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Erinnerung an W.G. Sebald : Er veränderte unser imaginäres Wetter

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W.G. Sebald gilt als bedeutendster deutscher Schriftsteller der Nachkriegszeit - zumal im englischsprachigen Ausland. Dort ist sein Ruhm seit seinem Unfalltod sogar noch gewachsen.

          Als W. G. Sebald vor zehn Jahren starb, wurde sein Tod von vielen meiner britischen Landsleute als großer Verlust für die englische Literatur empfunden. Deutsche Leser dürften es gewiss sonderbar finden, aber für uns war Sebald so etwas wie eine Institution geworden, nicht nur, weil wir der - durchaus begründeten - Ansicht waren, ihn zuerst entdeckt zu haben, sondern auch wegen seines enormen Einflusses auf das imaginäre Wetter hierzulande.

          Wenn Sebald in „Die Ringe des Saturn“ über seine Wanderungen in Suffolk schrieb, erschien unser heimatliches Terrain in neuem, ungewohntem Licht. Er legte historische und geographische Querverbindungen frei, die weit über das Bekannte hinausgingen, und nahm uns mit auf seine Reisen an europäische Orte, wo wir uns nicht selten unbehaglich und fremd fühlen.

          Er zeigte sie uns durch die Augen eines Stendhal oder eines Kafka oder, nüchtern und erschreckend intim, in den unruhigen, schwindelerregend phantasievollen und zuweilen paranoiden Gedanken eines gewissen W. G. Sebald - seines Alter Ego, des Erzählers seiner Werke: ein „Ich“, das Genie und Jedermann ist, Autor und Leser, vertraute Figur und absolutes Rätsel, dessen Freuden und Schrecken die gleichen Freuden und Schrecken waren, die wir leugneten oder noch nicht als die unseren erkannt hatten.

          Erinnerungen an die Materialität von Anselm Kiefer

          Wie die meisten meiner Landsleute fand ich durch „Die Ringe des Saturn“ zu Sebald (die englische Übersetzung erschien 1999, wenn ich mich recht erinnere). Für uns war es ein außergewöhnliches, vielleicht sogar schockierendes Buch - als wäre plötzlich Walter Benjamin oder Robert Walser leibhaftig in East Anglia erschienen und hätte begonnen, die Unmöglichkeit seines Vorhabens hartnäckig leugnend, anhand einiger Postkarten und historischer Anekdoten, also aus dem Nichts, eine Art „De rerum natura“ zu schreiben. Noch nie hatte ich ein Buch wie „Die Ringe des Saturn“ gelesen. Es war faszinierend und verwirrend wie ein Werk von Borges oder Flann O’Brien, doch es kam nicht aus der kühlen Distanz jener Autoren zu mir, sondern irgendwie aus meinem eigenen Kopf.

          John Burnside

          Was Sebald machte, war kein Spiel, kein Labyrinth oder Denkversuch - es war eindringlich und überraschend materiell, von einer Materialität, die an Anselm Kiefers „Nigredo“ erinnert oder an „Zweistromland“ oder besonders an die „Saturnzeit“ von 1986, eine ungewöhnliche Allegorie aus Farn und Blei, in der der Künstler (in den Worten von Rafael Lopez-Pedraza) „an die Alchemisten und Renaissancephilosophen erinnert, die Saturn verehrten und günstig stimmten ... den Gott der Zeit, der zugleich zuständig ist für das Bewusstsein der vergehenden Zeit, die den geheimnisvollen Kräften von Schöpfung und Zerstörung nahesteht, ein Bewusstsein, dem diese beiden Pole nicht in der Weise aufgespalten erscheinen, wie sie es zu allen Zeiten gewesen sind“.

          Jedes Detail erhält seine Daseinsberechtigung

          Anselm Kiefer sagt, er lasse sich nicht von großartigen, sondern von banalen Dingen inspirieren, von alltäglichen Fundstücken. Ähnliches schreibt Sebald über Pisanello, einen seiner Lieblingsmaler: „Nicht allein die für die damalige Zeit ungeheuer hoch entwickelte Realismuskunst Pisanellos ist es, die mich anzieht, sondern die Art, wie es ihm gelingt, diese Kunst in einer mit der realistischen Malweise eigentlich unvereinbaren Fläche aufgehen zu lassen, in der allem, den Hauptdarstellern und den Komparsen, den Vögeln am Himmel, dem grün bewegten Wald und jedem einzelnen Blatt dieselbe, durch nichts geschmälerte Daseinsberechtigung zugesprochen wird.“

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