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Emil Cioran und die Securitate : Der lange Atem der Denunziation

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Ein halbes Jahrhundert lang haben rumänische Geheimdienste den Philosophen und Schriftsteller Emil Cioran in seinem Pariser Exil bespitzelt. Eine Studie deckt überraschende Details über den einstigen Hitler-Bewunderer auf.

          In Rumänien stürzt man sich nach wie vor begierig auf alles, was die Machenschaften der einstigen kommunistischen Staatssicherheit transparenter macht. Erst recht, wenn es mit rumänischen Kulturgrößen wie dem Philosophen Emil Cioran (1911 bis 1995) zu tun hat. Obgleich sie noch nicht einmal erschienen ist, sorgt eine Studie, die sich mit den Securitate-Akten über Cioran befasst und demnächst in dem angesehenen rumänischen Verlag Polirom veröffentlicht wird, schon seit Tagen im Land für Schlagzeilen. Ihr Verfasser, der rumänische Historiker Stelian Tanase, soll mehrere Jahre Forschungsarbeit in das Projekt investiert und dafür die Archive des rumänischen Geheimdienstes durchforstet haben.

          Dass Cioran, der schon 1937 nach Paris emigrierte und im Winter 1940/41 sein Heimatland zum letzten Mal besuchte, als Sympathisant der faschistischen rumänischen Eisernen Garde später von den Kommunisten in Frankreich beobachtet wurde, überrascht wenig. Dass aber auch schon das Antonescu-Regime in den Jahren 1941 und 1942 den antisemitischen Hitler-Bewunderer Cioran observierte, ist neu. Offenbar hing dies mit seinem Posten als rumänischer Kulturattaché zusammen, den er unter dem Vichy-Regime im Jahr 1941 für einige Monate innehatte, aber bald verlor, weil ihn seine politischen Sympathien der rumänischen Regierung suspekt gemacht hatten - Staatschef Antonescu war zu jener Zeit damit beschäftigt, die Eiserne Garde auszuschalten.

          Angst vor dem literarischen Ende

          Seine faschistisch angehauchte Vergangenheit, die er noch Jahrzehnte nachher verschwieg, machte den rumänischen Schriftsteller für den Geheimdienst des späteren, kommunistischen Rumänien erpressbar. Die Securitate, die zahlreiche rumänische Exilanten bespitzelte und auch bedrohte, hatte den Auftrag, antikommunistische Agitation seitens der Exilgemeinde um jeden Preis zu verhindern. So geriet auch Cioran, der trotz seiner relativen Zurückgezogenheit in Paris eine bekannte öffentliche Person war, in ihr Visier. 1954, nachdem in den Jahren zuvor seine Familienangehörigen in der Heimat schweren Verfolgungen ausgesetzt gewesen waren, legte die Hermannstädter Geheimdienstbehörde eine Akte unter dem Decknamen „Ciobanu“ über ihn an. Seit diesem Zeitpunkt musste Cioran, zumal sein Name in einem großen Schauprozess gegen rumänische Intellektuelle 1960 wiederholt auftauchte, damit rechnen, dass die Kommunisten seine früheren politischen Neigungen publik machen würden, wodurch seine literarische Karriere im Nachkriegsfrankreich schnell beendet worden wäre.

          Dass solche Drohungen ernst gemeint waren, demonstrierte die Staatssicherheit noch im selben Jahr, als sie die faschistischen Jugendsünden des sich unkooperativ zeigenden rumänischen Exilschriftstellers Vintila Horia der französischen Presse zuspielte. Horia musste auf den ihm kurz zuvor zugesprochenen Prix Goncourt verzichten, der Preis wurde nie an ihn verliehen, sein Ruhm als Literat war in Frankreich dahin. Und auch Cioran mied noch Jahre danach wohlweislich jeden Kontakt mit ihm.

          Mit Codenamen zum Zielobjekt

          1965 wurde der Philosoph als noch größeres Sicherheitsrisiko eingestuft und war von nun an Ziel der berüchtigten „persönlichen Überwachung“. Zahlreiche Informanten meldeten der Securitate seine Aktivitäten, jeder einzelne seiner nach Rumänien geschickten Briefe wurde geöffnet, sämtliche seiner dort eingehenden Telefonate abgehört. Mit der Annäherung Rumäniens an Frankreich Ende der sechziger Jahre trat eine Wende ein, Ciorans mittlerweile unter dem Namen „Chiru“ geführte Akte war erst einmal stillgelegt. In der zweiten Hälfte der siebziger Jahre wurde er jedoch erneut zum Zielobjekt des rumänischen Geheimdienstes.

          Jetzt versuchten die kommunistischen Schergen Ciorans schon früher schwer betroffenen Bruder Aurel - er hatte in der Nachkriegszeit sieben Jahre im Gefängnis zugebracht - für ihre Zwecke einzuspannen. Er sollte Emil zu einer Reise nach Rumänien oder gar zur Rückkehr bewegen - dies wäre für die Kommunisten ein propagandistischer Coup gewesen, der jedoch nicht gelang. Offenbar als Teil eines Tauschgeschäfts erhielt Aurel 1981 die Erlaubnis, seinen Bruder in Paris zu besuchen; wohl unter der Auflage, nach seiner Rückkehr dem Geheimdienst Bericht zu erstatten. Der zuständige Offizier blieb misstrauisch: „Durch weitere Informanten und Abhörtechnik zu verifizieren“, vermerkte er lakonisch in der neuerlich umbenannten Geheimdienstakte Emil Ciorans, die nun den Codenamen „ENE“ trug.

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