09.06.2011 · Fünf Romane und zwei Essaybände hat der 1949 geborene, auf Französisch schreibende Autor Boualem Sansal bisher veröffentlicht. Schonungslos prangert er darin die Misstände in seiner Heimat Algerien an: Welch ein notwendiger Friedenspreisträger.
Von Sandra KegelEine bessere Entscheidung konnte es zu diesem Zeitpunkt nicht geben. Auch in Algerien schien der Funke der Demokratie zu zünden, als zu Jahresbeginn einige Tausend Jugendliche auf die Straße gingen. Doch während die Diktaturen ringsherum wanken und stürzen, fiel das zweitgrößte afrikanische Land zehn Jahre nach Ende des blutigen Bürgerkriegs, bei dem fast jede Familie einen Angehörigen verlor, ängstlich zurück in seine Schockstarre. Krieg und Ausnahmezustand haben die Menschen traumatisiert – und aus Algerien ein Land der Lügen, des Horrors und der Ausweglosigkeit gemacht.
Doch jene dreißigtausend Polizisten, die Präsident Bouteflika gegen die Demonstranten aufbot, können Boualem Sansal nicht schrecken. Weder das Berufsverbot noch die soziale Ächtung, ja nicht einmal Morddrohungen haben den algerischen Autor bislang davon abgehalten, sein Heimatland offen, ungeschützt und sprachmächtig zu kritisieren. Dass der Stiftungsrat des Deutschen Buchhandels Boualem Sansal gerade jetzt mit dem Friedenspreis ehrt, überrascht daher allenfalls, weil der Autor bei uns kaum bekannt ist – bisher. Denn nun erfährt er durch die Auszeichnung hoffentlich jene Öffentlichkeit, die ihm gebührt.
Furiose Wortkaskaden, kalte Wut
Seit seinem Debüt 1999 hat der 1949 im algerischen Teniet el-Had geborene, auf Französisch schreibende Autor fünf Romane und zwei Essaybände veröffentlicht, die in deutscher Übersetzung beim kleinen Merlin-Verlag erschienen sind. So unterschiedlich die Werke von „Der Schwur der Barbaren“ über „Das verrückte Kind aus dem hohlen Baum“ bis zu „Postlagernd: Algier“ sprachlich und thematisch sind, eint sie doch der Anspruch Sansals, Chronist seines Landes zu sein.
Mal mit furiosen Wortkaskaden, mal mit kalter Wut, dann wieder mit bissigem Sarkasmus beschreibt der Romancier die Wunden seiner Heimat – den Zynismus der Macht, die Dysfunktion der Gesellschaft, den Verlust von Freiheit, kurz: den Albtraum der Vergangenheit, der das Land seit der Unabhängigkeit 1962 beherrscht. „Wir würden von Völkermord sprechen, würden die Mitwirkenden sich nicht strikt dagegen verwahren“, schreibt Sansal in „Erzähl mir vom Paradies“.
Geschont wird niemand: Die Generäle so wenig wie die Schmuggler und Islamisten, auch die ausländischen Investoren, die sich arrangieren mit der algerischen Tragödie, finden sich wieder, ebenso Vertreter der französischen Politik und der Vereinten Nationen, die im Ernstfall geflissentlich wegschauen. Das gefährliche, undurchsichtige Geflecht aus Regierung, Geheimdienst und Militär nennen die Algerier selbst nur „die Macht“. Ihr trotzt Sansal beharrlich – als letzter noch in Algerien lebender Schriftsteller überhaupt und als furcht- und schonungsloser Vertreter einer Littérature engagée, die man fast schon für überholt glaubte.
Der Krieg zwischen Militärs und Islamisten
Sansal weiß, wie wenig sein Schreiben bewirken kann – und hält umso ausdauernder daran fest. Verwandte, Freunde, gleichgesinnte Intellektuelle haben das Land verlassen, von den Offiziellen in Politik und Gesellschaft wird er verachtet, von den Islamisten bedroht. Als sein französischer Verlag Gallimard ihn bat, unter Pseudonym zu veröffentlichen, wie es sein in Paris lebender Schriftstellerkollege und ehemaliger algerischer Offizier Yasmina Khadra tut, winkte Boualem Sansal ab. „Ernsthafte Kritik kann man von außen nicht üben“ – davon ist er überzeugt.
Zu schreiben begann der promovierte Ökonom erst mit fünfzig Jahren. Damals war er durch seinen Rang als Generaldirektor des algerischen Industrieministeriums noch relativ geschützt. Es dauerte nicht lange, da nahm man ihm erst seinen Posten, dann durften seine Werke nicht mehr verkauft werden. Kaum vorstellbar, wie ein freier Schriftsteller existieren kann in einem Land, in dem er nicht publizieren darf.
Damals, als der Krieg zwischen Militärs und Islamisten tobte, wollte Sansal das Geschehen zunächst in einem Aufsatz ergründen: „Während die Wahrheit den Bruchteil einer Sekunde braucht, um zu explodieren, benötigt man ein ganzes Leben, und oft mehr, um wieder Ordnung in seine Gedanken zu bringen“, erklärte er seinen literarischen Auftakt selbst einmal. Aus dieser Suche nach Ordnung entstand ein ausuferndes Vierhundert-Seiten-Werk, das im Gewand eines Politthrillers Missstände anprangert und auf die multiethnische und multireligiöse Vergangenheit des Landes verweist.
Die Schoa wird in Algerien verschwiegen
Dabei bricht „Der Schwur der Barbaren“ mit dem Tabu, nur nicht am Mythos der Einheitspartei FLN zu kratzen. Sansal will die Schuld für das Versagen nordafrikanischer Eliten nicht länger den einstigen Kolonialherren geben. Und in „Das Dorf des Deutschen“ geht Sansal in seiner Provokation noch eine Stufe weiter, indem er die unterdrückte Wahrheit über die Beteiligung von Nationalsozialisten im algerischen Unabhängigkeitskrieg ausspricht.
Auf realen Begebenheiten basierend, erzählt Sansal in dem Roman die Geschichte zweier algerischstämmiger Brüder aus der Pariser Banlieue, die nach dem Tod der Eltern entdecken, dass ihr deutscher Vater, ein in Algerien allseits verehrter Kriegsheld, einst Mitglied der Waffen-SS war, der in den Konzentrationslagern Buchenwald und Dachau tätig war. Als der Roman im vorigen Jahr in Frankreich erschien, löste er große Diskussionen aus.
Bis heute wird die Schoa in Algerien verschwiegen oder gar als Lüge Israels abgetan. Dass sich mit Boualem Sansal ein Schriftsteller aus der islamischen Welt unmissverständlich zum Leid des jüdischen Volks bekennt, macht ihn nicht nur zu einem würdigen Träger des Friedenspreises, sondern außerdem zu einem überzeugenden Nachfolger von David Grossman, dem Preisträger des Vorjahrs, der sich ebenfalls für die arabisch-israelische Aussöhnung einsetzt.
Guter Beitrag
Georg Noll (Debattenfreund)
- 09.06.2011, 16:58 Uhr
Algerier, ein 181 Jahre geschundenes Volk, auf der Suche nach Identität, ....
Frank Sperling (Auch-Ein-Buerger)
- 09.06.2011, 18:32 Uhr