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Enzensberger in Marbach : Bitte umsteigen in Kuba

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Hans Magnus Enzensberger bei der Gesprächsrunde unter dem Titel „Zwischen Wölfen und Wolken” in Marbach Bild: Tobias Schmitt

Hans Magnus Enzensberger stand im Rahmen einer seinem Leben und Werk gewidmeten Tagung in Marbach Rede und Antwort und zeigte dabei: Das Hakenschlagen hat er auch mit bald achtzig Jahren nicht verlernt.

          Vor vierzig Jahren wäre es die Gretchenfrage gewesen: „Wie stehen sie zum Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland?“ So direkt wie diese ganz ernste Intervention aus dem Publikum waren nicht viele Fragen im Festsaal des Marbacher Literaturarchivs, wo Hans Magnus Enzensberger gestern Abend im Rahmen einer interdisziplinären Tagung zu seinem Werk Rede und Antwort stand - so weit man die immer wieder verblüffenden Ausweichmanöver und das habituelle Hakenschlagen des bald Achtzigjährigen als Antworten durchgehen lassen möchte.

          Er, der einst die Fahrpläne ob ihrer Genauigkeit zur Lektüre empfahl, gibt über die Stationen des eigenen Lebens bekanntlich selten eindeutige und exakte Auskunft; der Anschlussmöglichkeiten gibt es allerdings zur Verzweiflung der Philologenschaffner unzählige. Er sei kein autobiographischer Schriftsteller, schickte Enzensberger auch diesmal gleich als Warnung vorweg, man sei ja so abgelenkt von Spannenderem, und „Therapeut seiner selbst“ zu sein sei doch „eine sehr langweilige Sache“.

          Ein virtuoser Entfesselungskünstler

          Die Moderatoren Dirk von Petersdorff und Jan Bürger versuchten ihr Bestes, den virtuosen Entfesselungskünstler kurzzeitig wenigstens an seine eigenen Aussagen zu binden, stiegen ein über - scheinbar - harmlose Fragen - Was hat es mit Ihrem lyrischen Ich auf sich? Warum den Romantiker Brentano zum Gegenstand einer Dissertation wählen? -, spielten dann sogar mal good cop/bad cop wie beim Verhör, waren dann wieder gemeinsam charmant und schmeichelnd. Doch Enzensberger entwand sich immer wieder listig, gespielt naiv, lausbübisch oder schauspielernd.

          Der Entfesselungskünstler zwischen den Moderatoren Dirk von Petersdorff und Jan Bürger

          Kaum überraschend kreist das Interesse der Deuter vor allem um 1968, um jene kurze Phase, in der man der irrigen Auffassung sein konnte, Enzensberger habe sich eindeutig politisch, nämlich im Sinne der revolutionären außerparlamentarischen Opposition festgelegt. Berufsverbot habe er jedenfalls nie bekommen, so antwortete er auf die Ex-Gretchenfrage, das heiße ja wohl, er habe sich immer auf dem Boden der Verfassung bewegt. Auf hartnäckiges Nachbohren äußerte er dann seine Bewunderung für die Väter der Grundgesetzes, nicht ohne dann hinzuzufügen, dass Idee und Wirklichkeit doch stark auseinander klaffen würden, etwa bei der Rolle der Parteien.

          Kurzauftritt als Antifa-Agitator

          Dass die frühe Bundesrepublik eng, stickig und voller Faschisten war, erzeugt bei ihm allerdings immer noch fast physischen Ekel - für einen Augenblick schlüpft er in die Rolle des Antifa-Agitators, doch auch die spielt er nur zum schaurigen Vergnügen des Publikums. Seine automatische Abwehr jeder Form von diktatorischer Autorität erklärt er dann mit der Kindheit im Dritten Reich, jenen „Deppen“, von denen man sich ständig habe anbrüllen lassen müssen.

          Aber er habe doch, so ein neuer Versuch der Moderatoren, in dem - kürzlich in der F.A.Z. vorgestellten - brieflichen Dialog mit dem Schriftsteller Peter Hacks auch die frühe BRD verteidigt. Gegen die DDR, so Enzensberger, sei das selbstverständlich gewesen, denn diesen Staat habe er immer verabscheut. Und der Genosse Hacks sei ja selbst den Genossen unangenehm gewesen, „weil er ihnen zu weit ging in seiner Freude an der Diktatur“.

          Kuba im Sozialismustest

          Am verlockendsten waren Enzenbergers Erklärungen zu seiner Zeit in Kuba 1968/69, seine damals wohl intensivste und konkreteste Erfahrung mit der Weltrevolution. Doch der Stichwortgeber von einst sieht sich heute nur noch als teilnehmender Beobachter der Zeitläufte, wie ein Mitarbeiter der Stiftung Warentest, Kategorie Gesellschaftssysteme. Nachdem er schon viele sozialistische Länder bereist gehabt hätte (um festzustellen, dass „das nichts wird“), sei Kuba als eine best-case-analysis gedacht gewesen. Hier gab es keine Sowjet-Panzer, hier war die Mehrheit der Bevölkerung unzweifelhaft für das System; und dennoch am Ende das vernichtende Testurteil: „No way.“

          Doch bevor er dann ins Erzählen kommt - und alle Marbacher Zuhörer hingen hier an seinen Lippen - über seine Kontakte zu kubanischen Diplomaten, seine Tätigkeit als politologischer Gastdozent für europaunkundige „Mulatten“, seine politische Unzuverlässigkeit, Verlagsarbeit und Zuckerernte, da fällt er sich selbst ins Wort: Das sei doch „falscher Exotismus“, und „Es ist ja nur Kuba“ und „Schwamm drüber“. Und dann blitzt hier in Marbach für einen Moment schmerzlich die Ahnung auf, dass wir vielleicht für immer auf diese Geschichte werden warten müssen, die eine Jahrhundertgeschichte eines Jahrhundertintellektuellen ist.

          Über den Heiligen Geist wird nicht entschieden

          Statt dessen gibt es an diesem überreich servierten und doch nie wirklich sättigenden Abendmahl des Weltgeistes noch viele andere Themen: Celans Paranoia und Dutschkes entwaffnende Naivität, die Vorzüge des Anarchismus und seine praktische Unmöglichkeit, des Autors vermeintliche prophetische Gabe - „Ich kann mich gut an Sachen erinnern, wo ich überhaupt nicht recht gehabt habe“ - und die anthropologische Unvermeidlichkeit von Metaphysik. „Andere sagen, es ist der Heilige Geist“, so Enzensberger, „aber das wollen wir mal offenlassen.“

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