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Ein Gespräch mit Mathias Énard : „Es gibt nicht den einen Islam“

Drei Jahre Damaskus, zwei Jahre Beirut, ein Jahr Teheran: Der französische Autor Mathias Énard, Jahrgang 1972, ist im Orient zu Hause, er spricht Arabisch und Persisch. Sein Roman „Boussole“ wird im kommenden Herbst auf Deutsch erscheinen. Bild: Lydie LECARPENTIER/REA/laif

Der Schriftsteller Mathias Énard, der gerade den Prix Goncourt gewonnen hat, kennt den Orient schon lange – und so gut, dass auch der Terror sein Bild nicht erschüttern kann. Seinen neuen Roman nennt er einen „Anti-Houellebecq“. Ein Gespräch.

          Monsieur Énard, Ihr Roman „Boussole“, mit dem Sie gerade den Prix Goncourt gewonnen haben, erzählt von den halb halluzinierten, halb tatsächlichen Reisen eines Musikwissenschaftlers in den Orient. Von dem Roman Ihres Mitkonkurrenten Boualem Sansal und vor allem von Michel Houellebecqs „Unterwerfung“ unterscheidet sich Ihr Buch durch seine Perspektive: Es tritt dem Orient und dem Islam nämlich nicht angstvoll, sondern mit Offenheit und Neugier entgegen. Wie politisch darf man Ihr Buch in diesen Tagen verstehen?

          Lena Bopp

          Redakteurin im Feuilleton.

          Wenn es eine politische Botschaft in „Boussole“ gibt, dann diese: Attention! Man stellt sich die arabische Welt heute meist als einen Hort des Terrorismus und Salafismus vor, von dem man nur Gewalt erwartet. Aber „Boussole“ zeigt genau das Gegenteil, es zeigt, dass der Nahe Osten über große kulturelle Schätze verfügt, über eine enorme Vielfalt, der wir in Europa viel verdanken. In diesem Sinn ist der Roman tatsächlich ein Anti-Houellebecq. Seine Vision des Islams und der Muslime ist ja eine Farce, zum Lachen! Sie ist so karikaturenhaft und idiotisch, dass man sie unmöglich ernst nehmen kann.

          Man kann in Houellebecqs „Unterwerfung“ tatsächlich viel Ironie finden. Allerdings ist diese Dimension nicht stark wahrgenommen worden.

          Ja, und es ist erschreckend, wie sehr man offensichtlich Lust hat, dieses reduzierte, instrumentalisierte Bild des Islams zu sehen. Und wie diesbezüglich auch Houellebecqs Buch eine politische Dimension angedichtet wurde, die es nicht hat.

          Die Hauptfigur von „Boussole“ heißt Franz Ritter, er ist Musikwissenschaftler, Orientliebhaber und Österreicher. Wie ist dieser Charakter entstanden?

          Er ist vor allem Wiener. Das ist wichtig, weil man früher gesagt hat, dass Wien das Tor zum Orient sei. Deswegen habe ich den Roman auch in Wien angesiedelt, die Stadt ist der Ausgangspunkt einer symbolischen Reise, bei der es eben um solche Fragen geht: Was heißt das – Tor zum Orient? Wohin öffnet sich dieses Tor? Und kann man in beide Richtungen hindurchgehen?

          Fürchten Sie, dass sich die Rezeption Ihres Buches angesichts der erstarkten Terrorangst ebenfalls verändert?

          Nein, das glaube ich nicht. Es mag dem ein oder anderen missfallen, dass es von Musik, Literatur und Malerei und von einem Austausch zwischen den europäischen und orientalischen Kulturen handelt. Aber die Leute wissen schon, denke ich, dass sich der globale Dschihadismus zwar beim Islam bedient, aber dass er nicht generell etwas mit dieser Religion zu tun hat oder mit den Menschen, die sie praktizieren.

          Aber die Frage stellt sich ja, was es ist, das den Islam so anfällig für Missbrauch durch radikale Kräfte und Strömungen macht.

          Wenn man generell nach dem Islam fragt, muss man sagen, dass es diesen einen Islam gar nicht gibt. Es gibt mehrere Spielarten: Der indonesische Islam ist etwas anderes als der iranische oder der türkische. Man findet auch hier eine große Vielfalt. Natürlich gibt es globale Strömungen wie den Salafismus, der eine große mediale Aufmerksamkeit erfährt, weil er sehr gewalttätig ist und über viel Geld vor allem von den Saudis und den Golfmonarchien verfügt, die diesen rigorosen, angeblich ursprünglichen Islam zu ihrer Religion gemacht haben. Aber das ist weit entfernt von der Realität der Muslime.

          Haben Sie den Eindruck, dass es in Bezug auf die arabische Welt und ihre Religion an positiven Geschichten mangelt?

          Ja, und das betrifft vor allem die Medien, die dazu tendieren, Dramen in Szene zu setzen. Aber es gibt auch ein gewisses Defizit an arabischen, kurdischen oder etwa iranischen Intellektuellen, die versuchen würden, ein anderes, nuancierteres Bild der muslimischen Welt zu präsentieren. Sie haben nicht genug Macht, um sich Gehör zu verschaffen – eine Ausnahme in Ihrem Land ist vielleicht Navid Kermani. Andererseits muss man sich auch in Europa fragen: Interessiert man sich überhaupt für diese Leute? Ich bin da nicht sicher. Europa ist eben sehr auf sich konzentriert.

          Wenn man allerdings in den vergangenen Wochen auf die französischen Bestsellerlisten schaute, fand man dort mit Ihnen, mit Boualem Sansal, Hédi Kaddour und dem Historiker Paul Veyne, der einen Aufsatz über Palmyra geschrieben hat, gleich mehrere Autoren, die sich mit dem Orient, Nordafrika und dem Islam beschäftigen – ganz so, als hätten die schlechten Nachrichten aus dieser Gegend das Interesse der Leser erst entfacht.

          Ja, das stimmt, die Aktualität hat das Interesse vielleicht wachsen lassen.

          Sie selbst interessieren sich schon lange für den Orient, haben drei Jahre in Damaskus, zwei in Beirut und ein Jahr in Teheran gelebt. Woher rührte Ihre anfängliche Neugier?

          Ich komme aus einem kleinen Ort im Westen Frankreichs, da hat man immer vom Reisen, der Ferne und vom Anderssein geträumt. Was mich am Mittelmeerraum am meisten fasziniert, ist wohl seine Vielfalt, die Durchmischung und die vielen Möglichkeiten der Begegnung, die diese Gegend den Zivilisationen und Traditionen zu allen Zeiten geboten hat. Dazu gehören natürlich auch die Möglichkeiten, diese Begegnungen zu zerstören. Das Mittelmeer war immer ein Ort großer Gewalt.

          In Ihren früheren Romanen, in „Zone“, aber auch in „Erzähl ihnen von Schlachten, Königen und Elefanten“, steht diese Gewalt im Mittelpunkt. Weniger als um gelungene geht es dort um verpasste Gelegenheiten der Begegnung.

          Ja, aber in meinem jüngsten Roman „Boussole“ ist das schon weniger der Fall. Und wichtig ist ohnehin, dass es diese Begegnungen überhaupt gibt. Die Gewalt ist nur ein Teil der Geschichte.

          Sie haben sich in „Boussole“ vor allem den Einflüssen in Musik und Literatur zugewandt. Was hat Sie dazu bewogen?

          Man kennt vom Orientalismus vor allem seine Darstellungen in der Malerei – jeder hat die Bilder von Ingres oder Delacroix im Kopf. Welche Einflüsse der Orient auf die Musik hatte, darüber weiß man wenig. Man kann an diesen Einflüssen aber ganz gut zeigen, was der Orientalismus eigentlich für eine Bewegung war, in wissenschaftlicher Hinsicht, wenn man die Arbeit der Abenteurer und Archäologen betrachtet, die während der Kolonialzeit eine Rolle gespielt haben. Aber eben auch in der Literatur, der Musik und der Philosophie. Die europäische Geschichte verdankt dem, was man als orientalische Renaissance bezeichnen könnte, sehr viel, vor allem während des neunzehnten Jahrhunderts. Man neigt heute dazu, ein wenig zu vergessen, wie versessen Europa darauf war, neue Inspirationsquellen zu finden.

          Man hat Sie oft als einen Brückenbauer bezeichnet, als Vermittler zwischen den beiden Welten. Sehen Sie sich selbst so?

          Es stimmt schon, dass das ein bisschen meine Position ist. Aber ich bin kein Essayist, sondern Schriftsteller. Die Sprache und die ästhetische Anverwandlung des Stoffes stehen an erster Stelle. Auch wenn die aktuellen Ereignisse die Wahrnehmung vielleicht ein wenig verändern. Was mich interessiert, ist, den Lesern durch die Literatur andere kulturelle Elemente an die Hand zu geben, zu denen sie sonst vielleicht keinen Zugang haben und die sie dann weiterverfolgen können. So wie es durch die Jahrhunderte immer geschehen ist.

          Merken Sie, dass die aktuellen Ereignisse Ihre Art zu arbeiten und zu schreiben beeinflussen? Oder versuchen Sie bewusst, sich davon fernzuhalten?

          Das ändert sich von Buch zu Buch. Die „Straße der Diebe“ beispielsweise habe ich fast in Echtzeit geschrieben. Bei dieser Geschichte eines marokkanischen Flüchtlings habe ich die Entwicklungen genau verfolgt, während ich schrieb, das war fast wie eine Übung à l’oulipienne. Und es gibt andere Bücher, die ein bisschen von der Aktualität eingeholt werden, aber nicht aus ihr schöpfen. In „Boussole“ beispielsweise sieht man, wie die äußeren Ereignisse in das Zimmer dieses Musikers einbrechen, aber darum geht es nicht hauptsächlich in diesem Buch.

          Sie haben einmal gesagt, dass es Ihnen schwerfiele, eine Sprache für das heutige, vom Krieg gezeichnete Syrien zu finden. Dabei hat der Krieg in Ihren Büchern immer wieder eine Rolle gespielt.

          Ja, aber ich bin weit weg. Und es fällt mir schwer, mir die Abscheulichkeit der Situation in Syrien vorzustellen – auch wenn das Land medial sehr präsent ist, wirkt es zu irreal.

          Als Sie in Damaskus, Beirut und in Teheran gelebt haben, hatten Sie da eigentlich je ein Heimatgefühl? Haben Sie jemals vergessen, dass Sie ein Fremder sind?

          Man merkt schon, dass man nicht aus seiner Ecke herauskommt. Man bleibt natürlich Franzose, man wird nicht zum Syrer oder zum Libanesen, aber man kann sich trotzdem zu Hause fühlen.

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