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Autorin hinter Elena Ferrante : Die deutsche Spur

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Goldi Petzenbaum, die spätere Mutter der Schriftstellerin Anita Raja, bei ihrer Ankunft in der Schweiz Bild: Holocaust Memorial Museum

Die Familiengeschichte von Anita Raja, der Autorin hinter dem Pseudonym Elena Ferrante, führt in die Abgründe der europäischen Vergangenheit. Ihre Mutter, eine Jüdin aus Worms, musste als Kind mit ihren Eltern nach Italien fliehen.

          In Elena Ferrantes Romanen gibt es keine Spuren der Biographie jener Schriftstellerin, die sich hinter diesem Pseudonym verbirgt: Anita Raja. Die Geschichten, die sie erzählt, handeln von Armut in Neapel, dem Nachkriegs-Italien, von sozialer Benachteiligung und der Unterdrückung von Frauen. Keines der Ferrante-Bücher gibt einen Hinweis auf die Tragödien, die Rajas Familie mütterlicherseits widerfahren sind: Pogrome in Polen, Verfolgung durch die Nationalsozialisten in Deutschland, antisemitische Gesetzgebung in Italien und der Holocaust, der ihren Urgroßvater und ein Dutzend anderer Familienmitglieder verschlungen hat. Und doch fragt man sich, ob die von der Autorin selbst eingeräumte „Anziehungskraft“ durch das, was sie „Krisenbilder“ und „Ausblicke ins Schreckliche“ nennt, nicht in irgendeiner Weise verknüpft ist mit der Geschichte von Anita Rajas Mutter: Golda Frieda Petzenbaum.

          Relativ klein gewachsen - sie war 1,60 Meter groß -, mit blauen Augen und roten Haaren, geriet „Goldi“, wie sie genannt wurde, in die schlimmste Tragödie des zwanzigsten Jahrhunderts, aus der sie aber nicht als Opfer hervorging, sondern als eine Frau, die jene Leistung vollbringen sollte, die Anita Raja der Titelheldin von Christa Wolfs Roman „Kassandra“ zugesprochen hat: „ein unabhängiges weibliches Selbst wiederherzustellen, das sie in die Lage versetzte, sich von den Lebensrhythmen einer von schrecklichen Schlächtern geprägten Ära zu lösen“.

          1927 nach Worms, 1937 nach Mailand

          Goldi überlebte Diskriminierung, Internierung, eine gefährliche Flucht in die Schweiz und beinahe zwei Jahre allein in verschiedenen Flüchtlingslagern. Im Alter von 53, nach dem Tod ihres Ehemanns Renato Raja, eines städtischen Angestellten aus Neapel, schuf sie sich ein neues Leben, als sie sich auf die Sprache ihrer Verwandten (und Verfolger) besann, fortan in einer römischen Privatschule Deutsch lehrte und zusammen mit Elisabetta Mattioli zwei Grammatiklehrbücher der deutschen Sprache herausgab. Dreißig Jahre sind seit Goldis Tod am 12. Mai 1986 vergangen, doch Elisabetta Mattioli erinnert sich noch gut an sie: „Sie war freundlich, gewitzt, einfallsreich, geistsprühend und verfügte über ein großes Maß an Ironie.“

          Die Wormser Synagoge, deren Baugeschichte bis ins zwölfte Jahrhundert zurückreicht, war das Zentrum jüdischen Lebens der Stadt.
          Die Wormser Synagoge, deren Baugeschichte bis ins zwölfte Jahrhundert zurückreicht, war das Zentrum jüdischen Lebens der Stadt. : Bild: arkivi

          Goldi wurde 1927 in Worms geboren, als Kind jüdischer Eltern, die vor dem Antisemitismus in Polen geflohen waren. Aber das Leben in Deutschland war für Juden 1937 so unerträglich geworden, dass ihr Vater, Abraham Petzenbaum, in der Familie „Wrumek“ genannt, sich entschloss, in Mailand Zuflucht zu suchen, wo er am 18. Oktober mit seiner Frau Sally Regina und der Tochter Goldi (deren ältere Schwester Fanny Gisela als Kind in Deutschland gestorben war) ankam.

          Im Schloss des Grafen Giustiniani Bandini

          Aber der Familie Petzenbaum war keine Ruhe bestimmt. Am 18. September 1938 verkündete der Diktator Benito Mussolini seine „Rassengesetze“, mit denen nun auch in Italien die Verfolgung von Juden begann, besonders ausländischer. Am 15. Juni 1940, fünf Tage nach dem italienischen Eintritt in den Zweiten Weltkrieg, erließ das Innenministerium einen Meldebescheid für alle ausländischen Juden, die danach in zentral- und süditalienischen Lagern interniert werden sollten. Am 12. Juli 1940 ordnete das Ministerium die Umsiedlung von Sally und Goldi Petzenbaum nach Spezzano della Sila an, einem Dorf in der Provinz Cosenza.

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