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Eckhard Henscheid zum Siebzigsten : Amberg und Frankfurt, Welt und Ewigkeit

  • Aktualisiert am

Eckard Henscheid, der satirisch begann, wurde zum Epiker Bild: picture-alliance / dpa

Eckard Henscheids unverwechselbares Werk steht mit seinen absurden Prosawirbeln in großer literarischer Tradition. Heute wird er siebzig.

          Jungen ungeduldigen Autoren wird von Kennern des Buchmarktes stets dringend davon abgeraten, ihr erstes Werk im Selbstverlag herauszubringen, obwohl es nicht die wirkungslosesten Schriftsteller waren, die den Druck ihres Erstlings selbst in die Hand nahmen, wie das Beispiel von Rimbaud und Marcel Proust beweist. Auch Eckhard Henscheids Riesenerfolg, der Roman „Die Vollidioten“, trat als höchst exquisite Subskriptionsausgabe ans Licht der lesenden Öffentlichkeit, überaus ungewöhnlich in einer Zeit, die dem Elitären so misstrauisch gegenüberstand wie die Jahre nach 1968. Der Zirkel der Eingeweihten wusste, dass „Die Vollidioten“ ein Schlüsselroman aus dem Milieu der leicht promiskuitiven, alkoholseligen, arbeitsscheuen Wohngemeinschaftswelt sei: wer die nicht gekannt habe, dem seien die feinsten Genüsse des Werks verschlossen.

          Dabei waren die Ahnungslosen bei der Lektüre des Romans von Anfang an im Vorteil, denn ihnen erschloss sich viel deutlicher, von Spezialinformationen unabgelenkt, was die eigentlichen Qualitäten des Henscheidschen Erzählens ausmachte. „Vollidioten“ war ein Begriff von irreführender Rohheit für das eigentümlich verträumte Personal, das in einer für diese Jahre verblüffenden Politikabgewandtheit in einem Limbus absurditätsgetränkter Zeitlosigkeit herumruderte. Hier klang in einem irrealen Minimalismus bereits an, was sich in den folgenden großen Romanen „Geht in Ordnung - sowieso - - genau - - -“, „Die Mätresse des Bischofs“, „Dolce Madonna bionda“ und „Maria Schnee“ zu sich immer mehr entfaltender ausufernder Pracht und Fülle steigern sollte. Schon im zweiten Roman wurde der Schauplatz Frankfurt verlassen - er war ohnehin kaum erkennbar gewesen - und „Dichters Land“ aufgesucht, die Oberpfalz mit dem ummauerten Städtchen Amberg, das zwischen Böhmen und Altbaiern gelegen Provinz in des Begriffs schönster Bedeutung ist: societas perfecta, in der die Selbstgenügsamkeit die Lebensform aufs dichteste komprimiert und ihr zu einem größeren spezifischen Gewicht verhilft.

          Anrührende Schüchternheit im Anblick der Schönheit

          In der Groteske der vertrackt und ausweglos labyrinthischen Gespräche der vom Kleinstadtzauber paralysierten Protagonisten, in ihren fruchtlosen Unternehmungen und kreisförmigen Wanderungen erfüllt sich eine Romanform, die der von Henscheid geschätzte Heimito von Doderer in seinen poetologischen Essays „roman muet“ genannt hat. Auch eine zweite Forderung Doderers, von der man zweifeln mag, ob er selbst sie je verwirklicht habe, ist von Henscheid realisiert worden, nämlich das „Erzähltempo null“. Wie man es anstellt, mit groß orchestrierter Sprache und nie versiegender Komik erzählend nicht von der Stelle zu kommen, während die Atmosphäre schneidend von Plänen, Intrigen und immer aufs neue verhinderten Auflösungen ist, das kann man nicht beschreiben, das muss man lesen, am besten in der magistralen von Zweitausendeins veranstalteten vielbändigen Werkausgabe.

          Im Rückblick auf diese Romane ist es gewiss auch an der Zeit, sie der literarischen Tradition zuzuordnen, der sie so offensichtlich entstammen: dem „Shandyism“; Goethe hat den Terminus, der sich auf Laurence Sternes „Tristram Shandy“ bezieht, definiert als „die Unmöglichkeit, über einen ernsten Gegenstand zwei Minuten zu denken“. Liest man Goethes weitere Aphorismen zu Sterne, wird Henscheids Herkunft aus dem Shandyism immer offensichtlicher: „Eine freie Seele wie die seine kommt in Gefahr, frech zu werden . . . durch beständigen Konflikt unterschied er das Wahre vom Falschen, hielt am ersten fest und verhielt sich gegen das andere rücksichtslos . . . Er fühlte einen entschiedenen Hass gegen Ernst, weil er didaktisch und dogmatisch ist und gar leicht pedantisch wird.“

          Nun hat der Shandyism auf seinem Weg nach Deutschland aber eine Entwicklung genommen, die für seinen Stifter wahrhaft unvorhersehbar war, indem er sich in der Gestalt Jean Pauls mit der Romantik amalgamierte. Hier erst rundet sich die Tradition ab, in der Henscheid steht. Der Geist der Satire, der Sinnverweigerung, des absurden Spiels öffnet sich immer wieder zu überwältigenden Augenblicken reiner Poesie, zu Eichendorffschem Stimmungszauber, zum Rauschen der Quellen und zum Gesang der Nachtigallen, und diese Augenblicke ereignen sich gleichsam unbeabsichtigt, sie überfallen den Erzähler und seine gegen jeden Ernst immunisierten Figuren; hier offenbart sich beinahe unfreiwillig eine anrührende Schüchternheit im Anblick der Schönheit, die dem Henscheidschen Werk erst seinen unverwechselbaren Charakter verleiht. Eckhard Henscheid wird am 14. September siebzig Jahre alt.

          Martin Mosebach

          Quelle: F.A.Z.

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