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Ein Kreml-Roman : Die Macht der Verachtung

  • -Aktualisiert am

Wladimir Putin während einer Zeremonie im Kreml Bild: ASSOCIATED PRESS

Der Erfinder der „gelenkten Demokratie“ ist unter die Autoren gegangen - Wladislaw Surkow, mächtiger Chefideologe des Kremls, hat einen düsteren Roman geschrieben, der dem Leser nicht die geringste Hoffnung lässt.

          Ich weiß nicht, wie es bei Ihnen in Deutschland ist, aber bei uns in Russland schreiben Leute aus den oberen Etagen der Macht eher selten beeindruckende literarische Werke. Es kommt natürlich vor, dass jemand seine Memoiren verfasst - Breschnew zum Beispiel veröffentlichte am Ende seiner Karriere ein Buch mit Kriegserinnerungen, aber niemand glaubte, dass er sie wirklich selbst geschrieben hatte, und in der Tat war nicht er der Urheber; außerdem war das Buch sowieso nicht der Rede wert.

          In der Musik sieht es etwas besser aus. Ich war selbst Zeuge, wie Michail Gorbatschow im privaten Kreis russische und ukrainische Volkslieder sehr schön zum Vortrage brachte, und der ehemalige Ministerpräsident Viktor Tschernomyrdin kann fabelhaft Akkordeon spielen. Aber das ist nicht mehr als Laienkunst. Eigentlich lassen sich wohl nur Zarin Katharina die Große, die Theaterstücke und Memoiren verfasste, und Lenin, Autor zahlreicher von glühendem Hass auf die Bourgeoisie durchtränkter Aufsätze, in gewissem Maße als Schriftsteller bezeichnen. Auch schrieb Stalin in seiner Jugend Gedichte, später zog er es allerdings vor, in unserem Land und auf der ganzen Welt eine große Reality-Show zu inszenieren.

          Und nun ist neulich bei uns etwas vollkommen Unerhörtes passiert. Der derzeitige Kremlchefideologe - natürlich keine Katharina die Große und nicht einmal das Gespann Putin & Medwedjew, aber (wie viele meinen) immerhin der dritte Mann im Staat -, der sechsundvierzigjährige Wladislaw Jurjewitsch Surkow, der für die gesamte Innenpolitik unseres Landes verantwortlich zeichnet, hat einen Roman über das Leben im heutigen Russland geschrieben: „Nahenull“. Er hat ihn unter Pseudonym veröffentlicht, wer sich dahinter verbirgt, war jedoch rasch kein Geheimnis mehr. Der Roman ist interessant geschrieben, nicht unbeeinflusst von Nabokov und unseren heutigen Postmodernisten.

          Präsident Medwedew und sein Chefideologe Wladislaw Surkow (links)

          Lob und Verriss

          Surkow, Schöpfer der politischen Philosophie der „gelenkten Demokratie“, eines eigenen russischen Weges im Grunde genommen, ist ein bei unserer Opposition und einem großen Teil der Intelligenzija - milde ausgedrückt - unbeliebter Mann, für Staatsdiener dagegen ein helles Licht in einem Kremlfenster. Aber kann ein Mann, dem ausländische Einflüsse auf Russland verdächtig sind und der sogar Finnland vorwirft, es sei allzu interessiert an unserem finno-ugrischen Norden, etwas Lesenswertes schreiben?

          Hier hat sich eine Grundsatzdiskussion entzündet. In Zeitungen wie der regierungstreuen „Iswestija“ sowie in mündlichen Äußerungen seitens gewisser Kremlfreunde wie dem Filmregisseur Nikita Michalkow, der Surkows Roman flugs mit Michail Bulgakows „Meister und Margarita“ verglich, wurde das Buch über den grünen Klee gelobt und in oppositionellen Zeitungen (solche existieren noch dank der Großzügigkeit ebenjenes Surkow) verrissen.

          Logisch! Hätte Benckendorf, der Polizeichef Nikolais I., unter einem Pseudonym wie, sagen wir mal, Michail Lermontow, ein bemerkenswertes Buch mit dem Titel „Ein Held unserer Zeit“ geschrieben, wäre es mitsamt seinen literarischen Qualitäten im Orkus verschwunden. Der entlarvte, der Urheberschaft überführte Graf wäre von der Intelligenzija mit Salven aus Hohn und Spott erschossen, des Plagiats und der Misanthropie beschuldigt worden. Wissarion Belinski, während der Puschkin-Zeit der bedeutendste Literaturkritiker, hätte Benckendorf mit Haut und Haar aufgefressen; noch lange danach wäre ihm das Generalsblut von den Lippen getropft. Wir in Russland tolerieren die Verbindung von Literatur und politischer Kollaboration nicht. Wir brauchen saubere Autoren und nicht irgendwelche Hamsuns und Celines!

          Ein trauriges Wissen

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