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Eine Freundschaft in Istanbul : Ich sehe was, das du nicht siehst

Am Bosporus sitzen, den Schiffen zuschauen, durch die Stadt spazieren: Jim Rakete und Gerhard Falkner (rechts) haben in ihrer Freundschaft schnell Rituale entwickelt Bild: Selbstauslöser

Der Fotograf Jim Rakete und der Lyriker Gerhard Falkner leben beide in Berlin. Aber dort sind sie einander nie begegnet, und so verschieden, wie sie sind, hätten sie wohl auch nichts miteinander zu besprechen gehabt. In Istanbul aber sind sie Freunde geworden.

          Die Kulturakademie Tarabya hat einen doppelten Boden. Man ist in Istanbul und ist es nicht. Nimmt man es genau, befindet man sich, sobald einen der Pförtner durch das Tor gelassen hat, sogar auf deutschem Boden. Das Grundstück war ein Geschenk von Sultan Abdülhamid II. an die deutsche Botschaft zum Bau ihrer Sommerresidenz. Ein weißes Holzhaus im Stil einer osmanischen Villa, in der Linienführung aber klarer, kantiger - preußisch, wenn man will. Abgesehen vom Soldatenfriedhof, der aussieht wie alle deutschen Soldatenfriedhöfe, sind Park und Villa ein schönes Beispiel dafür, was geschehen kann, wenn man Istanbul in seinen Kopf hineinlässt und Neues daraus entsteht.

          Karen Krüger

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Es wurde im Auswärtigen Amt lange darum gestritten, ob es auf diesem Gelände eine Kulturakademie geben soll. Die geladenen Künstler würden Partys feiern und kiffen, befürchteten die Diplomaten. Man hat dort offenbar ein exzentrisches Bild davon, was es bedeutet, kreativ zu arbeiten. Im Oktober ist die Kulturakademie eröffnet worden. Der Fotograf Jim Rakete ist einer ihrer fünf Stipendiaten. Seine Pfeife stopft er nur mit Tabak.

          Traumreich

          Er steht auf dem Soldatenfriedhof und liest halblaut, was auf den Grabsteinen steht. Er sagt: „Ich mag die Namen, solche hört man in keinem ,Tatort’ mehr.“ Er schaut durch die Bäume hinunter auf den Bosporus, durch den gerade ein riesiger Frachter fährt. „Wenn Sie Falkner heute treffen, dann fragen Sie ihn mal nach den Schiffen. Ich wette, er verwendet das Wort Zügigkeit“, sagt er.

          Jim Rakete wohnt wie alle Stipendiaten in einem Anbau der Sommerresidenz. Das Apartment hat zwei Zimmer, die sympathisch unaufgeräumt sind. Über dem Schreibtisch hängt eine riesige Pinnwand, die Rakete, weil sie leer ist, eine „mahnende Pinnwand“ nennt. Auf dem Schreibtisch steht ein Laptop, im Regal eine zierliche Schreibmaschine. Seit er da ist, hat er die anderen Stipendiaten fotografiert, ist spazieren gegangen, hat sich in den Istanbuler Galerien umgeschaut und viel geschlafen. „Man schläft sehr gut hier, traumreich, das sagen alle. Wegen der Arbeit habe ich in meinem Leben zu wenig geschlafen, glaube ich.“ Rakete weiß noch nicht, was er mit seinen Eindrücken anfangen soll. Was ihn im Moment viel mehr umtreibt, sind die toten Soldaten und der Nachbar im Zimmer gegenüber: der Schriftsteller und Lyriker Gerhard Falkner.

          „Normalerweise klopft er um die Zeit und verlangt seine Tennisstunde. Eigentlich spielen wir mehrmals die Woche“, sagt er. Aber seit zwei Tagen ist Falkner auf einer Lesung in Ankara.

          Innehalten

          Den Tennisplatz müsse man gesehen haben, sagt Rakete. Er läuft los, die Treppe am Friedhof runter, immer zwei Stufen auf einmal. Ein großer, breitschultriger Mann Anfang sechzig, der jetzt wirkt, als wolle er das Baumhaus zeigen, das er mit seinem besten Freund gezimmert hat. Bevor Falkner nach Ankara fuhr, hat er Rakete einen seiner Gedichtbände geschenkt. Rakete hat ihn gelesen und danach Falkner einen Brief geschrieben, auf seiner Schreibmaschine. Er hat den Brief unter Falkners Tür hindurchgeschoben. Wenn Falkner am frühen Abend aus Ankara zurückkommt, wird er ihn finden. Rakete freut sich schon darauf.

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