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Fallada-Hörbuch : Karl Siebrechts Lehr- und Wanderjahre

Hörspiel für eine Stimme: Ulrich Noethen Bild: rbb/Hanna Lippmann

Ulrich Noethen hat Hans Falladas Roman „Ein Mann will nach oben“ eingelesen. Er hat dabei für sich und uns ein wahres Sprachparadies entdeckt. Entstanden ist so das Hörspiel einer einzigen Stimme.

          Hans Fallada, 1893 in Greifswald geboren und 1947 in Berlin gestorben, erlebt gerade eine zweite Renaissance. Schon zu Lebzeiten hatten ihn die Romane „Bauern, Bonzen und Bomben“ (1930), „Wer einmal aus dem Blechnapf frisst“ (1934), „Wolf unter Wölfen“ (1937) und „Der eiserne Gustav“ (1938), vor allem jedoch der Welterfolg von „Kleiner Mann - was nun?“ aus dem Jahr 1932 zu einem Auflagenkrösus gemacht.

          Jochen Hieber

          Redakteur im Feuilleton.

          Dass er den Ruhm auch genießen konnte, verhinderte die stets prekäre Existenz. Fallada, den die Nationalsozialisten alles in allem in Ruhe ließen, war privat der Extremfall eines Süchtigen - süchtig vorab nach Alkohol, Morphium, Frauen und Schreiben, latent suizidgefährdet überdies.

          In den späten sechziger und in den siebziger Jahren entdeckte man sein Werk aufs Neue. Er, der Epiker der Proleten, Proletarier, Kleinbürger und Kapitalisten, er, der Chronist der Weimarer Republik, des Molochs Berlin, der Hyperinflation und der Arbeitslosigkeit, bot nun vor allem dem noch ausschließlich öffentlich-rechtlichen Fernsehen realistischen Filmstoff zuhauf. Und dank des Regisseurs Peter Zadek eroberte Fallada jetzt auch das Theater - Zadek transformierte diesen Sozialrealisten der jüngeren Vergangenheit in einen revuetauglichen Motivlieferanten für die unmittelbare Gegenwart.

          Wiederentdeckung von außen

          Die jüngste Wiederentdeckung liegt gerade zwei Jahre zurück - und sie kommt von außen. Sie verdankt sich dem ebenso überraschenden wie enormen Erfolg, den Falladas letzter, wenige Wochen vor seinem Tod beendeter Roman „Jeder stirbt für sich allein“ von 2010 an in England und in den Vereinigten Staaten erzielte - unter den Übersetzungstiteln „Alone in Berlin“ (Großbritannien) und „Every Man Dies Alone“ (Amerika) verkaufte sich die Geschichte vom Widerstand eines proletarischen Ehepaars im Nazi-Deutschland jeweils mehrere hunderttausend Mal.

          Hierzulande bewirkte dieser stupende Erfolg zunächst eine späte philologische Rettungs- und Ehrentat: Seit dem vergangenen Jahr liegt der 1945 von Johannes R. Becher, dem späteren Kulturminister der DDR, angeregte, in beiden Teilen Deutschlands aber stets nur gekürzt erschienene Roman erstmals in einer vollständigen Fassung vor. Sofort hellhörig wurde indes auch die Hamburger Hörbuch-Verlegerin Margit Osterwold. Ebenfalls im vergangenen Jahr und in Zusammenarbeit mit dem Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB) brachte sie „Jeder stirbt für sich allein“ in einer Lesefassung heraus - und legt jetzt mit dem weniger bekannten, aber ebenfalls eminenten Roman „Ein Mann will nach oben“ nach.

          Fallada schrieb ihn in den dreißiger Jahren zunächst unter dem Titel „Die Frauen und der Träumer“ als Fortsetzung für die „Berliner Illustrierte“, erst 1954 erschien er bei Rowohlt als Buch - „Ein Mann will hinauf“ hieß er da zunächst noch.

          Im Falladas Werk ist dieser Roman singulär. Nirgendwo sonst hat er die Zeit, von der er erzählt, derart opulent gedehnt. Die Handlung setzt 1909 ein, als der sechzehn Jahre alte Karl Siebrecht, Sohn eines Maurers und jetzt ein Waisenkind, das Dorf der Kindheit verlässt, um in Berlin sein Glück zu suchen. Karls Geschichte endet 1935 oder 1936, als aus dem Jüngling „ein Mann in den Vierzigern“ und ein nach vielen Aufbrüchen und Rückschlägen höchst erfolgreicher Fuhrunternehmer, aber partout kein Nazi geworden ist.

          Es ist, auch dies singulär in seinem OEuvre, ein klassischer Entwicklungsroman, den Fallada hier schreibt - längst verdient hätte es dieses Buch, auch als Klassiker unserer Literatur anerkannt, ja kanonisiert zu werden.

          Ideale Vorlage fürs Hörbuch

          „Ein Mann will nach oben“ ist geradeheraus und überaus kraftvoll erzählt, nahezu jede der nahezu unzähligen Figuren hat sofort ihren eigenen Ton. Ja, dieser Autor hat seinen Helden und Hasardeuren, seinen gerne großen und ungern, aber unausweichlich kleinen Leuten auf die Mäuler geschaut - entstanden ist darüber eine Stimmensymphonie der einstigen Hauptstadt, die den Vergleich mit Alfred Döblins „Berlin Alexanderplatz“ nicht zu scheuen braucht.

          Weil Fallada aber (auch) in diesem Roman immer nah an der gesprochenen Sprache bleibt, bietet er zugleich die ideale Vorlage für ein Hörbuch - wenn sich denn eine Erzählerstimme findet, die dem Sprachsymphonischen des Werks gewachsen ist.

          Der Schauspieler Ulrich Noethen ist diese Stimme. Längst ein geübter Vorleser der Nation - gerade hörte man ihn etwa als Rezitator von Eugen Ruges Roman „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ -, scheint dieser in München geborene und im Schwäbischen aufgewachsene Pfarrersohn gerade im durch und durch berlinerisch grundierten Deutsch des Hans Fallada für sich eine Art Sprachparadies gefunden zu haben. Bereits bei seiner Lesung von „Jeder stirbt für sich allein“ war dies zu spüren (F.A.Z. vom 27. August 2011).

          Herr Kalubrigkeit und Kalli Flau

          Nun, beim ungleich polyphoneren Hauptstadt-Epos „Ein Mann will nach oben“, übertrifft er sich selbst. Man soll einfach hören, wie er etwa den Part der weiblichen Hauptfigur, jenen der großartigen Göre Rieke Busch aus Wedding, modulierend rezitiert - es ist staunenswert. Gleichviel, ob wir es mit „Herrn Kalubrigkeit“, dem Baulöwen, mit dem preußischen Rittermeister Bodo von Senden, mit Karl Siebrechts norddeutschem Busenfreund Kalli Flau oder dem Freikorpsmann Dumala zu tun haben: Ulrich Noethen macht aus der Lesung dieses Romans das berückende Hörspiel einer einzigen Stimme.

          Solche Brillanz hat allerdings eine unfeine Kehrseite. Es handelt sich bei diesem Hörbuch, erfährt man im Kleingedruckten des Umschlags, um eine „gekürzte Lesung“. Im Klartext: Von den gut 760 Seiten, die der gedruckte Roman umfasst, bleibt weit mehr als ein Drittel auf der Strecke. Die dadurch entstehenden Verständnislücken werden durch absatzkleine Lektoratstexte mühsam zusammengekleistert, uns aber als das Original von Fallada offeriert. Eigentlich geht das gar nicht. Im Alltag des Hörbuchgeschäfts aber ist es leider gang und gäbe.

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