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Rätsel um Adalbert Stifter : Seine Neigung zu Naturkatastrophen

Der Autor Adalbert Stifter verstand sich auch als Maler. Bild: Picture-Alliance

Die Rätsel um den österreichischen Autor Adalbert Stifter werden auch 150 Jahre nach dessen Tod nicht geringer. Nun erscheint ein umfassendes Handbuch.

          Wer sich in diesem Jahr an 1968 erinnert, der blickt auf die Universitäten und fragt nach den Impulsen, die vom Hörsaal in die Gesellschaft ausgegangen sind. Was dort außer Protest noch anzutreffen war, ist oft nur wenig präsent. Etwa die Zusammenkunft von Wissenschaftlern in Bad Hall, die im Herbst 1968 aus Anlass von Adalbert Stifters hundertstem Todestag (der Schriftsteller starb am 28. Januar 1868) einberufen worden war und ein Projekt beschloss, dessen Abschluss nur die wenigsten unter ihnen erleben würden.

          Dass die editorische Situation der Werke Stifters äußerst komplex war, hatten die Forschungen der vergangenen Jahre ergeben, zudem waren erst 1964 Handschriften aufgetaucht, die ein neues Licht auf die Genese vieler seiner Texte warf und den Befund untermauerte, dass der Autor viele Werke fortwährend um- und neuschrieb – die vier Fassungen der prächtigen „Mappe meines Urgroßvaters“, an der er bis zu seinem Tod arbeitete, zeigen das sehr deutlich.

          So wurde damals der Plan zu einer historisch-kritischen Ausgabe von Stifters Werken und Briefen gefasst, die einmal 45 Bände umfassen soll. Jetzt, fünfzig Jahre später und im Vorgriff auf Stifters nunmehr 150. Todestag am morgigen Sonntag, sind nicht nur mittlerweile 37 Bände davon bei Kohlhammer erschienen, es liegt nun auch im Metzler-Verlag ein Handbuch vor, das diese Werkausgabe ebenso vorzüglich ergänzt wie überhaupt jede Beschäftigung mit Stifter. Es beginnt mit einem Abriss zur Biographie des Autors und setzt sich fort mit einzelnen Aufsätzen zur Forschungsgeschichte jedes Werks, umfasst also nicht nur die „Bunten Steine“, den „Nachsommer“ oder „Witiko“, sondern auch die seltener behandelten Schriften zu Kunst und Politik, zum Theater oder das von Stifter teils geschriebene, teils redigierte Auftragswerk „Wien und die Wiener, in Bildern aus dem Leben“.

          Bemühen um Ordnung

          Dabei zeigt sich, dass der eigentlich gründlich erforschte Autor hier und da tatsächlich noch sehr viel genauer betrachtet werden kann, besonders dort, wo noch immer das Bild vom gemütlichen Heimatdichter fortwirkt, mit dem eigentlich schon Thomas Mann aufgeräumt hatte, als er Stifter „eine Neigung zum Exzessiven, Elementar-Katastrophalen, Pathologischen“ bescheinigte. Eine Lektüreerfahrung, die man unschwer teilen kann.

          Das hat nicht nur damit zu tun, dass Stifter einerseits in seinem Bereich zuständig für die Aufsicht der Schulen oder die Denkmalpflege war, also durchaus in der Öffentlichkeit stand, sich andererseits mit den ungeheuren technischen, sozialen und zum Teil auch politischen Umwälzungen seiner Zeit nicht befreunden mochte. Besonders erhellend hierzu ist ein Kapitel aus dem mit „Problemfelder“ überschriebenen fünften Teil des Handbuchs, das sich dem Begriff der „Ordnung“ widmet und feststellt, dass in Stifters Werk häufig gar nicht der Zustand einer Ordnung abgebildet wird, sondern eher das Bemühen der Protagonisten darum – also das Ordnen.

          Gespenstisch ist dieses Verhältnis zwischen der als chaotisch empfundenen Welt und dem verzweifelt ums Ordnen bemühte Schreiben etwa im Fall der zutiefst verstörten Stifter-Nichte Juliane, die sich das Leben nahm, vielleicht wegen einer unglücklichen Liebe, vielleicht wegen der harten Behandlung durch Stifters Frau. Nach dem Tod der Nichte schrieb Stifter die Erzählung „Der Waldbrunnen“, in der ein wildes Mädchen durch die pädagogische Güte eines älteren Herrn sanft und glücklich wird; am Ende wird es den Enkel des Wohltäters heiraten. Ihr Name: Juliane.

          Stifter als Maler

          Verdienste erwirbt sich das Handbuch auch, wo es die noch nicht genug erforschte praktische Hinwendung Stifters zur Malerei in den Blick nimmt. Der Autor verstand sich lange eigentlich als Maler, und das Handbuch zeigt eine Auswahl von Werken, deren Sujet auch in Erzählungen Stifters sowie seinem Roman „Witiko“ wiederkehren. Eine im Band abgebildete Ansicht des böhmischen Städtchens Friedberg mit dem Haus der Jugendliebe Fanny Greipl berührt durch die ausgestellte Distanz, die der Maler zwischen den Betrachter und den Ort legt – die Hoffnungen auf eine Ehe erfüllten sich nicht.

          Stifters erratische Randständigkeit jedenfalls, die ihm das anfangs von seinen Erzählungen begeisterte Publikum entfremdete, trug zugleich zum Fortleben seines Werks bis heute bei. Das Handbuch aber bildet die Vielfalt der Perspektiven ab, die mit Gewinn auf dieses Werk gerichtet werden können, und erklärt so auch, warum das Jahr 1968 in die Geschichte der Stifter-Rezepition eingegangen ist.

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