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Erinnerungen an Seamus Heaney Die Größe des Poeten und der Poesie

Als Verschwender in der Originalität seiner lyrischen Gaben, als unermüdlichen Arbeiter, der filigrane Metrik und Metaphorik mit ungeschönt derbem Vokabular verband - so erinnern sich zwei deutsche Dichter an Seamus Heaney.

© Barbara Klemm Der irische Literaturnobelpreisträger Seamus Heaney ist am 30. August 2013 gestorben

Er beherrschte die Kunst des Magenschwingers / Von Durs Grünbein

Das war doch erst gestern. Ein Festival in Dublin, und selbstverständlich war er der Schirmherr, es genügte, wenn er aus einer der Sitzreihen den Lesungen folgte, das Publikum wusste: Mr. Poetry war im Saal. Der schlohweiße Haarschopf markierte noch im Dunkel den Thron des Sängerkönigs. Ein großzügiger Mensch, das war der erste Eindruck, ein Verschwender im Gespräch und in der Originalität seiner lyrischen Gaben, einer der die volkstümlichen Sprachschätze von Herzen kannte, aber auch die Fußnoten im Auge behielt.

Er war Joyce-Spezialist und blieb doch dem einfachen Vers aus dem Balladenschatz treu. Er hielt die Nähe zur Erde, zu den bodenverhafteten Verrichtungen der Menschen - so genaue Beschreibungen landwirtschaftlichen Geräts und der zugehörigen Arbeitsabläufe finden sich bei sonst keinem. Aber dann gibt es auch, durchaus organisch, das Ausholen in die antike Poesie, Vergil wird zum Gesprächspartner, Horaz, und die Bearbeitung griechisch-mythologischer Komplexe. Heaney hat Sophokles übersetzt, und dies nicht aus philologischer Spielerei, sondern um als Zeitgenosse der neuen Kriege und Katastrophen den tragischen Ton auf seinen lebendigen Ausdruckswert hin zu prüfen.

Im Englischen war das Lakonische noch immer der tragfähigste Modus: Das färbt nun langsam auch auf die anderen Sprachen ab. In Harvard erzählte mir einmal ein junger Doktorand, das ungeheuerlichste Gedicht über den 11. September stamme von Seamus Heaney - eine Variation auf eines der carmen saeculare des Horaz. Einige Vierzeiler nur, doch jeder ein Schlag in die Magengrube.

Da schrieb also einer, der nicht im Orkus der bloggenden Gehässigkeit und des allgemeinen medialen Zynismus ertrinken mußte, weil Tradition ihm und den Freunden der eigenen Muttersprache lebendiges Gewebe war und nicht toter Buchstabe.

Durs Grünbein - Zum 50. Jahrestag der Frankfurter Stiftungsgastdozentur Poetik hält der Dichter die Frankfurter Poetikvorlesung dieses Wintersemesters unter dem Titel "Vom Stellenwert der Worte" in der Goethe-Universität. © Helmut Fricke Vergrößern Der Lyriker Durs Grünbein veröffentlichte zuletzt den Gedichtband „Koloß im Nebel“ (2012)

In Irland gibt es keine Schlangen, belehrt mich die Zoologie, sowenig wie auf Hawaii. Was es aber lange Zeit gab, waren soziales Elend, echte Landarmut, Religionskämpfe, Bürgerkrieg, Guerilla mit Bombenanschlägen und Exekutionen aus dem Hinterhalt. Durch alles das mussten die Gedichte des Seamus Heaney hindurch. Einige von ihnen sind zu Meilensteinen geworden. In ihnen sind die Maschinengewehre und Panzerfahrzeuge, die zwischen dem Norden und dem Süden Irlands, zwischen England und der ehemaligen Schafzüchterkolonie auf halbem Wege nach Amerika standen, für alle Zeiten aufgehoben.

Es kommt mir vor, als sei es erst gestern gewesen. Seamus überraschte mich damit, dass er am Morgen unerwartet an der Rezeption meines Hotels auftauchte. Es war ihm im letzten Moment eingefallen, den Besucher aus Deutschland auf eine Stadtführung durch Dublin einzuladen, auf den Spuren Leopold Blooms. Wir klapperten also die einschlägigen Straßen und Brücken ab, kehrten in mindestens fünf Kneipen ein, erinnerten uns vor dem Abbey Theatre eines anderen irischen Dichters, der in Heaneys Versen als Geist immer anwesend blieb, William Butler Yeats.

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Veröffentlicht: 02.09.2013, 11:27 Uhr