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HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Ein Spitzelgeständnis Mitteilungen eines Privatmannes

10.12.2009 ·  Auf einer Münchner Tagung wollen deutsche Autoren aus Rumänien über ihre Securitate-Akten reden. Da offenbart sich plötzlich einer von ihnen als Spitzel, auch von Herta Müller - Werner Söllner, der seit 2002 das Hessische Literaturforum in Frankfurt leitet.

Von Hubert Spiegel
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Im Sommer tauchte der Informant Walter zum ersten Mal seit vielen Jahren wieder auf. In den siebziger Jahren hatte er Freunde und Kollegen in Rumänien bespitzelt, nicht freiwillig, aber auch nicht ohne Eifer. Wohl niemand hatte ihn je verdächtigt, nicht in Klausenburg und Temeswar, und auch später nicht, als fast alle deutschen Schriftsteller Rumäniens im Westen lebten. Aber dann erhielt Herta Müller im letzten Frühjahr endlich ihre Akte, drei Bände mit 914 Seiten, und nach der Lektüre sah sie nicht nur Teile ihrer Vergangenheit, sondern auch ihre neue Heimat mit anderen Augen: Deutschland, so schrieb sie im Juli in der „Zeit“, sei „ein gemütliches Reservat für Securitate-Spitzel“, die man nun, nach der zehn Jahre lang verweigerten Akteneinsicht, auch identifizieren könne. Dann folgten Decknamen: „Sorin, Voicu, Gruia, Marin, Walter, Matei.“ Spätestens in diesem Moment musste IM Walter wissen, dass seine Freunde ihn durchschaut hatten.

Die meisten Teilnehmer im großen Veranstaltungssaal der Sudentendeutschen Stiftung in München trifft es völlig unvorbereitet, als der Tagungsverlauf für eine persönliche Erklärung unterbrochen wird. Weit mehr als zweihundert Zuhörer haben sich hier versammelt, um den Vorträgen zu lauschen, in denen Autoren wie Richard Wagner, William Totok, Franz Hodjak, Helmuth Frauendorfer und andere über ihre Opferakten sprechen. „Deutsche Literatur in Rumänien im Spiegel und Zerrspiegel der Securitate-Akten“ lautet der Titel der Tagung, zu der Historiker und Studenten gekommen sind, aber vor allem viele ehemalige Dissidenten sowie zahlreiche Angehörige der Landsmannschaften der Banater Schwaben und Siebenbürger Sachsen. Was hier stattfindet, ist nicht zuletzt ein Heimattreffen der unheimlichen Art: ein Saal voll alter Wunden und offener Rechnungen.

Das kann ich mir bis heute nicht nachsehen

Werner Söllner bleibt vor dem Podium stehen, auf dem bereits die Referenten sitzen. Er geht nicht hinauf, tritt nicht ans Rednerpult, sondern verliest seine Erklärung stehend. Gerade hatte hier noch der Germanist Peter Motzan versichert, dass IM „Sando“, der achtzehn der insgesamt 82 in Motzans Akte befindlichen Berichte verfasst hat, keineswegs mit dem Schriftsteller Horst Samson identisch sei, dessen Opferakte den Decknamen „Sando“ trägt. Tags zuvor hatte Cristina Anisescu in ihrem Vortrag über die Methoden der Securitate berichtet, dass die Decknamen häufig so gewählt wurden, dass eine entfernte Ähnlichkeit auf den Klarnamen oder die Berufsbezeichnung des Betreffenden verwies: Franz Hodjak hieß „Horatio“, Samson wurde zu „Sando“ und Richard Wagner war „Ziaristul“, der „Journalist“. Werner Söllner war Walter.

Der erste Anwerbeversuch erfolgte 1971. Söllner hatte im Jahr zuvor das Studium in Klausenburg aufgenommen, 1973 wurde er Redakteur der Studentenzeitschrift „Echinox“, in der viele junge Regimegegner publizierten. Beim zweiten Versuch schickte die Securitate zwei Offiziere, die Söllner Pläne zur Flucht in den Westen unterstellten und mit Exmatrikulation drohten. Da beging er den ersten Fehler: Söllner bot an, die Vorwürfe in Gesprächen aufzuklären. Nun wurden ihm eigene Gedichte vorgelegt, von staatsfeindlichem Verhalten war die Rede. Und während der Druck auf den Studenten verstärkt wurde, lenkten die Offiziere zugleich die Gespräche auch in eine andere Richtung - „ohne dass ich das zunächst bemerkt hätte“. Jeder im Saal ahnt, was der hagere , introvertiert wirkende Mann als nächstes mit leiser Stimme von seinem vorbereiteten Blatt lesen wird: Die Securitate erkundigte sich zunehmend nach Freunden und Kollegen, ihren Ansichten und Überzeugungen, Zusammenkünften und Absichten. Gefragt wurde noch der verängstigte Student und Lyriker Söllner, aber die Antworten gab schon der Spitzel namens Walter: „Ich bin jemand, der sich nicht ausreichend zur Wehr setzen konnte. Das kann ich mir bis heute nicht nachsehen.“

Er hat mich herausgehauen

Danach herrscht Stille im Saal. Söllner ist alles andere als eine Randfigur der deutschen Literatur in Rumänien. Seine von Celan beeinflussten Gedichte, von denen manche in dieser Zeitung zuerst veröffentlicht wurden, trugen ihm namhafte Auszeichnungen wie die Förderpreise der Gryphius- und Hölderlin-Preise ein, er übersetzte die Gedichte Mircea Dinescus ins Deutsche, wurde Leiter des Hessischen Literaturforums und hielt 1993 die Frankfurter Poetikvorlesungen. Vier Jahre zuvor hatte er den Deutschen Sprachpreis erhalten, zusammen mit seinen Freunden, von denen einige vor wenigen Monaten ihre Opferakten verglichen haben: Gerhardt Csejka, Helmuth Frauendorfer, Klaus Hensel, Herta Müller, Johann Lippet, William Totok und Richard Wagner.

Auch Michael Markel ist in seiner Akte auf Walter gestoßen. Er gehörte zur Klausenburger Gruppe, und nachdem der Podiumsleiter, der Sozialwissenschafter Anton Sterbling, als seien noch mehr ehemalige Securitate-Spitzel im Saal zu vermuten, dazu aufgefordert hat, dem gewiss nicht einfachen Beispiel Söllners zu folgen, steht Markel auf, um eine Anmerkung zu machen, die er „als moralisches Bedürfnis“ empfinde. Dann beschreibt er den fünfseitigen handschriftlichen Bericht, den er in seiner Akte gefunden hat, und in dem Söllner den Hochschullehrer mit viel Geschick verteidigt habe: „Er hat mich in allen für mich damals diffizilen Punkten herausgehauen.“

Er konnte mich ja nicht einmal warnen

Der Applaus ist noch nicht verklungen, da springt ein jüngerer Mann auf und bittet Söllner, sich neben Sterbling und die Referenten zu setzen, die oben auf der Bühne ausgeharrt haben, als wären sie die Vorsitzenden eines Tribunals, das sie lieber nicht miterlebt hätten. „Sie gehören aufs Podium“, ruft der Mann, „es gibt keine absolut Guten und keine absolut Schlechten in diesem Saal!“ Söllner zögert, als gebe es keinen richtigen und keinen falschen Platz für ihn in diesem Saal. Dann betritt er unter dem Beifall des Saales die Bühne.

Die Münchner Tagung, die Stefan Sienerth und Peter Motzan vom Institut für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas ausgerichtet haben, sollte, so hatte es die rumänische Generalkonsulin in ihrem Grußwort am Vortag gesagt, nicht nur ein Beitrag zur Versöhnung, sondern vor allem zum Verständnis sein. Jeder im Saal hat verstanden, was Werner Söllner getan hat und wie es dazu kommen konnte. Von Versöhnung spricht niemand. Von enormem Druck ist später die Rede, von seiner umfangreichen Opfer-Akte, in der er als Staatsfeind geführt wurde, von Angst, Erpressbarkeit, der Schlinge, die sich immer mehr zuziehe, vom teuflischen Geschick der Führungsoffiziere. Aber es bleiben auch Fragen: Warum hat Söllner so lange geschwiegen und sich erst offenbart, als die Betroffenen längst Bescheid wussten? Auch dass nicht alle Berichte so positiv ausfielen wie im Fall Markels, ist zu hören: In einigen Fällen soll Söllner auch Freunde schwer belastet haben. Markel weiß das und verteidigt den Informanten dennoch: „Sie müssen sich die Situation vorstellen. Er konnte mich ja nicht einmal warnen, weil er nicht wissen konnte, ob ich ihn dann nicht bei der Securitate verraten hätte.“

Das Gift wirkt spät

Niemand verurteilt Söllner. Und niemand spricht offen aus, was für die Betroffenen am schwersten wiegen dürfte: Söllner hat die Gedichte und Prosatexte seiner Freunde und Kollegen für die Securitate gedeutet. Der Germanist, der sein Studium mit einer Arbeit über das Frühwerk Paul Celans abschloss, hat seinen Führungsoffizieren Interpretationshilfe gegeben und ihnen erklärt, was die Verse wirklich zu bedeuten hatten, worauf sie sich bezogen, welche Anspielungen in ihnen verborgen waren. Wie hätte man ihn dazu zwingen sollen? Warum hat sich der Informant Walter nicht irgendwelche gelehrt klingende Belanglosigkeiten für seine Gutachten ausgedacht? Aber vielleicht hat gar nicht „Sursa Walter“, die Quelle, der Informant Walter diese Gutachten verfasst. Vielleicht war es der leidenschaftliche Philologe namens Werner Söllner. Aber das kann niemand wissen.

Dreihundert Meter lang ist die Reihe der Akten, die die CNSAS, das rumänische Pendant zur Birthler-Behörde, über die deutschen Schriftsteller in Rumänien in ihren Archiven hat, dreihundert Meter von insgesamt bislang vierundzwanzig Kilometern Aktenmaterial. Es wird noch mehr dazukommen, denn das Innenministerium oder Behörden wie das Passamt und der Auslandsgeheimdienst geben ihre Bestände bislang nur zögerlich frei. Groß ist das Misstrauen bei den Autoren gegenüber den neu-alten Strukturen in der alten Heimat und klein ihre Hoffnung, das Gift, das vor so vielen Jahren ausgestreut wurde, könnte seine Wirkung jemals ganz verlieren.

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Jahrgang 1962, Redakteur im Feuilleton.

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