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F.C. Delius zum Siebzigsten : Ein Held der Unsicherheit

Friedrich Christian Delius bei der Verleihung des Büchner-Preises 2011 Bild: picture alliance / dpa

Als Bücher noch geholfen haben: Der Schriftsteller Delius ist ein genauer Beobachter der deutschen Zeitgeschichte und dabei voll subtiler Widerspenstigkeit

          Als Friedrich Christian Delius noch keine Bücher geschrieben hat, sondern die Werke anderer Autoren betreute, da suchte eines Nachts der Verleger Klaus Wagenbach seinen Lektor in dessen Berliner Hinterhofwohnung auf, um ihm ein Manuskript zur Prüfung in die Hand zu drücken. Der Verleger befand sich quasi in einer literarischen Zwangslage, er wollte keine Zeit verlieren. Schon nach wenigen Seiten stand das Urteil über den Text von Jakov Lind fest, erinnert sich Friedrich Christian Delius später an die Szene: „Ein sperriges, verrücktes, schwer verständliches, schlecht verkäufliches Buch, also ein klares Ja.“

          Sandra Kegel

          Redakteurin im Feuilleton.

          Die Anekdote, nachzulesen in seinem 2012 erschienenem Erinnerungsbuch „Als die Bücher noch geholfen haben“, verrät einiges über das Literaturverständnis des scheinbar so distanzierten Beobachters. Denn Delius ist ein Schriftsteller, der sich seiner Gegenwart und deren Ausgangspunkten stellt. Der eloquente Widerspruch ist die Umgangsform, die ihm am nächsten kommt. Schon als Student stellte er seine Qualitäten als Anarchist mit subtiler Widerspenstigkeit unter Beweis: Während damals in allen Wohngemeinschaften Plakate mit Marx und Lenin hingen und dem Spruch: „Alle reden vom Wetter. Wir nicht“, tat Delius das Gegenteil. Er schrieb eine Dissertation mit dem eher unkämpferischen Titel „Der Held und sein Wetter: ein Kunstmittel und sein ideologischer Gebrauch im Roman des bürgerlichen Realismus“.

          Keine politische Bewegung sei so sehr auf ihre eigenen Mythen und Klischees hereingefallen wie die Achtundsechziger, notiert Delius vierzig Jahre später lakonisch in seinen biografischen Skizzen.

          Der Rechtsstreit mit Siemens machte ihn berühmt

          Im Jahr 1943 in Rom zur Welt gekommen und als Pfarrerssohn in Wehrda in der hessischen Provinz aufgewachsen, debütiert Delius 1965 mit dem Gedichtband „Kerbholz“. Wie beharrlich muss einer sein, sich als stilles, stotterndes Kind, wie wir ihm in der Erzählung „Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde“ begegnen, nach Berlin aufzumachen, um Künstler zu werden. Fast ein halbes Jahrhundert später hat der hochgewachsene Autor, dessen graublaue Augen hinter der runden Hornbrille im Gespräch gelegentlich aufblitzen, ein OEuvre von gut dreißig Werken geschaffen. Das Spektrum seiner vielfach ausgezeichneten Werke umfasst Romane, Novellen, Gedichte und Satiren. Von Anfang an ist es die Entwicklung der Bundesrepublik, die der engagierte Autor literarisch spiegelt. Aber nicht, weil ihm das programmatisch so vorgeschwebt habe, hat er selbst einmal erklärt. Vielmehr interessierten ihn Denkrichtungen und Strömungen. Fragen wie „Wer trägt zu was bei“ sind es, die dem Büchnerpreisträger, der heute in Berlin und Rom lebt, am nächsten stehen.

          Frühen Ruhm erlangt er mit seiner 1972 veröffentlichten Satire-Festschrift „Unsere Siemens-Welt“, nicht zuletzt, weil sie einen dreijährigen Rechtsstreit mit dem Konzern nach sich zog. Im Rückblick erscheint die Festschrift ebenso wie die im selben Jahr entstandene „Moritat auf Helmut Hortens Angst und Ende“ über den berühmten Kaufhauskönig wie Stücke aus einer fast naiv anmutenden Bundesrepublik, in der eine Firma immense Anstrengungen unternimmt, um den mittellosen Schriftsteller Delius zu ruinieren, und dabei ein Werk nachhaltig bewirbt, das andernfalls vielleicht nur wenige Leser gefunden hätte.

          Von höheren Ordnungsinstanzen zu den Eltern

          In den Achtzigern folgen Romane, in denen Delius seine Helden gern an den Rand politischer Ereignisse plaziert, um, etwa in der Trilogie „Deutscher Herbst“ den RAF-Terror der siebziger Jahre zu ergründen, lange bevor dieser im deutschen Kino in Mode kam. Mit den Folgen der deutschen Teilung setzte er sich ebenso auseinander wie mit den Absurditäten der DDR, mit der Wiedervereinigung und der Gegenwart, etwa wenn er zu ergründen sucht, warum ein deutscher Musiker in Israel die Rechnung an der Hotelbar mit „Adolf Hitler“ unterschreibt.

          Eine Bewegung im Schreiben von Friedrich Christian Delius fällt auf: Von der Durchdringung höherer Ordnungsinstanzen zieht es ihn mehr und mehr zur autobiographisch motivierten Erzählung. Zwar lassen schon seine Gedichte ein vages Bild des Autors erkennen. Aber es ist die Novelle „Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde“ von 1994, in der Delius uns unverhüllt von seinem Vater und von sich selbst erzählt: wie er als Elfjähriger das Wunder von Bern zuletzt vor allem als eigene Befreiung aus der moralischen Enge des evangelischen Pfarrhauses erlebt.

          Mit dem „Bildnis der Mutter als junge Frau“, einem einzigen, sich über hundertzwanzig Seiten erstreckenden Satz, gelingt ihm 2006 schließlich ein kleines Meisterwerk. Das Buch vollzieht den einstündigen Weg der Mutter nach, die 1943 schwanger durch die Straßen Roms geht. Der Gedankenfluss aus Eindrücken und Empfindungen, Erinnerungen und Bibelzitaten, der zuletzt in ein Bach-Konzert mündet, in dem sich Musik und Denken vereinen, liest sich nicht nur als Reflexion über protestantische Ethik, sondern eben auch als das liebevolle Andenken an eine Mutter. Am heutigen Mittwoch feiert Friedrich Christian Delius seinen siebzigsten Geburtstag.

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