http://www.faz.net/-gr0-94ht6

Zum Tode von Jean d’Ormesson : Ein sehr französischer Autor

Jean d’Ormesson Bild: Imago

Wie kein anderer verkörperte er die Institution des französischen Autors: Jean d’Ormesson wurde und wird als „aristokratischer Volksschriftsteller“ verehrt. Ein Nachruf.

          Seine lange Ewigkeit hat vor mehr als vier Jahrzehnten begonnen. Seit dem faschistischen Schriftsteller Maurice Barrès war Jean d’Ormesson bei seiner Wahl 1973 der jüngste „Unsterbliche“ der Académie française, die damals unter Nachwuchsmangel litt. Intellektuelle wie Michel Foucault oder Jean-Paul Sartre dachten nicht im Traum daran, ihr Mitglied zu werden. Zwei Jahre zuvor hatte die als verstaubt und antiquiert verschriene Institution unter der Schirmherrschaft des Staatspräsidenten dem 1925 geborenen Journalisten, der seine brillante Karriere mit Promi-Geschichten in der Illustrierten „Paris Match“ begonnen hatte, zum literarischen Durchbruch verholfen: Sie verlieh ihm für „La Gloire de l’Empire“ ihren großen Romanpreis, der sonst eher an jüngere Autoren geht. Ein kommerzieller Erfolg war dem Werk indes nicht beschieden.

          Jürg     Altwegg

          Kulturkorrespondent mit Sitz in Genf.

          Jean d’Ormesson war der Sohn eines berühmten Diplomaten, der mit seiner Familie die Welt bereiste. Lieber aber war ihm die Erkundung neuer Horizonte und literarischer Kontinente in der Bibliothek des Vaters. Nach dem Besuch der Pariser Eliteschulen arbeitete er für die Unesco und genoss das Leben. Seine frühen Romane erzählten frivole Liebesgeschichten. Vergeblich hatte sein erster Verleger versucht, Jean d’Ormesson mit seinem Debüt „Die Liebe ist ein Plaisir“ als „Bruder von Françoise Sagan“ zu vermarkten. Im Alter von 37 Jahren heiratete der aristokratische Schriftsteller die Erbin einer Zuckerdynastie.

          Die Klassikerweihe wurde als Marketing gerügt

          Eine Zeitlang wirkte Jean d’Ormesson als Direktor des „Figaro“, der vom ehemaligen Kollaborateur Robert Hersant gekauft worden war. Raymond Aron verließ die Zeitung aus Protest gegen Hersant, Jean d’Ormesson hielt sich an dessen Verbot, über die braune Vergangenheit von François Mitterrand zu schreiben. Umso heftiger fielen seine Leitartikel aus, als der Sozialist an die Macht kam. Doch in den Stunden seines Rücktritts lud der sterbende Mitterrand den Klassenfeind zum vertraulichen Gespräch ins Elysée. Jean d’Ormessons Nachruf auf den Präsidenten war fast schon des gemeinsamen literarischen Vorbilds Chateaubriand würdig.

          Seine Aufnahme in die Klassiker-Bibliothek der Pléiade zum neunzigsten Geburtstag erfolgte als umstrittenes Geschenk seines Verlegers Antoine Gallimard. Als reines Marketing wurde die seltene Klassikerweihe noch zu Lebzeiten von Kritikern gerügt. Eine ähnliche Ehre war bislang nur ganz wenigen vergönnt, dem Schweizer Philippe Jaccottet zum Beispiel, oder Claude Lévi-Strauss – nicht aber den Nobelpreisträgern Modiano oder Le Clézio.

          Im Alter verströmte er Optimismus und Weisheit

          Erst über die Jahrzehnte hinweg war Jean d’Ormesson mit Romanen und autobiographischen Schriften zu einem Bestsellerautor geworden. Er verkörperte wie kein anderer die Institution des französischen Schriftstellers. Bis zuletzt schrieb er brillante Artikel und Bücher, sie handeln von Gott und zelebrieren das Leben. Wie ein Heiliger wurde und wird Jean d’Ormesson als „aristokratischer Volksschriftsteller“ verehrt. In seinen vielen Fernsehauftritten verströmte er mit zunehmendem Alter Optimismus und eine Weisheit, die von seiner Lebenserfahrung und seiner Bildung geprägt waren.

          Ob ihn seine literarischen Werke überdauern, wird die Zukunft weisen. In der „Unsterblichkeit“ hinterlässt er eine Lücke: acht Fauteuils sind in der Académie française zu vergeben. Das hat ausschließlich mit einer Reihe von Todesfällen zu tun. An Kandidaten fehlt es der Institution nicht: Auch für ihre anhaltende Beliebtheit und öffentliche Präsenz hat Jean d’Ormesson, der mit Marguerite Yourcenar die Aufnahme der ersten Frau durchsetzte, gesorgt.

          Der Schriftsteller, der eine Krebserkrankung überlebt hatte, starb in der Nacht auf Dienstag im Alter von 92 Jahren. Er war nicht der Älteste in der „Unsterblichkeit“, aber am längsten dabei. Sein letztes Wort allerdings hat er immer noch nicht gesagt: Im Frühjahr erscheint sein nächstes Buch mit dem Titel „Und ich lebe noch“.

          Weitere Themen

          Es gab bis zuletzt Champagner

          Gefangene des NS-Regimes : Es gab bis zuletzt Champagner

          Mondäne Atmosphäre, erlesene Gesellschaft: André François-Poncet lebte mit Herzoginnen und Prinzessinnen in einem Luxushotel im Kleinwalsertal – auf Kosten des NS-Regimes. Doch der französische Botschafter war eine politische Geisel.

          „Halloween“ Video-Seite öffnen

          Kinotrailer : „Halloween“

          „Halloween“, 2018. Regie: David Gordon Green. Darsteller: Jamie Lee Curtis, Judy Greer, Andi Matichak. Verleih: Universal Pictures Germany. Kinostart: 25. Oktober 2018

          Der Sturm aufs Palais war ein Stürmle

          Ausstellung in Stuttgart : Der Sturm aufs Palais war ein Stürmle

          Stuttgarts Haus der Geschichte zeigt die Weimarer Republik von deren Anfängen her und zieht eine Parallele zur heutigen Vertrauenskrise der Demokratie. Auch damals gab es Personen und Leistungen, die mehr Vertrauen verdient hätten.

          Ya sürgündeyiz ya hapiste: Ama tek parçayız!

          İstanbul’dan mektuplar : Ya sürgündeyiz ya hapiste: Ama tek parçayız!

          Halen 123 gazeteciyi hapiste tutan, 304’ünü binlerce yıllık hapisle yargılayan Ankara’nın Kaşıkçı cinayeti sonrasındaki hassasiyeti göz yaşartıyor. Erdoğan’ın bu cinayete ilişkin ilgisinin, basın özgürlüğü ya da insan haklarıyla bir ilgisi var mı dersiniz? Gelin birlikte inceleyelim...

          Topmeldungen

          Amerikas Präsident Donald Trump

          „Ich bin ein Nationalist“ : Trump ist der Präsident der Rechten

          Donald Trump verteidigt sein Bekenntnis, ein Nationalist zu sein – und relativiert ein bisschen. Doch die rechte Basis in Amerika feiert es, wie der Präsident die Grenze des Akzeptablen immer weiter verschiebt.
          Unsere Sprinter-Autorin: Heike Göbel

          FAZ.NET-Sprinter : Endspiel um die Kohle

          Im Rheinischen Revier bereiten Bergleute der Kohlekommission heute einen heißen Empfang. In Hessen beginnt unterdessen der Endspurt um die Staatskanzlei – und das Mitleid mit der strauchelnden SPD wächst.

          Migranten auf Weg nach Amerika : Pompeo: Sie haben keine Chance

          Amerikas Regierung droht den Tausenden Migranten, die in Richtung der amerikanischen Grenze marschieren. Die Mittelamerikaner schreckt das nicht ab. Laut UN-Flüchtlingshilfswerk sind viele asylberechtigt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.