03.12.2009 · Seit fünfzig Jahren sprechen in Frankfurt Dichter als Dozenten: Zum Geburtstag gibt es im neuen Riesenhörsaal der Universität eine großartig bündige Vorlesung von Durs Grünbein. Patrick Bahners hat sie sich angehört und in einem Trugbild die Wahrheit entdeckt.
Von Patrick BahnersHier spricht der Dichter. Aber erst einmal noch nicht. Obwohl die Frankfurter Poetikvorlesung von Durs Grünbein pünktlich beginnt, wie auf den Plakaten annonciert, um 18 Uhr c.t., abgekürzt für cum tempore, lateinisch für „mit Zeit“, gemäß akademischem Brauch mit angekündigter Verspätung von fünfzehn Minuten. Um Punkt 18 Uhr 15 wird also das Mikrophon eingeschaltet, man wartet nicht auf etwaige Nachzügler, die sich vielleicht in traditionalistischem Trott zum Hörsaal VI des alten Hauptgebäudes der Goethe-Universität in Bockenheim begeben haben, dem Adorno-Hörsaal, wo fünfzig Jahre lang die Poetikvorlesungen stattfanden. Nicht jedes Jahr in diesen fünfzig Jahren allerdings. 1968 brach die Übung ab, um erst ein Jahrzehnt später mit Uwe Johnson wiederbelebt zu werden. Aber die Institution der Poetikdozentur feiert ihren Geburtstag.
Im Wintersemester 1959/60 sprach die erste Dozentin, Ingeborg Bachmann, über „Fragen zeitgenössischer Dichtung“, und daher spricht an diesem Abend im Hörsaal 2 des neuen Hörsaalzentrums auf dem Westend-Campus Durs Grünbein zunächst noch nicht. Stattdessen werden Grußworte gesprochen. Der erste Satz des Grußwortes des Sprechers des Besetzungsausschusses für die Poetikdozentur, des Altgermanisten Ulrich Wyss, lautet, das Publikum sei nicht gekommen, um Grußworte zu hören. Tosender Applaus. Nein, die Leute sind gekommen, um den Dichter zu hören, denn dass der Dichter spricht, ist etwas Besonderes. Die übrigen Honoratioren, der Vizepräsident der Universität, der Cheflektor des Suhrkamp-Verlages und der Frankfurter Kulturdezernent, können auf die Verlesung ihrer Grußworte nicht verzichten und entledigen sich der vermeintlichen Pflicht mit gehöriger Dickfelligkeit.
Sei auf der Hut, Wowereit!
Es muss öffentlich gesagt werden, dass Ulla Unseld-Berkéwicz anwesend ist und dass man darin ein Zeichen für die fortdauernde Verbundenheit des nach Berlin abwandernden Suhrkamp-Verlages mit Frankfurt sehen will. Und von der Gegenseite muss öffentlich zugesagt werden, dass Suhrkamp sich an der Finanzierung der Poetikdozentur weiter beteiligt. Denn persönliche Kommunikation findet, wie am Rande zu hören ist, zwischen den Beteiligten derzeit nicht statt. Was bekommt Frau Unseld-Berkéwicz von den Grußworten mit? Nichts. Sie hat aber nicht etwa die schwarze Pelzkappe über die Ohren gezogen, um sich zur Vorbereitung auf die Dichterworte in einen Zustand der Entrückung zu versetzen. Der von der Decke hängende Lautsprecher, der die linke Hälfte des Riesensaals beschallen soll, hat sich gegen die Wand gedreht. Für solche Schamanfälle waren früher die Poeten gut, als Dozenten können sie sich das nicht mehr erlauben.
Die Grußworte werden unterbrochen, während ein Techniker erwartet wird. Gottfried Benn hat schon gewusst, warum er in seinem Rundfunkgespräch mit Reinhold Schneider über die Frage, ob die Dichtung das Leben bessern könne, der Ingenieure gedachte, die Drähte über die Erde ziehen. Der Techniker besteigt eine erstaunlich kleine Leiter, zieht einen Draht durch die Luft, das sensible Instrument wird angebunden. Die Verlegerin und der Dichter wechseln trotzdem von der linken auf die rechte Seite des Saals. Das Prinzip Umzug hat sich bewährt. Sei auf der Hut, Wowereit!
Als Durs Grünbein ans Rednerpult tritt, verlässt der Vizepräsident der Universität, der Philosoph Matthias Lutz-Bachmann, den Hörsaal. Er hat in seinem Grußwort die Studenten dazu beglückwünscht, dass sie in den kommenden Wochen die Vorlesungsreihe von Durs Grünbein erleben werden. Grünbein hält allerdings nur diese eine Vorlesung. Der Vizepräsident wird sich wundern, wenn er nächsten Dienstag wiederkommt. Aber vielleicht wird es ihn auch freuen, den Hörsaal in seiner ganzen leeren Pracht bewundern zu können. Der Saal ist so groß, als wäre er ausgelegt für Professor Bastian Sick, Dr. h.c. Mario Barth oder den Kurs Hedgefondsgründung für Anfänger, Finanzwissenschaft, 1. Semester.
Wie man von A nach B kommt
Grünbein will über den „Ortssinn der Worte“ sprechen und muss zunächst seinen eigenen Ortssinn justieren, sich in ein Verhältnis zum Saal setzen. Daher improvisiert er seinerseits ein Grußwort: „Willkommen in der Eissporthalle!“ Er ist hier nicht am falschen Ort. In seinen Gedichten steht dieser Dichter vor klassischen Prospekten, und sein ganzes Werk führt er als Dozent nun in der großartigen Autobiographie, die er unter dem Namen einer „persönlichen Psychopoetik“ entfaltet, auf die Erfahrung des Raumes zurück, den er als byzantinisch-bolschewistisch bestimmt.
Am Sonntag hat sich Grünbein im Sendesaal des Hessischen Runkfunks zur Feier des Geburtstages der Dozentur mit Hans Magnus Enzensberger unterhalten; das Gespräch wird am Nikolaustag im Radio gesendet. Enzensberger hatte in einer seiner vier Poetikvorlesungen im Wintersemester 1964/65 die Anwendung der Topologie, der mathematischen Ortslehre, in der Literaturwissenschaft erörtert. Er fand Modelle selbstreferentieller Werke des absurden Theaters oder des Nouveau Roman in der Topologie, in der es, wie er erläuterte, nicht auf die Ausdehnung des Raumes ankommt, sondern auf Offenheit oder Geschlossenheit. Wie man von A nach B kommt, ist in der Topologie keine Frage der Entfernung. Als einen solchen topologischen Raum, in dem man aus Dresden nach Sibirien, aber nicht nach Rom gelangte, beschreibt Grünbein die Umwelt, in der er zum Dichter wurde. Was seine Vorstellungskraft aus dem untergegangenen Reich herausholt, hat aber offenkundig mit dessen Ausdehnung zu tun.
Draußen entstehen seine Gedichte, „im Freien geschaffene Skulpturen aus Worten“, und beim Streunen am Stadtrand ist ihm das Initiationserlebnis widerfahren, als dessen Verarbeitung und Überarbeitung er in dieser Vorlesung seine dichterische Produktion schildert. Ein Geräusch stand am Anfang, das plötzliche Flügelschlagen einer Taube. Wie Grünbein aus der Erinnerung an diesen ungesprochenen Urlaut eine vollständige Poetik als Lehre vom Aufflug ableitet, das ist hier nicht wiederzugeben. Die Lehre bleibt an die physische Erfahrung gebunden, die sie auslegt, obwohl der Poetikdozent seinen Lernprozess als Einweisung in einen höheren Zusammenhang kennzeichnet, indem er immer wieder bemerkt, er habe zu einem bestimmten Zeitpunkt seiner Lektüre oder seines Schreibens etwas noch nicht verstanden.
Ein Musenross mit dampfenden Nüstern
Enzensberger hatte in seiner vierten Vorlesung die These aufgestellt, beim Dichter stehe am Anfang der Wille, ein Gedicht zu machen. Darin schlage die Gattung durch, die als Institution zu begreifen sei. Ironisch hatte er in der ersten Vorlesung gefragt, ob Schriftsteller eine Rolle spielen. Er gab die Antwort, dass Schriftsteller sich den Rollenzuschreibungen der Gesellschaft nicht entziehen könnten, sah aber davon ab, seine eigene Rolle zu definieren. Grünbein spricht „das schauspielerhafte Element jeder öffentlichen Äußerung“ an, sieht den Witz einer am antiken Sprachgebrauch geschulten Rede von der Person aber darin, dass es um das Unbekannte hinter der Maske geht. „Man geht nicht als Filmfigur durch sein Leben.“
So widerspricht Grünbein der neusachlichen Reduktion der Poetik auf Literaturbetriebssoziologie – nur um Enzensbergers Perspektive ihr volles Recht zuzugestehen, indem er eine witzige Metamorphose seines Urbildes der poetischen Erfahrung enthüllt: Unbewusst könnte ihn doch das Institutionelle an der Poesie zum Dichter bestimmt haben, denn später erinnerte ihn das Taubenflügelschlagen an den Applaus des Publikums. Dieses Geräusch verabschiedet ihn wieder, und man begreift, warum er nur eine Vorlesung hat halten wollen. Sie ist bündig wie ein Gedicht. Aber nichts fehlt, denn der Dozent hat implizit sogar erklärt, weshalb es etwas Besonderes ist, dass der Dichter spricht. Gerade die „physische Abwesenheit der Dichterstimme“ macht im Gedicht deren „intensivste Vergegenwärtigung“ möglich. Rhythmus und Metrik, alle klassischen Parameter der Poetik, „müssen sich der persönlichen Stimmführung fügen“.
Es ist kurz vor acht, als die Vorlesung zu Ende ist. Eigentlich will Durs Grünbein noch in die Alte Oper, zu einem Konzert des Ensemble Modern. Hat er denn erwartet, die Veranstalter würden ihm ein Musenross mit dampfenden Nüstern vor die Tür stellen? Dann wäre er einem Trugbild jenes Höhenflugs erlegen, der dem Dichter zweite Natur sein soll, einem Trugbild, das die Wahrheit dieses Abends enthält. Der Dichter hat gesprochen, und der Dichter vergeudet keine Zeit.