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Foucaults Vermächtnis Fortan wird er die Wahrheit sagen

Die letzten Lehren der Meisterdenker, die keine sein wollten: Michel Foucaults „Parrhesia“ und Roland Barthes' Buch der Trauer bewegen Frankreich. Doch die Frage nach der Bilanz und Verantwortung der beiden Intellektuellen wird umgangen.

© AFP Vergrößern Michael Foucault (1926 - 1984)

Es war ein Wettlauf mit dem Tod. Erschöpft und mager kehrte Michel Foucault aus Berkeley, wo er Ende 1983 unterrichtet hatte, nach Paris zurück. Er wurde mit starken Antibiotika behandelt. Aids war noch ein Gerücht ohne Namen. Foucault korrigierte die Bände zwei und drei seiner „Geschichte der Sexualität“ und arbeitete bereits an der Fortsetzung. Er schrieb Artikel, gab Interviews und übersetzte ein Buch von Norbert Elias über den Tod. Mit André Glucksmann und Bernard Kouchner kämpfte er gegen die deutsche Friedensbewegung und für die Dissidenten in Osteuropa.

Er hatte die Öffnung der psychiatrischen Anstalten propagiert und gegen die unmenschlichen Zustände in den Gefängnissen protestiert. Sie waren für ihn die Vorboten der gesellschaftlichen Entwicklung: „Überwachen und Strafen“. Er gab ein Fest für den Dichter William Burroughs, der aus den Vereinigten Staaten gekommen war. Und er hielt im Frühjahr 1984 seine letzten Vorlesungen am Collège de France. Ein Vierteljahrhundert danach wurden sie jetzt erstmals gedruckt: „Le courage de la verité“, der Mut zur Wahrheit (Gallimard, 351 Seiten, 27 Euro).

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Mehr Politiker, Theaterleute, Philosophen und Schriftsteller als Studenten

Foucaults Auftritte waren Massenveranstaltungen. Voll besetzt war die Aula schon bei der Vorlesung anlässlich seiner Habilitation an der Sorbonne zwei Jahrzehnte zuvor. „Ich hatte den Eindruck, einer Umwälzung des Denkens beizuwohnen“, erinnert sich Catherine Clément in ihren gerade erschienenen Memoiren: „Mit seiner etwas matten, aber schneidenden Stimme schilderte Foucault, wie in Frankreich unter Ludwig XIV. die große Einschließung begann. Die Polizei sperrte Bettler, Irre, Rebellen, Ausschweifende ein. Sie wurden an Ketten gelegt. Und als die Revolution sie von ihren Ketten befreite, kamen die Psychiatrie und später die Psychoanalyse, um sie mit anderen Mitteln unter Kontrolle zu bringen.“

foucault buch © Éditions du Seuil Vergrößern

In den achtziger Jahren drängten mehr Politiker, Theaterleute, Philosophen und Schriftsteller als Studenten in Foucaults Vorlesungen am Collège de France. Der Historiker Paul Veyne erinnert sich sogar an einen ehemaligen Sekretär Stalins. „Auf seinem Rednerpult standen zahlreiche Mikrophone“, erzählt Veyne. Foucault hatte tausend Zuhörer - bei vielen Kollegen saßen keine 25 Studenten im Saal. Als es darum ging, seinen Lehrstuhl mit einem Nachfolger zu besetzen, waren die Kollegen sehr darauf bedacht, keinen in den Medien präsenten Philosophen - zur Diskussion standen Gilles Deleuze, Michel Serres, Jacques Derrida - zu wählen.

Das Recht, alles sagen zu können

Foucault pflegte seine Vorlesungen als „Kampfsport“, sagt sein Freund und Nachlassverwalter Daniel Defert. Foucault sprach von einer „extremen Einsamkeit“. Die Vorträge waren keine Vorbereitung und auch keine Wiedergabe seiner Bücher. Daniel Defert bezeichnet sie als „paralleles Werk“ und Versuchslabor. Foucault entwickelte und prüfte Ideen, die er oftmals wieder fallenließ. Diesen Befund bestätigt Paul Veyne: „Höflich beantwortete Foucault die schriftlichen Fragen der Zuhörer. Diese Höflichkeit war eine rein taktische. Foucault wollte überzeugen. Wenn keine Öffentlichkeit vorhanden war, formulierte er schneidende, ja gnadenlose Urteile. Foucault war stets hervorragend vorbereitet. Er hat praktisch jeden Satz von Hand geschrieben. Er sprach mit ruhiger Stimme, man hatte den Eindruck, als würden seine Ideen aus dem Sprechen entstehen. Während seiner Vorlesungen spielte er nie den Propheten. Ich habe seine Analysen der Vorlesungen stets als deutlicher, ja sogar als anziehender empfunden als die Aussagen seiner Bücher.“

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