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Veröffentlicht: 07.08.2017, 21:27 Uhr

Keyserlings ewige Modernität Keine Entwicklung für Prinzessinnen

Porträt seiner Klasse im Niedergang: Eduard von Keyserlings letzter Roman „Fürstinnen“ erschien vor hundert Jahren, doch wie die Neuausgabe zeigt, hat er uns immer noch viel zu sagen.

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© Picture-Alliance Und sie entwickeln sich doch: die britische Prinzessin Charlotte mit Mutter Catherine bei der Hochzeit ihrer Tante Pippa

Die „Fürstinnen“ sind die verwitwete Adelheid von Neustatt-Birkenstein und ihre Töchter, die drei Prinzessinnen Roxane, Eleonore und Marie. Sie haben sich nach dem frühen Tod des lebenslustigen Fürsten aufs Land zurückgezogen, auf die Herrschaft Gutheiden „im Osten des Reiches“. Die Hauptbeschäftigung der Frauen liegt, umgeben von einer – gemessen an den Ansprüchen bei Hofe – bescheidenen Entourage, im Ausfüllen beschäftigungsloser Tage. Der Ablauf ist genau reglementiert, von Déjeuner bis Diner. Einziges Ziel der Fürstin muss die Einheirat der Töchter in ein ebenbürtiges Geschlecht sein. Das gelingt ihr auch bei den zwei älteren: Roxane wird nach St. Petersburg vermittelt und Eleonore an einen anderen angemessenen Bewerber. Nach dem Glück der jungen Frauen fragt erwartungsgemäß niemand.

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Die „Fürstinnen“ erschienen zuerst 1917, im Jahr vor Eduard von Keyserlings Tod, noch im großen Krieg, und mit einer erstaunlich hohen Startauflage von 6300 Exemplaren, wie Jens-Malte Fischer in seinem ebenso klugen wie diskreten Nachwort zur Neuausgabe erwähnt. Keyserling, einem baltischen Adelsgeschlecht entstammend, lebte damals schon länger mit zwei seiner Schwestern in München in der Ainmillerstraße; ihnen diktierte er seine Texte. Über die Hintergründe seiner Jugend ist nur wenig bekannt. Er war, so viel weiß man, schon früher an Syphilis erkrankt und inzwischen erblindet. Nur noch seine Imagination leitete ihn, und diese Vorstellungskraft trieb eine späte Blüte. Was er 1915, als er die „Fürstinnen“ schrieb, synästhetisch evoziert an freier und domestizierter Natur in und mit jedem Sinn – gemeinhin impressionistisch oder symbolistisch genannt –, ist von hoher literarischer Delikatesse.

Die jüngste Tochter Marie, von kränklicher Konstitution, aber lebens- und liebeshungrig, wird zur Hauptfigur neben ihrer schönen Mutter, die wohl noch in ihren Dreißigern ist, aber unfähig, die ihr auferlegten Zwänge abzustreifen. Wenngleich es ihren Berater, den unverheirateten Grafen Donalt von Streith, gibt, der den höfischen Dienst Anfang seiner Vierziger aufgegeben hat, um sich eine ländliche Idylle nahe Gutheiden aufzubauen. Adelheid kann nicht aus ihrer sehnsüchtigen Haut im Standeskorsett. Sie kann nur hilflos zusehen, wie unstandesgemäße Personen und Verhältnisse in diese gefährdete Welt im Niedergang eindringen. Marie unternimmt noch beinah kindliche Fluchtversuche, als ihre älteren Schwestern aus dem Haus sind. Sie vertut sich in ihrer Zuneigung für den leichtlebigen gräflichen Nachbarsjungen Felix von Dühnen und wird von ihm bald bitter enttäuscht.

Es gibt nur Verliererinnen

Keyserlings letzter Roman ist das Zeugnis einer tiefen Resignation. Seine Hellsicht brilliert in den atmosphärischen Schilderungen der immergleichen öden Vergnügungen, ohne denunziatorisch zu sein, und blitzt auf in den Dialogen seiner Personen. So wenn Marie, noch erhitzt von einem verbotenen Treffen mit Felix, hofft, in ihrer zunächst anscheinend ausbruchswilligen Freundin Hilda von Üchtlitz eine Verbündete zu finden. „Sie sind so lebensvoll und angeregt“, stellt Hilda fest. „,Wirklich?‘, fragte Marie. ,Vielleicht habe ich mich entwickelt?‘ Hilda zuckte leicht mit den Schultern: ,Ach nein, Prinzessinnen entwickeln sich nicht.‘ Das kränkte Marie, sie wurde ganz rot: ,Warum sollen wir uns nicht entwickeln? Natürlich, Krankenpflegerin oder Postfräulein will ich nicht werden, deshalb kann ich mich doch entwickeln.‘“

Doch wie dieses Entwickeln schaffen, wenn eine Prinzessin, gemäß dem Gesetz ihrer Kaste, gar nicht erst etwas lernen darf? Keyserling ist da nicht sarkastisch, er beschreibt die Lage als meisterhafter Chronist, der er ist. Es gibt nur Verlierer – vor allem Verliererinnen. Zu ihnen gehört auch das begabte, anziehende Mädchen Britta, Tochter der wegen einer Affäre geschiedenen Frau von Syrman. Britta muss mit ihrer Mutter buchstäblich am Rand der Gesellschaft hausen, abseits denkbarer Entfaltungsmöglichkeiten in der Stadt, an der Grenze zu den Wäldern des Grafen von Streith.

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