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Fiktives Wiesn-Attentat Russen kapern das Oktoberfest

24.08.2010 ·  Was darf Literatur? Das Romandebüt des Münchners Christoph Scholder erzürnt angeblich kommunale Verwaltung und Wiesnwirte, weil es eine Massengeiselnahme russischer Terroristen durchspielt.

Von Jürgen Kaube
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Gibt es auf Erden ein Maß?“, fragt der Philosoph, und das Bierzelt antwortet: „Das heißt eine Maß!“ Und doch ist das Oktoberfest, heuer zum 200. Mal, maßlos. Weswegen wohl der Roman, der so heißt, „Oktoberfest“, auch maßlos ist. Und die Antwort des Oktoberfests wiederum noch maßloser. „Wiesn: Autor schürt Angst vor Anschlägen.“ So titelte die Münchner „Abendzeitung“ am vorvergangenen Montag auf ihrer ersten Seite. Es geht um einen Thriller.

Ja, stimmt, Thriller schüren Angst vor Bösem. So wie Kriminalromane Angst vor Mördern, Science-Fiction Angst vor der Zukunft, Pornographie Angst vor Impotenz, Philosophie Angst vor Dummheit und das Oktoberfest Angst vor nüchternem Dabeisein. „So wos duat ma net“, meinte gleichwohl der Wiesnwirt und Sprecher aller Wiesnwirte, Toni Roiderer vom Hacker-Festzelt, im Radio über das Buch. Er hofft, dass es niemand kauft und dem Autor nur „vaschenga und wegschmeißn“ bleibe – „brennt sicha guat“. „Wiesn: Hacker-Zeltchef schürt Angst vor Bücherverbrennung“ titelte daraufhin niemand.

München zittert?

In dem Thriller nehmen ehemalige russische Elitesoldaten 70 000 Biertrinker, mithin das gesamte Oktoberfest, als Geisel, nachdem sie zuvor die komplette Installation des Festes übernommen haben, um alle Bierzelte einem Giftgasangriff aussetzen zu können, wenn nicht zwei Milliarden Euro in Form von Rohdiamanten herausgerückt werden. Darum ist auch die Stimmung im Kreisverwaltungsreferat, also im echten jetzt, gereizt. Münchens Stadtdirektor Horst Reif schimpft, der Autor bediene sich „der abstrakten Gefährdungslage, die wir auf der Wiesn haben“, was ein starkes Stück sei, denn „letztlich, theoretisch sind alle Szenarien denkbar, das wissen wir“.

Alle? Auch dieses? Überprüft das Ordnungsamt schon die Kühlsysteme der Wiesn, rein theoretisch, auf geheime Zusatzkanäle? Rechnet es mit Raketenbeschuss? Und damit, dass alle geheimen Notnummern der Staatskanzlei und des Rathauses russischen Superhirnen längst bekannt sind? Oder haben, rein praktisch , all die Empörten von den sechshundert Seiten des Thrillers „Oktoberfest“ des Debütanten Christoph Scholder (Droemer-Knaur, München 2010, 603 S., geb., 19,95 Euro) auch nur fünfzig gelesen?

Das sieht hier aus wie in einem Bruce-Willis-Film

Dann wüssten sie ja, was für einen konkreten Gefährdungsblödsinn sie daherreden. Scholder, einer Professorenfamilie entsprungen, seit langem in München wohnhaft und ein gern gesehener Gast seiner Bräuhäuser, hat – „Das sieht hier aus wie in einem Bruce-Willis-Film“ – einen zugleich ortskundigen wie durchgedrehten Reißer geschrieben. Wie oft im Genre des Thrillers wird liebevolle Detailkenntnis – von Handfeuerwaffen, seltenen Chemikalien, furchtbaren Todesarten, Kryptologie oder Überwachungstechnik – mit einem Handlungsablauf kombiniert, gegen den die Johannes-Apokalypse ein Sachbuch ist.

Bei Scholder kommt noch ein gewisses Vergnügen hinzu, die herumstudierten Jahre nicht ungenutzt zu lassen. Motti von Clausewitz und Luhmann zieren die Kapitel, ein Dozent hält Konversation über das Bierzelt als „Heimat der Weltgesellschaft“. Süffig, obergärig, nicht zur Abgabe an Jugendliche geeignet, zu hohe Stammwürze. Aber gefährlich? Schmarrn.

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Jahrgang 1962, stellvertretender Leiter des Feuilleton.

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