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Veröffentlicht: 10.10.2016, 09:43 Uhr

Autorin Elif Shafak Das letzte Abendmahl des türkischen Großbürgertums

Identität, Sexualität und Feminismus, Türkei, Islam und Glaube: Elif Shafak befreit in ihrem Roman „Der Geruch des Paradieses“ nicht nur die Beschäftigung mit Gott aus dem engen Griff der Religionen.

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© INTERTOPICS/eyevine Stellt alles in Frage: die Schriftstellerin Elif Shafak

Als türkischer Autor, sagt Elif Shafak, oder als nigerianischer, pakistanischer, ägyptischer Autor könne man sich den Luxus, unpolitisch zu sein, nicht leisten. Elif Shafak ist eine türkische Schriftstellerin. Der Nobelpreisträger Orhan Pamuk nennt sie, 1971 als Tochter einer Diplomatin und eines Soziologieprofessors in Straßburg geboren und heute in London und Istanbul zu Hause, die beste Autorin, die das Land in den Neunzigern hervorgebracht hat. Nationalisten indes erkennen sie nicht mehr als türkische Autorin an, seit sie vor dreizehn Jahren begann, ihre Romane zunächst in Englisch zu schreiben. Es ist nicht die einzige Anfeindung: Sie wurde wegen Verunglimpfung des Türkentums angeklagt, Erdogan-treue Medien werfen ihr vor, sie werde von westlichen Mächten als Kritikerin der türkischen Regierung gesteuert.

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Jetzt ist ihr jüngster Roman, „Der Geruch des Paradieses“, in deutscher Übersetzung erschienen: die Geschichte einer Frau, die im Frühjahr 2016 auf einem Fest in Istanbul an ihre Studienzeit in Oxford erinnert wird. Dort besuchte sie bei einem charismatischen Professor, den manche verehrten, andere verteufelten, kurz nach 9/11 ein Seminar über Gott, das nach einem Skandal abgebrochen werden musste. „Es ist die Aufgabe eines Autors, Fragen zu stellen“, sagt Elif Shafak, „schwierige Fragen über schwierige Themen – um dann die Antwort dem Leser zu überlassen.“ Die Fragen im Roman drehen sich um Identität und Sexualität, um Feminismus, die Türkei, den Islam, um Glauben, Zweifel und Gott. Es sind drei junge Frauen, die Elif Shafak in Oxford zusammenführt: die Türkin Peri, deren Mutter sich immer weiter dem Glauben zuwendet, während ihr Vater den Alkohol vorzieht, Shirin, eine Britin mit iranischen Wurzeln, die sich über alle religiösen Gesetze und Moralvorstellungen hinwegsetzt, und Mona, halb Ägypterin, halb Amerikanerin, die amerikanischen Aktivismus und ägyptische Frömmigkeit, Feminismus und Kopftuch vereint. Sie landen nicht nur im selben exklusiven Seminar, sondern auch in einer Wohngemeinschaft, hinter der Peri jedoch bald ein Experiment ihres Dozenten vermutet.

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Die spannungsreiche Freundschaft des Trios sowie die Streitgespräche in der Küche und dem Seminar, dessen Sitzkreis die Autorin mit satirischer Feinheit um eine Reihe höchst unterschiedlicher Kommilitonen – von der irischen Katholikin über den aggressiven Atheisten und die Mormonin bis zur Pantheistin – ergänzt, sind ein Herzstück des Romans. „Ich habe mich gefragt: Wenn ich ein Seminar über Gott geben sollte, wie würde ich drangehen?“, sagt Elif Shafak. „Ich wollte die Religion außen vor lassen, weil Religion die Diskussion über Gott mit Beschlag belegt hat. Ich glaube, die faszinierendste Frage über Gott wird von Leuten gestellt, die sowohl Glauben als auch Zweifel in sich tragen.“ Die Mischung aus philosophischer Wendigkeit, Beharrlichkeit und Herausforderungslust, mit der Professor Azur die Diskussion in seinem Seminar immer wieder aus den Fängen und Vorgaben der kodifizierten Religionen zu befreien versucht, macht die Streitgespräche für die Leser zu einem intellektuellen Vergnügen. Daran, dass diese Auseinandersetzung für Frauen eine andere Bedeutung hat als für Männer, lässt die Autorin keinen Zweifel – in ihrem Roman wie im persönlichen Austausch: „Heute stellen Frauen in vielen Teilen der Welt die interessantesten Fragen zum Islam, dem Glauben, Reformen, Zweifel und Feminismus und Gleichberechtigung der Geschlechter“, schreibt sie in einem E-Mail-Wechsel: „Vielleicht sprechen sie nicht sehr laut über diese Themen, aber sie sprechen darüber bei sich zu Hause, am Esstisch, beim Kaffee, an vielen Orten. Das ist kein Zufall. Wir Frauen müssen fragen, weil wir mehr zu verlieren haben. Wenn wir zurückgehen, wenn wir den Säkularismus verlieren, wenn Gesellschaften religiöser und fanatischer werden, werden Frauen eindeutig mehr verlieren als Männer.“

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