Vom Leben zum Tod waren es kaum hundert Kilometer. So dicht liegen Frankfurt an der Oder, wo Kleist 1777 geboren wurde, und das Ufer des Kleinen Wannsees, wo er sich 1811 das Leben nahm, beisammen: ein Kleistscher Katzensprung. Wenn man die Umwege einkalkuliert, kommt man allerdings auf eine ganze andere Zahl. Die Strecke, die Kleist, der rastlose Nomade ohne Hausstand und Familie, im Laufe seines Lebens zurückgelegt hat, beläuft sich jüngsten Berechnungen zufolge auf fast drei Viertel des Erdumfangs: 27.799 Kilometer. Auch das: ein Kleistscher Katzensprung.
Die Berechnung stammt von Schülern, die zur „Kleist-WG“ gehören, einem der zahllosen Projekte, mit denen das „Kleist-Jahr 2011“ begangen wird. Müsste der Dichter an allen Veranstaltungen im Jubiläumsjahr persönlich teilnehmen, er hätte kaum weniger Termine als ein amerikanischer Präsidentschaftskandidat im Wahlkampf. Es ist, als würde sich einer, der in seinem Leben nie eine feste Anstellung anstrebte, doch noch um ein Amt bewerben, aber um eines, das über die Lebenszeit hinaus verliehen wird. Ist Kleist, von den Verehrern Goethes und Schillers immer scheel angesehen, der bucklige Verwandte aus Brandenburg eben, etwa noch immer kein Klassiker?
Die Kleist-WG als Rückzugsort
Kanonisierungsabsichten gehören zum Gründungsinventar von Dichtergesellschaften. Die Kleist-Gesellschaft, gerade einmal vierhundert Mitglieder stark, während die Goethe- und Schiller-Gesellschaften es auf drei- bis viertausend bringen, startet denn auch eine Großoffensive: Ihr Präsident, der Kölner Germanist Günter Blamberger, hat eine Kleist-Biographie vorgelegt, übrigens die vierte, die seit 2007 erschienen ist, er kuratiert die große Doppelausstellung „Kleist: Krise und Experiment“ in Berlin und Frankfurt/Oder und lud zur Tagung „Adel und Autorschaft“, einem von etwa fünfzehn Kleist-Symposien, die in diesem Jahr zwischen Berlin, Exeter, Valencia und Krakau stattfinden werden.
An Konkurrenz herrscht kein Mangel: In Kürze wird in der Heidelberger Heiliggeistkirche die Ausstellung der Kleist-Herausgeber Roland Reuß und Peter Staengle eröffnet, in der Frankfurter Marienkirche, wo Kleist getauft wurde, warten Kleistiana von 34 zeitgenössischen Künstlern auf Besucher, und der Hörspielmacher Paul Plamper bereitet zurzeit sein „akustisches Kleist-Denkmal“ vor, eine Toncollage, die Kleist-Pilger über einen Parcours am Kleinen Wannsee bis zum Dichtergrab führt. Dass an dessen jammernswert verwahrlostem Zustand nicht einmal das Jubiläumsjahr bislang etwas hat ändern können, wirft tatsächlich die Statusfrage auf.
Bleibt noch die Kleist-WG als Rückzugsort. Das Kunstprojekt für einen Dichter ohne festen Wohnsitz hat an der Stelle, wo einmal Kleists Geburtshaus stand, die leerstehende Etage einer Mietskaserne aus den fünfziger Jahren in eine lebendige Kleist-Wohnstatt verwandelt. Aus der Begegnung mit einem Dichter und seinen Werken sind in oft wochenlanger Beschäftigung Kunstwerke und Rauminstallationen entstanden. Schüler und Studenten aus der Region haben etwa zwanzig Traum-, Rückzugs- und Arbeitszimmer für den Dichter geschaffen. Fünfhundert Quadratmeter stehen dafür bereit, ein Luxus, den der „arme Kauz aus Brandenburg“ sich zu Lebzeiten nie hätte leisten können.
Der Brief und die Bombe
Kleists leere Geldkatze liegt ein paar hundert Meter weit entfernt in einer Vitrine im Kleist-Museum, in einem der fünf Räume, die dem Frankfurter Teil der Doppelausstellung „Krise und Experiment“ gewidmet“ sind. Hier geht es um das Bild, das sich die Nachwelt von dem Äußeren des Mannes machte, von dessen überlieferten Porträts allein die Friedel-Miniatur von 1801 als authentisch gilt, es geht um das enge Verhältnis zur Halbschwester Ulrike, um Kleist als emsigen „Netzwerker“, der Freundschaften und Kontake in adligen wie in bürgerlichen Kreisen pflegte, und eben um die stets leere Casse des Dichters, der offenbar gern standesgemäß auf Reisen ging: Allein die ominöse Tour nach Würzburg soll fünfhundert Reichstaler verschlungen haben, das Vielfache des Jahresgehalts eines Rektors.
Kleists Reisen kosteten aber nicht nur viel Geld, sondern auch viel Zeit. Legt man für die erwähnten 27.799 Kilometer eine durchschnittliche Reisegeschwindigkeit von zehn Stundenkilometern zugrunde, dann dürfte Kleist fast ein ganzes Jahr seines Lebens in der Postkutsche zugebracht haben, also etwa ein Zehntel seiner produktiven Zeit. Vom Schreiben hat er sich dabei nicht abhalten lassen: „trotz des Mangels an allen Schreibmaterialien, trotz des unausstehlichen Rüttelns des Postwagens, trotz des noch unausstehlicheren Geschwätzes der Passagiere, das mich übrigens so wenig in meinem Concept störte, als die Bombe in Stralsund Carln den Zwölften in dem seinigen“.
Es ist schon seltsam, wenn einer im Jahr 1800 das Abfassen von Briefen und das Zünden einer Bombe im selben Atemzug nennt und sich dabei ausgerechnet auf den kriegslüsternen Schwedenkönig Carl XII. beruft, unter dem das Land seine Großmachtstellung verspielte und der schließlich wie Kleist mit einer Gewehrkugel im Kopf starb. Und als wäre dies noch nicht seltsam genug, lässt Kleist zehn Jahre nach dem zitierten Schreiben an die damalige Verlobte Wilhelmine von Zenge den Brief und die Bombe, das Dichterische und das Kriegerische, eine ganz neue und innige Verbindung eingehen.
Für ihn kam Preußens Aufbruch zu spät
In den „Berliner Abendblättern“, seiner kurzlebigen Publikation, die Polizeibericht und moralische Erziehung, Boulevard und politischen Journalismus miteinander vermengte, bis Minister Hardenberg der Sache per Verbot ein Ende bereitete, stellte Kleist auch seinen Entwurf einer „Wurf- oder Bombenpost“ vor. Die Geschosse sollten statt mit Pulver mit „Briefen und Paketen“ angefüllt und dann mit Mörsern und Haubitzen weiterbefördert werden, und zwar „dergestalt, daß die Kugel, auf jeder Station zuvörderst eröffnet, die respektiven Briefe für jeden Ort herausgenommen, die neuen hineingelegt, das ganze wieder verschlossen, in einem neuen Mörser geladen, und zur nächsten Station weiter spediert werden könnte“. Es wurde ebenso wenig aus den Briefgranaten wie aus Kleists Plänen für ein U-Boot oder seiner Idee, mit „Maschinen ein Loch durch die Erde bis zu den Gegenfüßlern“ zu graben.
Günter Blamberger präsentiert solche Funde in der Doppelausstellung nicht als Kuriositäten, sondern nimmt sie als Beleg für Kleists „Projektemacherei“, die Teil der ständig wechselnden Lebensentwürfe des „hysterischen Junkers“ (Thomas Mann) waren. Blamberger plädiert nicht nur mit guten Gründen dafür, Kleists adliger Herkunft und den damit verbundenen Idealen und Ehrbegriffen im Werkzusammenhang mehr Gewicht zu geben, sondern er begreift die prekäre Existenz des Dichters auch als Folge der „permanenten Krisenerfahrung“, der Kleist und seine Generationsgenossen ausgesetzt waren. Alle acht Novellen Kleists setzen mit einer Katastrophe ein. Die Folgen der Krisenerfahrung aber, Unsicherheit, Verstörung und der Verlust allen Vertrauens, werden in den Dramen verhandelt.
Vielleicht wäre Kleists Leben anders verlaufen, wenn die Bewegung, die nach der Niederlage Preußens bei Jena/Auerstedt endlich in den „Wartesaal“ Deutschland kam, früher erfolgt wäre. Für ihn kam Preußens Aufbruch zu spät.
Stapel von Zeitungspapier und ein paar Berlin-Veduten
Adelsspross, Offizier, Student, Gelehrter, Wissenschaftsvermittler, Projektemacher, Bauer, Beamter, Redakteur und Dichter - all das war Kleist oder wollte es zumindest einmal werden. Aus dem ungeliebten Militärdienst tritt er 1799 aus, das Studium bricht er nach drei Semestern ab, die Absicht, die „neueste Philosophie“ nach Frankreich, in „dieses neugierige Land“, zu verpflanzen, bleibt so folgenlos wie der Wunsch, sich ein Gut in der Schweiz zu kaufen und als Landmann zu leben. Mal will er schnellstens heiraten und schreckt auch vor einer kleinen Erpressung der Verlobten nicht zurück - „ich fühle, daß es mir nothwendig ist, so rasch wie möglich ein Weib zu haben“ -, dann wieder schwört er den Frauen ab und wirbt inbrünstig um den Freund Ernst von Pfuel: „Ich heirathe niemals, sei du die Frau mir, die Kinder, und die Enkel!“ Pfuel schlug das wohl auch erotisch gemeinte Angebot, mit Kleist von dessen Gehalt als kleiner Beamter in Ansbach zu leben, aus, heiratete lieber eine Frau, zeugte sechs Kinder, verließ die Gattin nach 22 Jahren für eine andere und wurde 1848 Preußens Ministerpräsident. Den Brief des Freundes hat er zeitlebens aufbewahrt.
Von Schiller haben wir Locken und Socken die Fülle, von Kleist fast nur Briefe und Manuskripte. Aber auch hier ist das meiste nicht verfügbar, denn die früheren Berliner Bestände liegen seit Kriegsende in der Krakauer Jagiellonen-Bibliothek und werden der strittigen Eigentumsfrage wegen nicht ausgeliehen. Der Not dieses Mangels an Objekten wollten die Ausstellungsmacher mit der Tugend der szenographischen Inszenierung begegnen. Das geht oft gut, aber nicht immer: Ein schlichtes Säbel-Mikado soll die Jahre beim Militär, eine hässliche Aktenstellage die Königsberger Zeit als Beamtenanwärter illustrieren. Der Tiefpunkt ist der Raum zu den „Berliner Abendblättern“: Stapel von Zeitungspapier und ein paar Berlin-Veduten. Und natürlich hat auch die leere Geldkatze nie Heinrich von Kleist gehört. Darf man sie trotzdem zeigen? Ja, denn sie erinnert daran, dass Kleists letzter Katzensprung mit gänzlich leerem Geldbeutel erfolgte. Am Tag seines Selbstmordes bat er den Freund Penguillhin in einem Brief, für die Bestattung zu sorgen. Die Kosten werde seine Schwester Ulrike erstatten.
Kleists Leben würde man vielleicht besser verstehen,
Wolfgang Wurtz (wolwul)
- 02.06.2011, 18:48 Uhr