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Aktualisiert: 13.04.2015, 13:23 Uhr

Ein Nachruf Der große Grass

Mit dem Tod des 1927 in Danzig geborenen Literatur-Nobelpreisträgers Günter Grass kommt eine ganze Epoche an ihr Ende. Und doch: Vieles, was sich dem literarischen Werk und der gesellschaftlichen Wirkung dieses Autors verdankt, wird bleiben.

von
© Helmut Fricke Sechs Jahrzehnte lang Anreger, Mahner, Forderer: Günter Grass

Der Tod von Günter Grass ist ein historisches Datum in vielerlei Hinsicht. Mit ihm endet, siebenundachtzig Jahre nach der Geburt des Weltautors in Danzig, ein exemplarisch deutsches Leben, das – jenseits aller zeitbedingten Brüche und Widersprüche und trotz des späten Einbekenntnisses einer so kurzen wie juvenilen Mitgliedschaft in der SS – auf der ganz persönlichen Ebene ungemein konsistent, konsequent, letztlich also auch völlig gerundet und deshalb emphatisch geglückt erscheint.

Jochen Hieber Folgen:

Wobei dieses späte Bekenntnis bleibend brisant ist. Denn er, Grass, hat Zeit seines erwachsenen und öffentlichen Lebens immer und immer wieder seine eigenen Generationsgenossen wie deren Väter dazu aufgefordert, ihr Verhalten zwischen 1933 und 1945 offenzulegen. Bezeichnend ist dafür seine Auseinandersetzung mit der Vita von Kurt Georg Kiesinger, der von 1933 an Mitglied der NSDAP und zwischen 1966 und 1969 CDU-Kanzler der ersten Großen Koalition war. Noch heftiger geriet der Konflikt mit dem damaligen Finanzminister Karl Schiller, der der SPD angehörte, Grass also sowohl politisch als auch persönlich viel näher stand.

Aber was er von anderen forderte, hielt er selbst – von wenigen Vertrauten abgesehen – gegenüber der Öffentlichkeit verborgen. Und als er seine an sich belanglose SS-Mitgliedschaft, die Mitgliedschaft eines gerade Siebzehnjährigen in den letzten Kriegsmonaten, dann 2006  im autobiographischen Buch „Beim Häuten der Zwiebel“ schließlich einbekannte, begründete er sein Jahrzehnte währendes Schweigen mit „nachwachsender Scham“.  Nicht einer eigenen Schuld wegen, sondern aufgrund dieses Schweigens und Verschweigens bleibt dieser Fall ein problematischer Moment seiner ansonsten überaus gradlinigen und von wenig Selbstzweifeln angefochtenen Biographie.

Ein Vorbild für García Márquez, Rushdie oder Irving

Mit dem Tod von Günter Grass verliert die Weltliteratur einen Repräsentanten des Geistes- und Künstlerlebens, der im Lauf der vergangenen fast sechs Jahrzehnte die mit Abstand wichtigste, deshalb gewichtigste Stimme unseres Landes war – und damit eben auch ein weltliterarischer Lehrer von einsamer, singulärer Statur: Vielfach haben Schriftsteller vom Range eines Gabriel García Márquez, eines Salman Rushdie oder eines John Irving bekundet, dass ihr eigenes Werk ohne den Einfluss und die Anregungen des Erzählers Grass nicht denkbar gewesen wäre.

Gleich die Summe seines poetischen Vermögens zeigte Grass im Debütroman von 1959, dem Jahrhundert-Epos „Die Blechtrommel“. Es handelt, intoniert von der unvergleichlichen Hauptfigur Oskar Mazerath, von den kleinen Leuten im großen Weltverhängnis des zwanzigsten Jahrhunderts.

Dieser blechtrommelnde Oskar ist ein literarisches Unikum. Seine Geschichte von Geburt an, jene seiner Familie und jene der Zeitläufte im Danzig der Vorkriegs- und Kriegsjahre sowie jene des restaurativen Wiederaufbaus nach 1945 im Westen erzählt der ebenso hellsichtige wie abgefeimte Gnom im Rückblick, als zwangsinternierter Patient  einer Düsseldorfer Klinik. Die Entscheidung, als Dreijähriger mit dem körperlichen Wachstum aufzuhören, kognitiv und als Beobachter wie als Agitator des Geschehens aber weiterzuwachsen, war von ungeheuren Tragweite für die „Blechtrommel“: Fraglos der Geniestreich des gerade dreißigjährigen Jungautors Grass, vorbildlos, wuchtig und voller erzählerischer Effekte.

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