29.12.2009 · Der Erfinder der „gelenkten Demokratie“ ist unter die Autoren gegangen - Wladislaw Surkow, mächtiger Chefideologe des Kremls, hat einen düsteren Roman geschrieben, der dem Leser nicht die geringste Hoffnung lässt.
Von Viktor JerofejewIch weiß nicht, wie es bei Ihnen in Deutschland ist, aber bei uns in Russland schreiben Leute aus den oberen Etagen der Macht eher selten beeindruckende literarische Werke. Es kommt natürlich vor, dass jemand seine Memoiren verfasst - Breschnew zum Beispiel veröffentlichte am Ende seiner Karriere ein Buch mit Kriegserinnerungen, aber niemand glaubte, dass er sie wirklich selbst geschrieben hatte, und in der Tat war nicht er der Urheber; außerdem war das Buch sowieso nicht der Rede wert.
In der Musik sieht es etwas besser aus. Ich war selbst Zeuge, wie Michail Gorbatschow im privaten Kreis russische und ukrainische Volkslieder sehr schön zum Vortrage brachte, und der ehemalige Ministerpräsident Viktor Tschernomyrdin kann fabelhaft Akkordeon spielen. Aber das ist nicht mehr als Laienkunst. Eigentlich lassen sich wohl nur Zarin Katharina die Große, die Theaterstücke und Memoiren verfasste, und Lenin, Autor zahlreicher von glühendem Hass auf die Bourgeoisie durchtränkter Aufsätze, in gewissem Maße als Schriftsteller bezeichnen. Auch schrieb Stalin in seiner Jugend Gedichte, später zog er es allerdings vor, in unserem Land und auf der ganzen Welt eine große Reality-Show zu inszenieren.
Und nun ist neulich bei uns etwas vollkommen Unerhörtes passiert. Der derzeitige Kremlchefideologe - natürlich keine Katharina die Große und nicht einmal das Gespann Putin & Medwedjew, aber (wie viele meinen) immerhin der dritte Mann im Staat -, der sechsundvierzigjährige Wladislaw Jurjewitsch Surkow, der für die gesamte Innenpolitik unseres Landes verantwortlich zeichnet, hat einen Roman über das Leben im heutigen Russland geschrieben: „Nahenull“. Er hat ihn unter Pseudonym veröffentlicht, wer sich dahinter verbirgt, war jedoch rasch kein Geheimnis mehr. Der Roman ist interessant geschrieben, nicht unbeeinflusst von Nabokov und unseren heutigen Postmodernisten.
Lob und Verriss
Surkow, Schöpfer der politischen Philosophie der „gelenkten Demokratie“, eines eigenen russischen Weges im Grunde genommen, ist ein bei unserer Opposition und einem großen Teil der Intelligenzija - milde ausgedrückt - unbeliebter Mann, für Staatsdiener dagegen ein helles Licht in einem Kremlfenster. Aber kann ein Mann, dem ausländische Einflüsse auf Russland verdächtig sind und der sogar Finnland vorwirft, es sei allzu interessiert an unserem finno-ugrischen Norden, etwas Lesenswertes schreiben?
Hier hat sich eine Grundsatzdiskussion entzündet. In Zeitungen wie der regierungstreuen „Iswestija“ sowie in mündlichen Äußerungen seitens gewisser Kremlfreunde wie dem Filmregisseur Nikita Michalkow, der Surkows Roman flugs mit Michail Bulgakows „Meister und Margarita“ verglich, wurde das Buch über den grünen Klee gelobt und in oppositionellen Zeitungen (solche existieren noch dank der Großzügigkeit ebenjenes Surkow) verrissen.
Logisch! Hätte Benckendorf, der Polizeichef Nikolais I., unter einem Pseudonym wie, sagen wir mal, Michail Lermontow, ein bemerkenswertes Buch mit dem Titel „Ein Held unserer Zeit“ geschrieben, wäre es mitsamt seinen literarischen Qualitäten im Orkus verschwunden. Der entlarvte, der Urheberschaft überführte Graf wäre von der Intelligenzija mit Salven aus Hohn und Spott erschossen, des Plagiats und der Misanthropie beschuldigt worden. Wissarion Belinski, während der Puschkin-Zeit der bedeutendste Literaturkritiker, hätte Benckendorf mit Haut und Haar aufgefressen; noch lange danach wäre ihm das Generalsblut von den Lippen getropft. Wir in Russland tolerieren die Verbindung von Literatur und politischer Kollaboration nicht. Wir brauchen saubere Autoren und nicht irgendwelche Hamsuns und Celines!
Ein trauriges Wissen
Die kurze Geschichte von Wladislaw Surkows Buch „Nahenull“ zeigt, wie Sie sehen, den unglaublich antagonistischen Zustand der russischen Welt. Genau davon zeugt übrigens auch der Inhalt des Buches. Von allen Reaktionen darauf erscheint mir die Meinung der Petersburger Rock-Legende Boris Grebenschtschikow am treffendsten. Ohne Rücksicht auf seinen Ruf erlaubt er sich buchstäblich mit einem Satz zu sagen, dass man sich von dem Buch nicht eher losreißen könne, bis man es ganz durchgelesen habe, und nach der Lektüre bleibe ein Gefühl von Traurigkeit und Helligkeit.
Ich kann meinerseits sagen, dass ein gewisses Gefühl von Helligkeit, das auch ich empfand, bestimmt nicht durch den unschönen moralistischen Epilog entsteht (bei Romanen ist der Schluss nicht selten konventionell und unschön), der das Leben und die Liebe in den höchsten Tönen lobt (hier macht sich wohl des Autors Angst vor der eigenen Courage bemerkbar, denn er hat sich, ebenfalls ohne Rücksicht auf seinen Ruf, in seinem Buch einiges zu viel herausgenommen), sondern weil man spürt, wie grausam das Buch in tiefere Schichten der Wahrheit über unser Leben eindringt. Da wurde voll ins Schwarze getroffen - und alles hell beleuchtet vom unheimlichen Widerschein eines traurigen Wissens.
Wäre das Buch, nehmen wir an, von einem ranghohen Milizbeamten geschrieben worden, der in die kriminellen Machenschaften des heutigen Russland verstrickt und seinem schamlosen, tödlichen Zauber erlegen wäre, dann würde sich diesem Milizionär von oben betrachtet das Leben im Land als ein einziges Gemetzel darstellen. Auch ein Angestellter einer Leichenhalle hat sein Bild von der Welt. Aber beider vernichtende Wahrheit entspringt einem durch Beruf und Funktion beschädigten Bewusstsein. Man muss schon ein Warlam Schalamow sein, um die Hölle des GULag mit der ruhigen Hand eines Betrachters der menschlichen Natur, nicht nur der Verbrechen des Regimes zu beschreiben. Das Phänomen „Nahenull“ liegt irgendwo auf halbem Wege zwischen der existentiellen und der verwalteten Welt.
Verzweiflung eines Romantikers
Das Buch des Schriftstellers Surkow besitzt zweifellos literarischen Schwung. Es ist ein talentierter Text, auf seine Art ein Geländewagen, der durch Sümpfe und Einöden der modernen Literaturlandschaft braust, sich dabei leicht in literarischen Banalitäten und halbliterarischen versteckten Zitaten festfährt (unter den Reifen spritzen wie Schmutz die Borges und Husserl hervor) und sich auf das Glatteis von Internet-Jargon, schriftstellerischem Scharfsinn, lyrischer Selbstbespiegelung sowie Bewunderung für seinen geschickten Fahrer begibt. Dem Gefährt säuft nicht der Motor ab; der Autor hält das Interesse des Lesers wach mit einem Karneval der Masken und mit theatralischen Szenen einer ins Absurde getriebenen Handlung.
Das Buch enthält grausame Gedanken über Einheit und Kampf der Gegensätze in der kollektiven russischen Seele, über die Schwächen der Liebe selbst in ihren stärksten Ausprägungen, die Lustlosigkeit eines lang ersehnten Orgasmus. Jegor, der Protagonist des Romans - die einzige lebendige Figur in einem Reigen von gogolesken Masken -, berichtet aus seiner Perspektive, doch er ist (wenn auch klug) mit seinem kriminellen Vorleben (wie Rodion Raskolnikow) schwächer als sein Autor, und daher gewinnt man den Eindruck, der Autor füttere ihn mit seinen eigenen Gedanken, denen die Romanfigur kaum gewachsen ist. Sozusagen ein Systemabsturz des Romans (nicht selten in der Literatur).
Lässt man aber den Ich-Erzähler beiseite und befasst sich näher mit der Gedankenwelt des Autors, dann spürt man Verzweiflung. Eine Verzweiflung zwiespältiger Natur. Einerseits ist es die Verzweiflung des enttäuschten Romantikers - wie bei dem in der neuen russischen Literatur bekannten Fall Wladimir Sorokin - und von der realen Welt Betrogenen. Alle Frauenbeziehungen des Helden sind ebenfalls voller tief sitzender Kränkungen; der Autor scheint sich am weiblichen Geschlecht für unglückliche Liebe rächen zu wollen. Nur in Fjodor Sologubs „Der kleine Dämon“ hat der russische Roman derart erbarmungslos über Kinder berichtet, wie Surkow über die sechsjährige Tochter des Ich-Erzählers schreibt. Die Welt verwandelt sich als Folge von Entfremdung in einen Kadaver.
Der Kadaver Russland
Andererseits macht der Blick von oben, aus der fernen Höhe des Kremls, die Menschen gleich - bis nahe null - in ihrer Dummheit und Gemeinheit, mit all ihrer Erbsenzählerei und Eitelkeit, ihrer Renitenz und Käuflichkeit - in ihrer allgemeinen Unmenschlichkeit. Weder Snob noch Würdenträger, eher bestürzt über seine eigenen Erkenntnisse, sieht der Autor wiederum den Kadaver. Das käme jedoch nur einer klinischen Analyse der gegenwärtigen russischen Gesellschaft gleich, wäre nicht der Autor selbst vom Todesgedanken fasziniert. Die Gleichsetzung aller möglichen Varianten von Terrorismus, kanonischer Religionen, von Reichen und Armen, Henkern und Opfern ist ein Partisanenstreich des Todes selbst, der die Welt regiert. Sogar die über alle Maßen gerechte und vom Helden geliebte Großmutter quält der Tod mit besonderem Vergnügen. Anderen jagt er einfach eine Kugel in den Kopf. Der Autor sucht Rettung beim Tod, erreicht jedoch keine Katharsis - da beginnt er vor lauter Elend, ihn mit optimistischer Eloquenz zu attackieren. Und so gelangen wir schließlich bis zum Epilog.
Aber das Entscheidende ist nicht das Buch, sondern das „Nahenull“ seiner Philosophie und seiner Rezeption. Der Autor ist aufrichtig enttäuscht - das ist keine Pose. Sein Held wechselt von Verzweiflung zu einer neuen Stufe von Entfremdung - ihn erfüllt Verachtung. Verachtung erfüllt auch Andrej Bolkonskij (in Tolstois „Krieg und Frieden“); selbst gegenüber der Granate, die ihn tödlich verwundet hat, empfindet er Verachtung. In der Verachtung sollte man daher nicht nur den Grund sehen, aus welchem Russland eingefroren gehört (damit es nicht zu stinken anfängt) - wenn man Konstantin Leontjew folgt, einem erzkonservativen Philosophen des neunzehnten Jahrhunderts.
Verachtung der Macht
Die Macht der Verachtung, die den Roman dominiert, stützt sich nicht so sehr auf die Niederträchtigkeit reicher Dummköpfe und die Hilflosigkeit der Intelligenzija - sie rührt an den wundesten Punkt des russischen Mythos: Auch das Volk ist von demselben Kadaver infiziert. Und hier entsteht das heimliche Motiv, nämlich die Rechtfertigung von Macht. Genau hier beginnt der russische Liberalismus aus den Fugen zu geraten und mit ihm die russische Demokratie. Entsetzt muss der Leser begreifen, dass nur eine wirklich große Persönlichkeit - die es nicht gibt - etwas für das heutige Russland tun kann. Aber es gibt sie ja nicht, also . . . oder aber . . . wenn diese Persönlichkeit kommt, wer wird sie dann sein? Herzinsuffizienz des russischen Gedankens! Keine Hoffnung! Und das verkündet man uns aus dem Kreml! In dem Buch sind alle Oppositionellen natürlich Vollidioten.
Aber ich sehe, wie sich auf der anderen Seite eine Welle des Protests erhebt, es entsteht eine andere Macht der Verachtung - die der humanistischen Kritiker, der lebensfrohen Schriftsteller, der verstreuten Intelligenzija und einfach der ehrlichen studentischen Blogger - eine Verachtung gegenüber der russischen Staatsmacht und allen möglichen Pseudoautoren, die uns in ihren (nach Meinung der Dissidenten) unausgegorenen Büchern die Rechtfertigung der Staatsmacht nahelegen wollen. Der Abgrund weitet sich. Der Absturz wird für uns alle sehr schmerzhaft sein.
Die Vergangenheit ist nicht
perry hagedorn (perryhagedorn)
- 29.12.2009, 14:27 Uhr
Nach dem 'Genuss' dieser verwirrenden Rezension wüsste ich gerne mal, ...
K. Peter Luecke (microplan2002)
- 29.12.2009, 20:14 Uhr
Surkow ist nicht der Autor
Gregor Hecker (gregorhecker)
- 01.01.2010, 08:24 Uhr