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Die Vampir-Saga geht weiter : Blutdurst kann man nicht beherrschen

Vampire sind die bevorzugten Küss-Partner der Filmgeschichte: Bella (Kristen Stewart) und Edward (Robert Pattinson) in einer Szene von „Biss zum Morgengrauen” Bild: dpa

Wo bleibt der freie Wille für Vampire? Die neue Folge des Erfolgszyklusses „Twilight“ von Stephenie Meyer fällt aus dem Rahmen, weil sie die Blutsauger zur Beherrschung aufruft. Aber das hilft auch nicht immer.

          Stephenie Meyer liebt das Spiel mit der Perspektive: Ihre als Buch wie Film märchenhaft erfolgreiche „Twilight“-Tetralogie um das Mädchen Bella Swan, das sich in den Vampir Edward Cullen verliebt, wird zwar meistens aus Bellas Sicht erzählt, gelegentlich kommt aber auch Edwards Nebenbuhler zu Wort, der Werwolf Jacob. Und vor allem Edward selbst - Meyer veröffentlichte zusätzlich zum ersten Roman einen Text, der die Begegnung des Paars aus der Perspektive des verliebten Vampirs schildert.

          Keines dieser Seitenstücke ist wirklich überraschend, alles bewegt sich in den vertrauten Bahnen einer Romanwelt, die das Monströse schildert, um es letztlich zu domestizieren: Wenn die Vampire, die unter uns leben, nur Tierblut zu sich nehmen, kann man getrost mit ihnen kuscheln, und auch die abgeschieden hausenden Werwölfe tun niemandem etwas, der sich an die Regeln hält.

          Die kurze Geschichte der Bree Tanner

          Nun ist seit Samstag ein weiteres Seitenstück der Serie im Handel, das von diesem Einerlei abzuweichen verspricht: Im 2008 erschienenen dritten „Twilight“-Roman „Biss zum Abendrot“ bekamen es Bella, Edward und seine Sippe mit der bösen Vampirin Victoria zu tun, die sich zur Unterstützung eine zwanzigköpfige Vampirschar erschaffen hatte. Eine von ihnen, das junge Mädchen Bree Tanner, ergibt sich, während die übrigen Untoten ein weiteres Mal sterben. Doch als der italienische Volturi-Vampirclan auf dem Schlachtfeld erscheint, muss auch Bree ihr neues Leben lassen - zehn Seiten, nachdem sie das erste Mal in Erscheinung getreten war.

          Freier Wille oder Blutrausch? Die amerikanische Schriftstellerin Stephenie Meyer hat ein Problem
          Freier Wille oder Blutrausch? Die amerikanische Schriftstellerin Stephenie Meyer hat ein Problem : Bild: dpa

          „Biss zum ersten Sonnenstrahl“ erzählt nun aus Brees Sicht auf knapp 200 Seiten von ihren letzten Tagen als Vampirin. Diese Innenperspektive verspricht ein Buch nicht ohne Reiz: Wie fühlt sich der Blutdurst an, wie die Jagd? Wie steht es um die Erinnerung an das frühere, vorvampireske Dasein? Vor allem aber ist aus den übrigen Büchern Meyers bekannt, dass in ihrer Welt die erste Zeit eines durch einen beherzten Biss neugeschaffenen Vampirs im Wesentlichen durch Blutdurst und alles überwältigende Instinkte geprägt ist. Jungvampire, haben wir gelernt, können gar nicht anders. Und da Bree Tanner, auch das ergibt sich aus den Bänden der Saga, gerade mal ein etwa drei Monate langes zweites Leben vergönnt ist, dürfte sie aus diesem Stadium gar nicht heraus reifen.

          Nicht jeder kann ein enthaltsamer Vampir werden

          Dies aber widerspricht einem Credo Meyers, das sie ihren Romanen von Anfang an in zahllosen Interviews mitgegeben und ihrem Publikum eingehämmert hat - ein Credo, das auch die Rezeption der Bücher wesentlich bestimmt hat: Niemand, sagt Meyer, ist zu seinem Schicksal verdammt, man kann sich immer entscheiden, weil selbst blutsaugende Monster den freien Willen haben, dieses Dasein zu bejahen oder abzulehnen. Siehe die Cullens, allen voran der smarte Edward.

          Ihnen unterwirft sich im Roman von 2008 jene Bree Tanner - gegen das Versprechen der Cullens, dass ihr nichts geschieht. Wenig später, beim Auftritt der Volturi, nützt ihr das nichts. Sie hat also offensichtlich keine Wahl, das Dasein als enthaltsamer Vampir steht wenigstens ihr nicht offen. Und die in „Biss zum Abendrot“ ungelöste Frage ist: weil sie nicht kann oder weil sie nicht darf? Sind ihre Instinkte schuld oder die Volturi?

          Macht doch mal Jagd auf den Abschaum

          Bree und ihre Mitvampire sollen, erfahren wir nun in „Biss zum ersten Sonnenstrahl“, zur besseren Tarnung und also aus Selbstschutz Jagd auf den sogenannten „Abschaum“ machen: „Die Menschen nehmen, nach denen niemand suchen würde, diejenigen, die nicht auf dem Weg nach Hause zu einer wartenden Familie waren, diejenigen, die man nicht als vermisst melden würde.“

          Bree macht da zwar mit, sie kann auch gar nicht anders vor lauter Durst, steht dabei aber immer am Rand. Sie ist nicht nur die Jüngste, sondern auch eine der Schlauesten, und als sie dann noch den netten Diego kennenlernt, kommt sie ins Grübeln über all das, was sie von Vampiren zu wissen glaubt: Wenn das mit den Särgen und Pfählen und der für Vampire verheerenden Sonne nicht stimmt, wie sie mit Diego teils durch Nachdenken, teils durch Experimente herausfindet, wie steht es dann mit allem anderen, was offenbar das Blutsaugerdasein ausmacht? Allem voran das Blutsaugen selbst?

          Bree will nicht kämpfen, weil Diego tot ist

          Aus dem gemeinsamen Nachdenken erwächst Mitgefühl, zum ersten Kuss kommt es auf Seite 71, aber weil Diego unklugerweise dem Unteranführer Riley vertraut, verschwindet er bald von der Bildfläche, und Bree ist wieder auf sich gestellt. Immerhin hofft sie, Diego auf dem Schlachtfeld wiederzusehen, wenn es gegen die Cullens geht. Das hatte ihr Riley versprochen, und Bree klammert sich an diese Worte.

          Aber es sind nicht nur Rileys Beteuerungen, die sie antreiben, sondern vor allem das Versprechen, das ein Bella entwendetes Kleidungsstück für eine Horde durstiger Vampire darstellt: „Obwohl ich wusste, dass Rileys Geschichte eine Menge Lügen enthielt, reagierte ich wie alle anderen auf den Geruch.“ Und: „Ich hatte nicht das Gefühl, eine Wahl zu haben.“

          Die bittere Pointe des Romans

          Das hat die Autorin ersichtlich auch nicht: Sie muss ihrer Figur das Ende bescheren, das sie ihr zwei Jahre zuvor im dritten Band ihrer Serie eben beschert hat. Immerhin fügt sie den Motiven, die Bree bei ihrem letzten Auftritt antreiben oder lähmen, mit der Erkenntnis, dass Diego tot ist, ein weiteres hinzu: „Ich will nicht kämpfen“, sagt Bree, weil Diego nicht mehr auf sie wartet.

          Auch Edwards weiser Adoptivvater Carlisle kann nicht viel bewirken, wenn er die nach Bellas Blut lechzende Bree ermahnt: „Du musst dich in Beherrschung üben. Es geht, und es ist das Einzige, was dich retten kann.“ Dass angesichts der Volturi freilich alle Beherrschung nichts hilft, ist die bittere Pointe des Romans. Und relativiert Meyers Credo vom freien Willen dann doch erheblich.

          Quelle: F.A.Z.

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