30.03.2009 · Im Zweifel entscheidet die Wirklichkeit: Eine Tagung in Marbach versucht, Hans Magnus Enzensberger dingfest zu machen. Und lässt dabei, dem Primat der Poesie zum Trotz, den Literaten Enzensberger bedauerlich unterbelichtet.
Von Richard KämmerlingsAm 9. August 1967 fand in West-Berlin die Trauerfeier für den ehemaligen Reichstagspräsidenten Paul Löbe statt, bei der Mitglieder der Kommune 1 ein Beerdigungshappening veranstalteten. Ein Sarg mit der Aufschrift „Senat“ wurde vor dem Schöneberger Rathaus herumgetragen, dem schließlich der Kommunarde Dieter Kunzelmann entstieg und wie ein Karnevalsprinz Bonbons und Flugblätter verteilte. Zu den Sargträgern gehörten Andreas Baader, der später als V-Mann des Verfassungsschutzes enttarnte Peter Urbach, Rainer Langhans und – der Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger. Der ist zwar auf den Fotos der Aktion verdeckt, aber, wie der Hamburger Sozialwissenschaftler Wolfgang Kraushaar in seinem Vortrag über Enzensberger und 1968 mit Genugtuung ausführte, er war unzweifelhaft dabei, nicht Beobachter, sondern „Mitakteur“. Mitgehangen, mitgefangen.
Dieser Gestus des Kriminalinspektors, der einer Sonderkommission Ermittlungsergebnisse vorstellt, war recht typisch für diese Marbacher Tagung über „Hans Magnus Enzensberger und die Ideengeschichte der Bundesrepublik“. Zwar ging es keineswegs nur um die politischen Haltungen und Handlungen des vielleicht bedeutendsten deutschen Nachkriegsintellektuellen, doch wurde auch sonst fleißig nach Beweisen oder zumindest Indizien für Überzeugungen, Kontinuitäten und verdeckte Grundmotive gefahndet, auch wenn Enzensberger das Prinzip der Prinzipienlosigkeit hochhält. Und wenn dem in „affektiver Abwehr“ (Kraushaar) ungreifbar bleibenden Gesuchten kein Geständnis abzuringen ist, dann muss er eben philologisch überführt und dingfest werden.
Vor der klassischen Enzensberger-Falle
Kraushaar, der das Jahr 1968 mit einem Begriff Reinhart Kosellecks als „biographische Sattelzeit“ dieses „Liberos der Studentenbewegung“ bezeichnete, schien von einem Recht der Öffentlichkeit auf Selbstbezichtigung des Intellektuellen auszugehen. Aber warum sollte ein Schriftsteller rechenschaftspflichtig sein (solange er nicht an Strafbarem beteiligt war)? Jeder kann nachlesen, was Enzensberger damals geschrieben oder öffentlich gesagt hat. Die Lücken in den „Erinnerungen an einen Tumult“ muss er nicht selbst füllen.
So stand die Tagung vor der klassischen Enzensberger-Falle: Von den späten Schlagworten her – „Ende der Konsequenz“ oder „Der fliegende Robert“, „Zickzack“ oder „Helden des Rückzugs“ – erscheint rückblickend das ganze Werk als halbernste, spielerische, artistische Zirkusvorstellung, in der der Zauberer ein Themenkaninchen nach dem anderen aus dem Zylinder holt und den Zuschauern eine lange Nase dreht – was Jürgen Habermas 1968 zum bösen Wort vom „zugereisten Harlekin am Hof der Scheinrevolutionäre“ provozierte. Dabei sind die einzelnen Vorstöße des Individualavantgardisten Enzensberger ja alles andere als unverbindlich – vom Engagement in der Anti-Atomtod-Bewegung bis zur Befürwortung des Kriegs gegen Saddam Hussein. Entschiedenheit ist eben auch eine Frage des Stils.
„Im Zweifelsfall entscheidet die Wirklichkeit“
Ob nun er wenigstens in der Inkonsequenz konsequent sei, wurde gefragt – Definitionsscharmützel, die Enzensbergers Skepsis gegenüber philosophischem Begriffsgeklingel nur bestätigt hätten. „Im Zweifelsfall entscheidet die Wirklichkeit.“ Dieses Credo wurde oft zitiert; in seiner nominalistischen Konsequenz aber nicht immer ernst genug genommen. Dem abstrakten Begriff, dem keine Realität zukommt, stellt Enzensberger die „Einzelheiten“, das Konkrete gegenüber. Im jüngst bekanntgewordenen Briefwechsel mit dem DDR-Schriftsteller Peter Hacks (F.A.Z. vom 27. Februar), den Stefan Schlak (Berlin) vorstellte, beruft sich Enzensberger in seiner Verurteilung des realen Sozialismus auf den Augenschein seiner Gewährsleute – und eben nicht auf irgendeine reine (und schon deswegen irreale) Lehre.
Ergiebig war es, den Topos abzuklopfen, Enzensberger sei – wie eine jener vorgehenden Uhren Kafkas – den Ideen seiner Zeit stets einige Sieben-Meilen-Schritte voraus gewesen. Die Lektüre-Erinnerungen des Leipziger Germanisten Ludwig Stockinger zeigten aber auch, dass die Radikalität der frühen politischen Lyrik bestens anschlussfähig war für konservative und christlich fundierte Kulturkritik der unmittelbaren Nachkriegsjahre. Unerhört war damals – „Verteidigung der Wölfe“ erschien 1957 – vor allem der kühle, scharfe, neusachliche Ton, weniger der den stumpfen Konsumismus und die Geistesferne der Kleinbürger ätzend verurteilende Inhalt.
Im Ästhetischen die Postmoderne bereits Anfang der Sechziger vorweggenommen
Erhellend war hier, wie Roman Luckscheiter (Bonn) Enzensbergers wechselhaftes Verhältnis zum Begriff der „Masse“ nachzeichnete. Während seine berühmte „Zeit“-Rezension des Neckermann-Katalogs von 1960 noch von elitärer Verachtung im Geiste der Kritischen Theorie und Adornos „Minima Moralia“ zeugt, wird ihm in den Sechzigern die von der Bewusstseinsindustrie gefesselte Masse zum revolutionären Potential. Im berühmten „Baukasten zu einer Theorie der Medien“ von 1970 erscheint der Autor sogar als „Agent der Masse“, der überflüssig wird, sobald diese sich selbst zur Autorschaft emanzipiert. Ein Zustand, der im heutigen Blogger-Zeitalter wohl verwirklicht wäre – mit ernüchternden Ergebnissen. Interessanterweise kehrt bei Enzensberger nach der ironischen Apologie von Normalität und „Mittelmaß“ die elitäre Kulturkritik des zornigen jungen Mannes in den neunziger Jahren wieder. In einem Essay über „Ekel und Allergie“ lässt er 1997 seinem Hass gegen die akustische Umweltverschmutzung bis hin zu Gewaltphantasien freien Lauf, bis zur „Versuchung, mit der Kalaschnikow auf jeden erkennbaren Lautsprecher zu schießen“.
Gut ergänzten sich die Beiträge des Hamburger Politologen Jens Hacke und des Literaturkritikers Uwe Wittstock. Während Hacke im Vergleich mit dem Philosophen Odo Marquard Enzensbergers Wende zur Ironie als eine späte Entwicklung deutete, konnte Wittstock an den frühen Literaturkritiken zeigen, dass der Herausgeber des „Museums der modernen Poesie“ im Ästhetischen die Postmoderne bereits Anfang der Sechziger vorweggenommen hatte.
Seinem Primat der Poesie zum Trotz: Der Literat Enzensberger blieb unterbelichtet
Ein gerade in Marbach merkwürdiges Defizit der Tagung war die Unterbelichtung des Literaten Enzensberger, was umso bedauerlicher ist, da er selbst stets den Primat der Poesie betont. An der zentralen Kategorie des „Eigensinns“ wurde herumgedoktert, ohne die naheliegende Parallele zum Werk Alexander Kluges zu ziehen, in dem das Individuelle stets als eine irreduzible und den historischen Prozessen entgegenstehende Größe auftritt. Auch mit Peter Weiss, Uwe Johnson und selbst Elias Canetti (ebenfalls ein Feind des Kohärenzzwangs von Ideensystemen) wären Vergleiche lohnend. Auch Enzensbergers dokumentarische Prosa vom „Kurzen Sommer der Anarchie“ bis zu „Hammerstein“ blieb außen vor, obwohl die Faszination des Autors an diesen Ausnahme-Biographien doch wohl Bände über seine Sicht lebensgeschichtlicher Kontinuität sprechen dürfte. Vom Standpunkt einer noch zu schreibenden Poetik der Anarchie aus würde man vielleicht auch den intellektuellen Trickster Enzensberger besser zu fassen bekommen.
Vielleicht aber auch nicht. Enzensberger war selbst auch in Marbach, wie immer omnipräsent und doch nie greifbar. Sein abendliches Gespräch mit Jan Bürger und Tagungsorganisator Dirk von Petersdorff war eine höchst unterhaltsame Demonstration der virtuosen Kunst des öffentlichen Verbergens und des In-der-Schwebe-Haltens. Die zuhörenden Experten muss ihre Arbeit spätestens hier an den Versuch erinnert haben, einen Pudding an die Wand zu nageln.
Bei den Vorträgen über sein Werk war Enzensberger übrigens nicht anwesend – außer bei den Erinnerungen seines alten Freundes und Kollegen Lars Gustafsson, der, verschmitzt und weise, vielsagende Anekdoten erzählte. So jene über den tonnenschweren Tresor, den Enzensberger bei seinen Umzügen von Norwegen nach Berlin und nach München mitschleppte und der in wilderen Zeiten Alkoholvorräte beherbergte. Die Frage aus dem Publikum, was denn heute darin sei, beantwortete Enzensberger bereitwillig: Dort seien nun die „Dossiers“ zu den von ihm gesammelten Bildern, in denen etwa Zuschreibungen, Provenienzen oder Datierungen dokumentiert würden. Das klang ganz frank und frei und war doch tatsächlich eine echt Enzensbergersche Volte: Jetzt weiß die Dichter-Kripo sogar schon, was die Zielperson in ihrem Tresor hat. Und steht doch damit nur vor vielen neuen Rätseln.