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Foucaults Vermächtnis Fortan wird er die Wahrheit sagen

12.02.2009 ·  Die letzten Lehren der Meisterdenker, die keine sein wollten: Michel Foucaults „Parrhesia“ und Roland Barthes' Buch der Trauer bewegen Frankreich. Doch die Frage nach der Bilanz und Verantwortung der beiden Intellektuellen wird umgangen.

Von Jürg Altwegg, Genf
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Es war ein Wettlauf mit dem Tod. Erschöpft und mager kehrte Michel Foucault aus Berkeley, wo er Ende 1983 unterrichtet hatte, nach Paris zurück. Er wurde mit starken Antibiotika behandelt. Aids war noch ein Gerücht ohne Namen. Foucault korrigierte die Bände zwei und drei seiner „Geschichte der Sexualität“ und arbeitete bereits an der Fortsetzung. Er schrieb Artikel, gab Interviews und übersetzte ein Buch von Norbert Elias über den Tod. Mit André Glucksmann und Bernard Kouchner kämpfte er gegen die deutsche Friedensbewegung und für die Dissidenten in Osteuropa.

Er hatte die Öffnung der psychiatrischen Anstalten propagiert und gegen die unmenschlichen Zustände in den Gefängnissen protestiert. Sie waren für ihn die Vorboten der gesellschaftlichen Entwicklung: „Überwachen und Strafen“. Er gab ein Fest für den Dichter William Burroughs, der aus den Vereinigten Staaten gekommen war. Und er hielt im Frühjahr 1984 seine letzten Vorlesungen am Collège de France. Ein Vierteljahrhundert danach wurden sie jetzt erstmals gedruckt: „Le courage de la verité“, der Mut zur Wahrheit (Gallimard, 351 Seiten, 27 Euro).

Mehr Politiker, Theaterleute, Philosophen und Schriftsteller als Studenten

Foucaults Auftritte waren Massenveranstaltungen. Voll besetzt war die Aula schon bei der Vorlesung anlässlich seiner Habilitation an der Sorbonne zwei Jahrzehnte zuvor. „Ich hatte den Eindruck, einer Umwälzung des Denkens beizuwohnen“, erinnert sich Catherine Clément in ihren gerade erschienenen Memoiren: „Mit seiner etwas matten, aber schneidenden Stimme schilderte Foucault, wie in Frankreich unter Ludwig XIV. die große Einschließung begann. Die Polizei sperrte Bettler, Irre, Rebellen, Ausschweifende ein. Sie wurden an Ketten gelegt. Und als die Revolution sie von ihren Ketten befreite, kamen die Psychiatrie und später die Psychoanalyse, um sie mit anderen Mitteln unter Kontrolle zu bringen.“

In den achtziger Jahren drängten mehr Politiker, Theaterleute, Philosophen und Schriftsteller als Studenten in Foucaults Vorlesungen am Collège de France. Der Historiker Paul Veyne erinnert sich sogar an einen ehemaligen Sekretär Stalins. „Auf seinem Rednerpult standen zahlreiche Mikrophone“, erzählt Veyne. Foucault hatte tausend Zuhörer - bei vielen Kollegen saßen keine 25 Studenten im Saal. Als es darum ging, seinen Lehrstuhl mit einem Nachfolger zu besetzen, waren die Kollegen sehr darauf bedacht, keinen in den Medien präsenten Philosophen - zur Diskussion standen Gilles Deleuze, Michel Serres, Jacques Derrida - zu wählen.

Das Recht, alles sagen zu können

Foucault pflegte seine Vorlesungen als „Kampfsport“, sagt sein Freund und Nachlassverwalter Daniel Defert. Foucault sprach von einer „extremen Einsamkeit“. Die Vorträge waren keine Vorbereitung und auch keine Wiedergabe seiner Bücher. Daniel Defert bezeichnet sie als „paralleles Werk“ und Versuchslabor. Foucault entwickelte und prüfte Ideen, die er oftmals wieder fallenließ. Diesen Befund bestätigt Paul Veyne: „Höflich beantwortete Foucault die schriftlichen Fragen der Zuhörer. Diese Höflichkeit war eine rein taktische. Foucault wollte überzeugen. Wenn keine Öffentlichkeit vorhanden war, formulierte er schneidende, ja gnadenlose Urteile. Foucault war stets hervorragend vorbereitet. Er hat praktisch jeden Satz von Hand geschrieben. Er sprach mit ruhiger Stimme, man hatte den Eindruck, als würden seine Ideen aus dem Sprechen entstehen. Während seiner Vorlesungen spielte er nie den Propheten. Ich habe seine Analysen der Vorlesungen stets als deutlicher, ja sogar als anziehender empfunden als die Aussagen seiner Bücher.“

Im Wettlauf mit dem Tod hat Foucault, der die griechischen Klassiker im Original las, den Begriff der „Parrhesia“ neu entdeckt. Er meint damit das Recht, alles sagen zu können. Das Recht, dem Vertrauten, dem Freund, die Wahrheit zu sagen. Es geht um Wahrhaftigkeit. Die „Parrhesia“ erscheint als Gegenteil der Schmeichelei der Kurtisanen. Von da aus kam er zu den Zynikern, „die wie Hunde lebten“, und dem Jahrhunderte dauernden Skandal, den sie auslösten. „Virtuose Analysen“ bescheinigt ihm „Le Monde“: „Die Zyniker zeigen, dass das ,wahre Leben', das Leben im Dienste der Wahrheit, seinen Preis hat: die Sitten, die uns von ihm abbringen, müssen zerschlagen werden.“ Im Sinne des philosophischen Lebens, wie es den Griechen vorschwebte, habe Foucault seine letzten Vorlesungen als Testament hinterlassen wollen.

Im März musste er aufgeben: „Es ist zu spät

„Ich war krank, sehr krank“, erklärte Foucault seinen Hörern. Er hatte den für Januar geplanten Beginn seiner Vorträge auf Februar verschieben müssen. Im März musste er aufgeben: „Es ist zu spät.“ Foucault starb am 25. Juni 1984. Praktisch gleichzeitig erschienen der zweite und dritte Teil seiner „Geschichte der Sexualität“. Ihre Kritik am „Zwang zum Geständnis“ durch den geschwätzigen öffentlichen sexuellen Diskurs, der die Beichte abgelöst hat, bekommt durch die letzten Vorlesungen eine beklemmende existentielle Dimension.

Ihre Publikation lässt nochmals das Klima einer Epoche nachvollziehen, die zum Zeitpunkt von Michel Foucaults Tod schon beendet war. Nur ein paar Monate hatte die Euphorie über den Sieg Mitterrands, der mit dem Kapitalismus brechen wollte, im Mai 1981 gedauert. Foucault lehnte es ab, Minister zu werden oder Kulturattaché in New York. Der Historiker Max Gallo kritisierte als Regierungssprecher auch deshalb das „Schweigen der Intellektuellen“. Jack Lang nannte Foucault einen „Clown“. Als er starb, hatte auch Mitterrand dem Marxismus abgeschworen.

Niemand erinnert an seine Unterstützung Chomeinis

Im Lob seiner intellektuellen Ethik und Philosophie der Sexualität, das jetzt angestimmt wird, erinnert aus Anlass von Foucaults Todestag wie des dreißigsten Jahrestags der islamischen Revolution in Iran kein Mensch an Foucaults Unterstützung der Ajatollahs. Das Buch von Janet Afary und Kevin B. Anderson über „Foucault and the Iranian Revolution“ ist nie auf Französisch erschienen. Die Autoren erklären seine blinde Hymne auf Chomeini, der im Februar 1979 die Macht übernahm, mit dem Hass des Denkers auf die politischen und wirtschaftlichen Systeme, auf den Staat und den Kapitalismus. Sie wird bei den laufenden französischen Foucault-Fest-und-Trauerspielen genauso ausgeblendet wie die verschämte Verlogenheit, mit der nach seinem Tod um dessen Ursache herumgeredet wurde. Auch in den Debatten über die psychiatrischen Kliniken, die Sarkozy in Hochsicherheitstrakte verwandeln will, und die Gefängnisse, aus denen wöchentlich Selbstmorde gemeldet werden, ist er merkwürdigerweise überhaupt nicht präsent.

Hartnäckig wird Foucaults Faszination für Chomeinis Revolution verdrängt. Und fast ebenso systematisch die Reise der „Tel Quel“-Redaktion 1974 nach China verharmlost. Gleichzeitig mit Foucaults Vorlesungen sind aus dem Nachlass von Roland Barthes dessen Notizen und Aufzeichnungen erschienen: „Carnets de voyage en Chine“. André Gide hatte nach seiner Rückkehr aus Moskau mit dem Kommunismus gebrochen, die Pariser Maoisten der intellektuellen Avantgarde blieben ihren Illusionen auch nach drei Wochen im realen Totalitarismus treu. Barthes, neben Foucault, Lacan und Lévi-Strauss der einflussreichste Denker der sechziger und siebziger Jahre, veröffentlichte einen sträflich naiven Artikel in „Le Monde“.

Der Höhe- und Wendepunkt revolutionärer Hoffnungen

Sein chinesisches Reisejournal ist noch verheerender. Bei einem Fabrikbesuch wird das „Tel Quel“-Kollektiv mit einem großen Spruchband begrüßt. Barthes notiert: „Wenn das in französischen Fabriken nur auch so sein könnte.“ Kein Rezensent bezeichnet das Reisetagebuch als politischen Skandal. Doch umso eifriger werden Barthes' sehr persönliche Aufzeichnungen nach dem Tod der geliebten Mutter („Journal de deuil“) zum epochalen Monument der Trauer verklärt.

Barthes schrieb regelmäßig in eigener Sache. Foucault redet erstmals in seinen letzten Vorlesungen von sich selbst. „Mit der ,Parrhesia' kann sich Foucault als Philosoph erstmals positiv identifizieren“, sagt François Ewald, der sein Assistent gewesen war: „Sie ist ein Instrument, das es ihm erlaubt, sich selber anders zu sehen. Er jauchzt und frohlockt angesichts der Entdeckung eines verschollenen Kontinents der Philosophie. Es sind glückliche Vorlesungen.“ Drei Tage vor seinem Tod nahm Foucault an einem Begräbnis teil. „Gut, wenn es so gemacht wird“, soll er danach gesagt haben. Daniel Defert spricht von einer „Generalprobe“. François Ewald empfand das Testament schon damals als Kommentar zur Aktualität. Foucault zog die Lehren aus dem Niedergang der ideologischen Überzeugungen und revolutionären Hoffnungen. Ihre Imperative hatten mit der Unterstützung der Intellektuellen für Pol Pot und Foucaults Lob von Chomeinis Revolution ihren Höhe- und Wendepunkt erreicht. Einen „versöhnten Foucault“ macht Ewald in den letzten Vorlesungen aus.

Die Entwöhnung von der Revolution

Sein Leben lang hatte der Philosoph jede Macht bekämpft. Roland Barthes analysierte ihre Systeme und deutete die Zeichen. Bei seinen Antrittsvorlesungen im „Collège de France“, zu dessen Sternen auch er gehörte, hatte er die Sprache an sich als „faschistisch“ bezeichnet. Barthes' und Foucaults posthumes Duett ist das prägende Ereignis des intellektuellen Winters in Paris.

Die intime Trauer eines untröstlichen Sohns und die späte „Parrhesia“ eines Philosophen ertönen als Schwanengesang einer fernen Epoche. Doch die Frage nach ihrer Bilanz und Verantwortung wird umgangen. In ihrem Widerhall zelebriert Paris schonungsvoll die Entwöhnung von der Revolution: „Der Philosoph wollte sie vorbereiten“, sagt Ewald über Foucaults radikalen Bruch am Ende des Lebens und die neue Ethik des Intellektuellen: „Fortan wird er die Wahrheit sagen.“

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