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Ein Gespräch mit Javier Marías „Wir müssen vergessen können“

 ·  „Die Gegenwart interessiert mich nicht im naturalistischen Sinn“: Der Schriftsteller Javier Marías über Spaniens Krise, die Perspektive der Frauen und seinen neuen Roman „Die sterblich Verliebten“.

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© dpa „Ich wollte zeigen, dass im Namen der Liebe auch Schandtaten begangen werden“: Javier Marías

Herr Marías, Sie kommentieren regelmäßig die spanische Politik und Kultur. Wie empfinden Sie Ihr Land nach dem Wahlsieg der Konservativen?

Ich vergleiche Ministerpräsident Mariano Rajoy mit einer assyrischen Sphinx. Sie hat, anders als die ägyptische, einen Bart. Rajoy tritt bisher kaum in Erscheinung. Er schickt am liebsten seine Minister vor. Das erinnert mich, ich muss es leider sagen, an Franco. Zudem konzentriert sich durch den Wahlsieg der PP eine enorme Macht in den Händen einer einzigen Partei. Das und die gegenwärtige Krise sorgen bei den Menschen für einen gewissen Fatalismus. Was mich selbst betrifft, ich könnte niemals PP wählen. Was nicht bedeutet, dass ich die Sozialisten so berauschend fände. Im Gegenteil. In der jetzigen Situation sehe ich nur einen einzigen Vorteil: Unsere Lage ist so ernst, dass die Regierungspartei alle Hände damit zu tun haben wird, Haushaltskürzungen zu verabschieden. Es dürfte ihr also für ideologische Eskapaden keine Zeit bleiben.

Angela Merkel kommt in der spanischen Berichterstattung nicht so gut weg. Zeichen für antideutsche Ressentiments?

Eine wirkliche antideutsche Stimmung vermag ich nicht zu erkennen. Doch gut informierte Spanier sind ungehalten über das Bild, das in Deutschland gelegentlich von den Ländern Südeuropas gezeichnet wird. Darin figurieren wir vor allem als fröhliche Faulpelze. (lacht) Das wäre ungefähr so, als würde unser Regierungschef sagen, alle Deutschen seien Quadratköpfe, die nicht zu leben verstünden.

Und die Opfer, die Ihrem Land abverlangt werden? Schrumpfende Wirtschaft, brutale Haushaltskürzungen?

Ich bin kein Spezialist, aber ich kann lesen. Wirtschaftsexperten wie Paul Krugman halten den harten Sparplan, den die Europäische Union uns abverlangt, für die falsche Methode, weil die Wirtschaft nicht wieder in Gang kommt und keine neuen Arbeitsplätze geschaffen werden. Wenn alles schrumpft, kann nichts wachsen. In diesem Sinne gibt es Verschnupftheit: Weil man glaubt, Deutschland diktiere die Bedingungen unserer Haushaltssanierung.

Gerade ist Ihr neuer Roman „Die sterblich Verliebten“ auch auf Deutsch erschienen. Können Sie sich den Bestsellererfolg des Buches in Spanien erklären?

Nein. Denn bei diesem Roman hatte ich meine Zweifel. Wenn ich an das Ende eines Buches komme, lese ich das Geschriebene im Allgemeinen nicht mehr vollständig durch. Diesmal tat ich es, weil mich Einwände einer meiner vier Vertrauenspersonen verunsicherten. Ich sagte mir: Kein Schriftsteller schreibt immer auf demselben Niveau. Selbst Shakespeare hatte seine Höhen und Tiefen. Nach vierzig Jahren schriftstellerischer Karriere weiß ich, dass man nicht selbstbewusster, sondern eher vorsichtiger wird. Am Ende war ich froh, denn der Roman wurde in „El País“ Buch des Jahres und hat sich bisher in 140.000 Exemplaren verkauft.

Nach Abschluss des Romans „Dein Gesicht morgen“, der drei umfangreiche Teile hat, konnten Sie sich überhaupt kein Thema mehr vorstellen.

Meinen Zweifeln lag auch Erschöpfung zugrunde. Zeitweise dachte ich, alles, was danach kommt, sei nur ein Aufguss.

In „Die sterblich Verliebten“ gehört die Erzählstimme erstmals einer Frau.

Das hat mich Kopfzerbrechen gekostet. Seit fünfundzwanzig Jahren schreibe ich aus der Sicht eines männlichen Ich-Erzählers. Anfangs war ich gehemmt, denn eine weibliche Stimme erlaubt nicht dieselben Ironien wie eine männliche. Dann kam ich zu dem Schluss, dass die Frauen meiner Bekanntschaft von den Männern im Prinzip nicht so verschieden sind. Abweichungen sind persönlicher, nicht notwendig geschlechtsspezifischer Art.

Was war der Keim des Buches?

Ich wollte von einer Frau erzählen, die mit einem Mann zusammenlebt, der ihr großes Leid zugefügt hat, was ihr bewusst ist. Das war die ursprüngliche Idee. Dann kam die Wirklichkeit dazwischen. Eine Freundin erzählte mir von einem Paar, das sie jeden Morgen im Frühstückscafé sah, ein offenbar glückliches Paar, die perfekte Ehe, wie es ihr erschien. Dann kam das Paar plötzlich nicht mehr. Kurz darauf erfuhr meine Freundin, dass der Mann auf dem Gehsteig getötet worden war, wie ich es im Roman beschreibe. Das stand vor Jahren in den Madrider Zeitungen, denn der Getötete war der Sohn eines bekannten Unternehmers. Die Fiktion beginnt ANTWORT: aber, wenn meine Erzählerin die Frau des Ermordeten anspricht und mehr über die Sache erfährt, wo sie sich in die Geschichte hineindrängt.

Die weibliche Perspektive bringt auch eine Ahnung körperlicher Bedrohung in den Roman. Die Erzählerin weiß nicht immer, ob sie vor dem Mann, auf dessen Bett sie liegt, sicher ist.

Es war interessant für mich, die Facetten des Beziehungsspiels einmal von der Gegenseite aus zu betrachten. Zum Beispiel: Wie rätselhaft, unbekannt, undeutbar mag ich auf die eine oder andere Partnerin in meinem Leben gewirkt haben? Es ist nicht leicht, sich in der Vergangenheit durch die Augen eines anderen zu sehen. Und den Schaden zu betrachten, den man möglicherweise angerichtet hat.

Wie kam Balzacs Novelle „Oberst Chabert“ dazu? Die Geschichte eines angesehenen Militärs, der nach einer Schlacht für tot gehalten wird und, seinen früheren Verdiensten zum Trotz, keinen Platz mehr in seinem früheren Leben findet?

Dadurch, dass die Frau, Luisa, die ihren Mann auf so grausame Weise verliert, dem Werben eines neuen Mannes nachgibt. Das führte mich zu der Frage, was denn geschieht, wenn Vergangenes wieder aufgewühlt und gleichsam zurückgedreht werden soll? Die Gegenwart hat solche Macht, dass, könnten selbst persönliche Katastrophen ungeschehen gemacht werden, daraus vielleicht eine neue Tragödie entstünde. Das ist der Fall des napoleonischen Oberst Chabert - die Ärzte stellen den Totenschein aus, er kriecht aus einem Massengrab unter zahllosen Toten hervor, will in sein Leben zurückkehren und findet seinen Platz besetzt. Seine Frau hat wieder geheiratet. Oberst Chabert stört. Er gehört in die Vergangenheit, nicht die Gegenwart. Es handelt sich um das uns alle treffende Paradox, dass der Verlust, den wir am stärksten beklagen - der Tod eines geliebten Menschen -, nicht ungeschehen gemacht werden darf, weil dies alle in Verlegenheit brächte.

Eine recht düstere Sicht auf die Dinge.

Ja. Weswegen ich auch nicht damit gerechnet hatte, dass mein Buch Erfolg haben könnte. Die plötzliche Rückkehr eines Verschwundenen oder Totgeglaubten bringt nicht, wie es sentimentale Romane des neunzehnten Jahrhunderts erzählen, Glück und Wiedersehensfreude, sondern kann alle ins Unglück stürzen. Wenn es sich um einen Vater handelt, was geschieht mit dem Erbe, das schon verteilt ist? Wenn es eine frühere Liebe ist, was machen wir mit der neuen? Es bleibt nur eins: Wir müssen vergessen. Wir müssen Ereignisse, aber auch Menschen hinter uns lassen.

Der Roman wirft auch einen desillusionierten Blick auf die Liebe. Das ist eines ihrer Zentralthemen mindestens seit dem Roman „Der Gefühlsmensch“ von 1986.

Ich wollte zeigen, dass im Namen der Liebe auch Schandtaten begangen werden. Man sagt gern, das Verliebtsein mache uns besser, erfülle uns mit Großzügigkeit und altruistischen Gefühlen. Mag sein. Doch ebenso sicher ist, dass es einen Menschen zu allen möglichen Gemeinheiten treiben kann. Es ist interessant, wie fest wir daran glauben, Verliebte seien irgendwie „füreinander bestimmt“ gewesen. Tatsächlich gleicht das Ganze eher einer Tombola: Wer ist verfügbar, wo, zu welchem Zeitpunkt? Vielleicht waren wir nur zweite Wahl, werden es aber nie erfahren. Dieses arbiträre Moment verträgt sich nicht mit den hehren Motiven, die wir der Liebe und dem Verliebtsein zuschreiben.

Diese Theorien sind zeitlos. Überhaupt fällt auf, dass sich die Welt Ihrer Romane zeitlich schwer zuordnen lässt, wenn man von technischen Neuerungen wie Mobiltelefonen absieht. Sie benutzen noch immer keinen Computer, schreiben keine E-Mail, surfen nicht im Internet?

Ich schreibe nach wie vor auf meiner Schreibmaschine. Wenn man gute Bücher und Nachschlagewerke hat, kann einem wenig passieren. Die Gegenwart interessiert mich nicht im naturalistischen Sinn, weil ich glaube, dass sich die wesentlichen Konflikte gleich bleiben. Oder erinnern Sie sich an den großen Telefonroman? Den großen Fernsehroman? Warum sollten wir annehmen, dass über das Internet große Romane geschrieben werden?

Das Gespräch führte Paul Ingendaay.

Quelle: F.A.Z.
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