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Friedenspreis an Claudio Magris Aus der Zeit gefallen

19.06.2009 ·  Nichts gegen Claudio Magris. Aber die Entscheidung, dem allseits geschätzten Autor den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels zu verleihen, ist bereits seit Jahrzehnten so naheliegend, dass sie jetzt in ihrer Einfallslosigkeit schon wieder kühn anmutet.

Von Felicitas von Lovenberg
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In Iran steht ein Wahnsinniger an der Spitze einer nicht gewählten Regierung, in Israel ist die Akzeptanz eines eigenen Palästinenserstaates nach wie vor an für die Gegenseite kaum hinnehmbare Bedingungen geknüpft, eine Weltwirtschaftskrise erschüttert einstige Gewissheiten und zwingt dazu, völlig neu über Bedürfnisse und Lebensordnungen nachzudenken. Und was tut der Börsenverein des Deutschen Buchhandels? Er zeichnet den italienischen Literaturwissenschaftler, Essayisten und Romancier Claudio Magris mit dem diesjährigen Friedenspreis aus, ganz so, als lebten wir immer noch im alten Europa (siehe auch: Claudio Magris erhält Friedenspreis des Buchhandels).

Nichts gegen Claudio Magris, dem man alle Auszeichnungen gerne gönnt (und der in den letzten Jahren auch mit schöner Regelmäßigkeit angesehene und hochdotierte Ehrungen entgegennehmen konnte) – aber diese Entscheidung ist bereits seit Jahrzehnten so naheliegend, dass sie jetzt in ihrer Einfallslosigkeit schon wieder kühn anmutet. Offenbar hat der Stiftungsrat nach der umstrittenen Entscheidung für den Künstler Anselm Kiefer im letzten Jahr diesmal nach einem nicht angreifbaren Kandidaten gesucht – und damit die Chance vertan, den Friedenspreis wieder zu einer Auszeichnung zu machen, mit deren Träger sich die Leser wirklich beschäftigen. Und das wiederum drückt sich nicht allein in Auflagenzahlen aus (gerade die Werke von Magris dürften in vielen gebildeten Haushalten wenig beachtete Regalhocker sein), sondern in einer Aufmerksamkeit, die zur Diskussion einlädt – es sei denn, der Friedenspreis will auf Dauer zu einer jener kleinen, feinen Ehrungen werden, an deren aktuellen Träger sich unmittelbar nach der Bekanntgabe schon niemand mehr erinnert.

Das wäre eine fatale Entwicklung. Denn abgesehen vom Deutschen Buchpreis gibt es nur zwei andere Auszeichnungen im literarischen Leben, denen eine ähnliche Aufmerksamkeit zuteil wird: den Büchner-Preis und den Literaturnobelpreis.

An Harmlosigkeit kaum zu überbieten

Wie kaum ein anderer habe sich Magris „mit dem Problem des Zusammenlebens und Zusammenwirkens verschiedener Kulturen beschäftigt“, heißt es zur Begründung. Als „streitbarer Gegner von Ausgrenzung und kulturellem Dominanzdenken“ erzähle er von der „Vielfalt der Systeme und Sprachen Mitteleuropas, von Eigentümlichkeiten und Gegensätzen“. Dabei zeige er, wie „kreativ“ Verschiedenheit sein kann. Das sind schöne, hehre Lobesworte, an Harmlosigkeit kaum zu überbieten.

Es ist besonders bitter, diese Entscheidung kritisieren zu müssen, da sie einen allseits geschätzten Autor ehrt. Claudio Magris, dieser elegante, mit seinem immensen historischen, geographischen, soziologischen und literaturwissenschaftlichen Wissen spielende Assoziationsakrobat von der adriatischen Küste hat im April seinen siebzigsten Geburtstag gefeiert; liest man jedoch die Prosaminiaturen seines neusten Buches, „Ein Nilpferd in Lund“, das Reiseeindrücke aus den Jahren 1984 bis 2004 versammelt (siehe auch: Rezension: Claudio Magris' Reisebilder „Ein Nilpferd in Lund“), meint man, einer Verwandlung gegen die Zeit beizuwohnen.

Als Prolog verstanden

Der Germanist, der bereits als junger Mann, in seiner 1963 veröffentlichten Dissertation „Der habsburgische Mythos in der österreichischen Literatur“, mit dem Erkenntnisfundus und der Seniorität eines Gelehrten schrieb, hat mit jedem Buch, vom Erzählungsband „Mutmaßungen über einen Säbel“ (1986) über seine durch die europäische Kulturgeschichte kreuzende Romanbiographie der Donau (1986) und „Die Welt en gros und en détail“ (1997) bis hin zu „Blindlings“ (2005), der Litanei eines Heimatlosen, Ballast abgeworfen. Ein Werk wie ein Neugierigkeitsgebirge, verfasst nicht von einem Romancier, sondern von einem Romanerzähler der Wirklichkeit. Immer unersättlicher wurde der Autor nach lebendiger Erfahrung, oder vielmehr: nach den Gedanken, die sie in ihm weckt. Magris ist ein Mikro- und ein Nanokosmiker, der in der Wölbung eines Kaffeelöffels aus Triest ganz Mitteleuropa zu spiegeln vermag – eine von alteuropäischem Habitus getragene Detail- und Beobachtungsfülle, die beeindruckt, aber auch ermüdet.

Immerhin: Anders als jene, die ihn vor allem für die Fortführung einer Kultur ehren, deren Kontinuität mitnichten gewährleistet ist, weiß Claudio Magris in seinem neusten Buch, dass die Reise, wie das Leben und eben auch die Lektüren, immer wieder neu beginnen muss. Darum will er selbst seine Berichte und Aufzeichnungen, die jetzt als Epilog des untergehenden Abendlandes geehrt werden, als Prolog verstanden wissen. Vielleicht fängt ja auch der Friedenspreis im nächsten Jahr neu an.

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Jahrgang 1974, verantwortliche Redakteurin für Literatur und Literarisches Leben.

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