algerische Schriftsteller Boualem Sansal erhält den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Bei einer Begegnung in Paris erzählt er, warum er seine Heimat nicht verlässt.

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Die Pforte zum Paradies ist so klein, dass man sie fast übersieht. Dabei ist die Rue Sébastien-Bottin, in der sie liegt, zwischen Pont Royal und Boulevard Saint-Germain, die kürzeste Straße von ganz Paris – mit überhaupt nur zwei Hausnummern. Entdeckt man die schlichte Holztür unter der Nummer Fünf schließlich doch, betritt man das Reich der Éditions Gallimard, so etwas wie den Louvre für Bücher. Das Stadtpalais aus dem siebzehnten Jahrhundert gehört zu diesem Verlag wie die imposante Liste der Hausautoren – Proust, Gide, Camus oder Sartre – und wie der helle Umschlag ohne jegliche Illustration, der einen Gallimard-Titel aus jedem Bücherstapel herausstechen lässt.

Der algerische Schriftsteller Boualem Sansal ist eines der siebentausend Mitglieder der großen Gallimard-Familie. Seinen Besucher lächelt er, noch bevor er in seinem Pariser Verlag auftaucht, schon von einer Fotografie herunter an. Sie hängt zwischen anderen Autorenporträts in der Eingangshalle. Dann kommt er selbst: ein zierlicher Mann mit silbernem Haarzopf. Und mit einer beiläufigen Geste bittet er den Besucher, ihm durch das Labyrinth aus verschachtelten Gängen und Treppen zu folgen. Innen also geht das Versteckspiel weiter.

Dann öffnet er plötzlich eine Tapetentür – und wir stehen in einem Salon mit offenem Kamin, riesigen Wandteppichen und alten Möbeln, so dass man meint, hier sei die Zeit schon lange stehengeblieben. Über eine Terrasse geht es weiter in den Garten, und ausgerechnet hier, in diesem Idyll rund um einen plätschernden Springbrunnen, ist Sansal bereit, von sich zu erzählen. Der Kontrast zwischen dem, was er sagt, den Ausführungen eines Desillusionierten, und dieser Umgebung könnte größer nicht sein.

Boualem Sansal ist der letzte bedeutende Schriftseller Algeriens, der sein Heimatland noch nicht verlassen hat. Obwohl er in ständiger Gefahr lebt, harrt er in Bourmerdès stur aus, einer Ortschaft in der Nähe von Algier. Zu verlieren hat er nur noch sein Leben, sagt er. Alles andere wurde ihm längst genommen. Doch weder das Berufsverbot noch die soziale Ächtung, ja nicht einmal die Morddrohungen konnten ihn bislang davon abhalten, Algerien zu kritisieren. Seinen Posten als hoher Regierungsbeamter verlor er schon 2003. Dann wurden seine Bücher verboten. Man zwang seine Frau, ihren Beruf als Lehrerin aufzugeben. Der Bruder wurde so lange mit aberwitzigen Steuerbescheiden drangsaliert, bis er seine Firma schließen musste.

„Wir werden von einer Bande von Dieben regiert“, sagt Sansal mit kalter Wut. Anders als in den furiosen Wortkaskaden seiner Romane lässt er sich im Gespräch allenfalls zu Sarkasmus hinreißen, wenn er die Wunden seiner Heimat beschreibt, den Zynismus der Macht, den Verlust von Freiheit. Das algerische Volk werde mit Heldentaten aus der Vergangenheit belogen, „dabei leben wir seit Jahrzehnten unter einer Schreckensherrschaft – mit Unterdrückung, Bespitzelung, mit Größenwahnsinnigen an der Spitze, wie damals in der DDR oder im Rumänien unter Ceauescu“.

Eine Front quer durch die Familien

Tatsächlich schien auch durch Algerien der Duft von Jasmin zu wehen, als zu Jahresbeginn einige tausend Jugendliche auf die Straße gingen. Doch während die Diktaturen ringsherum wankten und stürzten, fiel das zweitgrößte afrikanische Land zehn Jahre nach Ende des blutigen Bürgerkriegs, dessen Front quer durch die Familien verlief, in ängstliche Schockstarre. Krieg, Ausnahmezustand und zweihunderttausend Todesopfer haben die Menschen traumatisiert, sagt Sansal. So versinkt das Land in tödlichem Schweigen.

Seit seinem Debüt 1999, dem Jahr seines fünfzigsten Geburtstags, schreibt Boualem Sansal in bislang sechs Romanen und zwei Essaybänden, die in Deutschland nur bei dem kleinen Merlin-Verlag erscheinen, während sie in Paris gleich stapelweise in den Buchhandlungen liegen, gegen diese Ohnmacht. So unterschiedlich die Werke von „Der Schwur der Barbaren“ über „Das verrückte Kind aus dem hohlen Baum“ bis zu seinem dieser Tage auf Französisch erschienenen Roman „Rue Darwin“ sprachlich und thematisch sind: Sie eint der Anspruch ihres Autors, Chronist seines Landes zu sein. „Die große Mehrheit, siebzig bis achtzig Prozent der Bewohner, sind, wie ich selbst, Berber – entweder Kabylen oder Chaoui, Mozabiten oder Tuareg“, sagt er. „Und es gibt Juden, Pieds-noirs, Afrikaner. Höchstens zwanzig Prozent sind echte Araber.“

Schonungslos sich selbst gegenüber

Solche Zahlenspiele mögen ungenau bleiben, aber sie lassen erkennen, welch vielfarbiges, polyglottes Gebilde Algerien ist. „Diese jahrhundertealte Vielfalt der Völker aber soll durch ein staatlich verordnetes Arabertum zum Verschwinden gebracht werden.“ Dagegen kämpft er mit seinen Mitteln. Die Berber sind die Ureinwohner des nördlichen Afrika, die nacheinander von römischen, arabischen und französischen Invasoren unterworfen wurden. Das Bewusstsein für ihre dreitausend Jahre alte Kultur konnte auch die Militärdiktatur den Berbern nie ganz austreiben. So kommt es bis heute immer wieder zu Unruhen. „Weil wir etwa gezwungen werden, unseren Kindern arabische Namen zu geben, weshalb jeder Berber einen offiziellen Passnamen und einen inoffiziellen Rufnamen hat“, erklärt Sansal.

Schonungslos, auch sich selbst gegenüber, legt er sich mit allen an: den Generälen, den Schmugglern und Islamisten, den ausländischen Investoren, die sich mit den furchtbaren algerischen Zuständen arrangieren, und mit den Vertretern der französischen Politik wie der Vereinten Nationen, die im Ernstfall wegschauen. Das undurchsichtige Geflecht aus Regierung, Geheimdienst und Militär nennen die Algerier selbst nur „die Macht“. Sansal weiß, dass er kaum etwas bewirken kann – und versucht es trotzdem. Und erinnert im Gespräch an den ungeklärten Tod des Sprachforschers Mouloud Mammeri, der im Frühjahr 1980 Berber zu Tausenden auf die Straße trieb. „Da begriff das System, dass Intellektuelle Menschen mobilisieren können.“ Dennoch haben die meisten Verwandten, Freunde, Künstler und Gleichgesinnte das Land längst verlassen. Und manch einer schätzt es nicht, dass Sansal noch dort ist. Denn er sagt, ernsthafte Kritik könne man nicht von außen üben.

„Die Menschen müssen sich selbst befreien“

Als Sansal mit fünfzig Jahren zu schreiben begann, leitete er, der promovierte Ökonom, als Generaldirektor das algerische Industrieministerium. Den Krieg, der zwischen Militärs und Islamisten tobte, wollte er gedanklich ergründen: „Während die Wahrheit den Bruchteil einer Sekunde braucht, um zu explodieren, benötigt man ein ganzes Leben, um wieder Ordnung in seine Gedanken zu bringen.“ Also wandte er sich der Literatur zu. Er schrieb länger als geplant, und er brach ein Tabu, als er es wagte, am Mythos der Einheitspartei FLN zu kratzen. Die Schuld für das Versagen nordafrikanischer Eliten, betonte er, dürfe man nicht länger den einstigen Kolonialherren zuschieben. „Wir müssen unsere Geschichte endlich selbst in die Hand nehmen.“ Nur so sei Demokratie überhaupt möglich. Trotzdem bleibt er, was die jüngsten Aufstände angeht, skeptisch. „Den Diktator zu verjagen ist eine Sache. Aber es kommen neue nach, und auch die alten Systeme sind noch da.“

Dass die Geschichte nach dem immergleichen Schema ablaufe, sei die bittere Erfahrung des algerischen Frühlings 1988: „Revolutionen beginnen mit Jubel und enden mit Schmerzen. Denn auch wenn sie Freunde finden, haben sie vor allem viele Feinde.“ Von militärischen Intervention des Westens wie jetzt in Libyen hält Sansal deshalb nichts. Selbst wenn auf diesem Weg Despoten vertrieben würden, drohe langfristig die Gefahr, dass sich die Stimmung im Land wegen dieser Einmischung gegen den Westen wende. „Die Menschen müssen sich selbst befreien.“

Bis heute wird die Schoa in Algerien verschwiegen

Nicht nur, dass Sansal erklärt, Atheist zu sein, wird als Affront gesehen, man wirft ihm auch vor, dass er seine Bücher auf Französisch und nicht auf Arabisch schreibt. Die Eskalation auf die Spitze aber trieb er 2009 mit dem Roman „Das Dorf des Deutschen“, in dem er die unterdrückte Wahrheit über die Beteiligung von Nationalsozialisten im algerischen Unabhängigkeitskrieg ansprach. Auf realen Begebenheiten basierend, erzählt er darin von zwei algerischstämmigen Brüdern, die nach dem Tod der Eltern entdecken, dass ihr deutscher Vater, ein in Algerien verehrter Kriegsheld, einst Mitglied der Waffen-SS und in Konzentrationslagern an der Judenvernichtung beteiligt war.

Bis heute aber wird die Schoa in Algerien verschwiegen oder als Lüge Israels bezeichnet. Im Unterrichtsmaterial der Schulen werde der Zweite Weltkrieg zwar ausführlich behandelt, erzählt Sansal, der Völkermord an den Juden hingegen komme nicht vor. Dass er sich als ein Schriftsteller aus der islamischen Welt zum Leid des jüdischen Volks bekennt, hat ihm wohl die meisten Feinde eingebracht. Nicht einmal algerische Schriftsteller haben dafür noch Verständnis und fordern ihn auf, stattdessen über „den israelischen Genozid am palästinesischen Volk“ zu schreiben.

„Es ist wie im Wilden Westen“

Mit seiner Frau lebt Sansal im Küstenort Bourmerdès an der Grenze zur Kabylei. Von seiner Terrasse blickt er auf der einen Seite aufs Meer, auf der andern Seite zu den Gipfeln des Atlasgebirges. Die Berge mit den dunklen Wäldern jedoch kann er nur aus der Ferne betrachten. Wenige Kilometer hinter seinem Haus beginnt das militärische Sperrgebiet mit Militärposten, Polizeikontrollen, Uniformierten überall. „Es ist wie im Wilden Westen“, sagt Sansal und lacht jetzt doch einmal.

Das Auswärtige Amt in Berlin warnt vor Reisen nach Algerien. Und selten war wohl die Sicherheitsstufe in der Frankfurter Paulskirche so hoch, wie sie am 16. Oktober sein wird, wenn Boualem Sansal dort den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhält.

Der Schriftsteller führt seinen Gast durch das belebte Studentenviertel von Saint-Germain-des-Prés. Die berühmten Dichtercafés, an denen er vorbeikommt, meidet er, und setzt sich lieber in ein Bistro an einer Straßenecke. Was sein größter Wunsch sei? „Dass sich Ägypter, Algerier und Tunesier endlich als Ägypter, Algerier und Tunesier definieren und nicht als Araber oder Muslime – dann wären sie wirklich auf dem Weg zur Demokratie.“ Dann könnten sie die anderen auch akzeptieren, die in ihrem Land leben, ohne gezwungen zu sein, ihre Identität zu verleugnen. Doch weil die algerische Gegenwart so nicht aussieht, muss man noch einmal fragen: „Warum bleiben Sie?“ Die Antwort kommt schnell und überraschend: „Ich frage mich das selbst jeden Tag aufs Neue.“ Das klingt, als könnte es sich Boualem Sansal auch anders überlegen.

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Jahrgang 1970, Redakteurin im Feuilleton.