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Eine Entdeckung: Irène Némirovsky : Mein Gott, was tut mir dieses Land an?

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Die literarische Entdeckung der letzten Jahre: Irène Némirovsky Bild: Heymann, Renoult Associées

Sie ist die spektakulärste literarische Entdeckung der vergangenen Jahre. Eine Pariser Ausstellung gibt Einblicke in Leben und Werk von Irène Némirovsky, deren tragischer Weg von Kiew über Paris nach Auschwitz führte.

          Im März 1942 berichtigte Irène Némirovsky in ihrem Notizbuch eine Eintragung von zwei Jahren davor. Von einer „aufrichtigen und leicht neckischen Anhänglichkeit“ für die Franzosen hatte sie im Frühjahr 1940 gesprochen. „Hass und Verachtung“ schrieb sie bei der Wiederlektüre zwei Jahre später darüber. Die Spannweite zwischen den beiden Einstellungen zeigt den existentiellen Abgrund, aus dem eine der spektakulärsten literarischen Entdeckungen der letzten Jahre entstanden ist: Némirovskys Romantorso „Suite française“. Dieses Buch hat eine fast schon vergessene Autorin weltberühmt gemacht und eine Welle von Neuübersetzungen ihres Gesamtwerks ausgelöst. Eine monographische Ausstellung im Pariser „Mémorial de la Shoah“ gewährt nun Einblick in die Wandlung dieser Schriftstellerin aus dem exilrussischen Großbürgermilieu zur Bittstellerin mit dem gelben Stern auf der Brust und weiter zum Abtransport ins Lager von Auschwitz.

          Der Lederkoffer, den Irène Némirovskys Töchter Denise und Élisabeth seit ihrer Flucht als Kinder vor dem Nationalsozialismus mit sich herumtrugen und aus dem erst in den neunziger Jahren das Manuskript von „Suite française“ zum Vorschein kam, hat in der Ausstellung einen Ehrenplatz. Die Präsentation in Paris knüpft an die vor zwei Jahren im New Yorker Museum of Jewish Heritage gezeigte Némirovsky-Ausstellung an. Die Exponate stammen vorwiegend aus dem Nachlass, den die beiden Töchter 1995 dem französischen Institut Mémoires de l'édition contemporaine (IMEC) vermacht haben.

          Im Getriebe der politischen Katastrophe

          Kleinformatige Originalfotos, schwer lesbare Papierschnipsel, Manuskriptblätter und groß aufgemachte Zeitungsberichte führen eine literarische Erfolgsstory vor, die Ende der dreißiger Jahre ins Getriebe der politischen Katastrophe gerät. Die Ausstellung verzichtet aber auf eine Dramatisierung der Ereignisse, sie überhöht nicht die Person Irène Némirovskys zum tragischen Opfer und beschönigt nicht deren politischen Unverstand. Sie zeigt vielmehr eine begabte, lebenslustige, in Pariser Salons und an der Côte d'Azur in vollen Zügen ihre Freiheit genießende Frau schließlich den Weg der Verzweiflung einschlagen, wenn plötzlich ein Fallentor nach dem anderen vor ihr zuklappt.

          Die Kindheit verbrachte Irène Némirovsky in Kiew

          So forsch das 1903 geborene Mädchen auf dem Kinderfoto in die Welt blickt, war die Jugend in Kiew und dann Sankt Petersburg, an den Urlaubsstränden von Nizza und Biarritz für das Einzelkind doch kein reines Glück. Die Mutter interessierte sich mehr für ihre Liebhaber als für die Tochter, und der geliebte Vater war oft auf Geschäftsreise. Aufgeblüht ist die französisch erzogene junge Frau wohl erst nach der Flucht mit ihren Eltern 1918 über Finnland und Schweden nach Paris, wo sie an der Sorbonne studierte, rauchend und flirtend in Jazzkellern verkehrte und 1926 den exilrussischen Bankier Michel Epstein heiratete.

          Vorwurf des Antisemitismus gegen die Jüdin

          Der große Romanerfolg „David Golder“ brachte 1929 zugleich auch die erste Polemik. Jüdische Kritiker warfen der Autorin vor, sie schüre mit der Titelfigur des jüdischen Geldhais antisemitische Reaktionen, was die zuvor ihr Judentum nie besonders Hervorkehrende zum Bekenntnis veranlasste, sie sei doch selbst Jüdin. „Mein Vater war Bankier, Geldkonflikte waren die ersten Dramen, denen ich beiwohnte“, schrieb Némirovsky dazu später. Die Ausstellung dokumentiert sachlich und ausgewogen die Überreaktion der jüdischen Kritiker wie die Naivität der jungen Autorin.

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