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Asli Erdogan im Interview : Frauen halfen mir zu überleben

Konnten Sie im Gefängnis die Nachrichten verfolgen?

Es gab in unserer Abteilung einen Fernseher, den die Frauen selbst gekauft hatten. Und ich konnte Zeitungen kaufen.

Jede Zeitung?

Jede, die legal ist. Es gab sogar eine kurdische Zeitung. Wegen einer kurdischen Zeitung wurde ich hinter Gitter gebracht, und dann kann ich dort eine solche kaufen. Ich hätte heulen können, als ich das sah.

Asli Erdogan mit ihrer Mutter Mine (links) nach der Entlassung aus der Haft.
Asli Erdogan mit ihrer Mutter Mine (links) nach der Entlassung aus der Haft. : Bild: AFP

Was war der schlimmste Moment?

Die ersten fünf Tage waren sehr schlimm. Ich war in einer sehr schmutzigen Zelle und bekam 24 Stunden lang kein Trinkwasser. Ich flehte den Wachmann an, mir Wasser zu bringen. Aber er zeigte nur auf den Wasserhahn. Um Wasser zu betteln und Ablehnung zu erfahren – tiefer konnte ich nicht sinken.

Sie leiden unter chronischen Krankheiten. Hatten Sie die Möglichkeit, einen Arzt zu sehen?

Ich wurde einige Male in diesem schrecklichen Gefängnistransporter und in Handschellen in ein Krankenhaus gebracht. Aber ich sah dort nie einen Arzt. Irgendwann habe ich gesagt, dass es mir reicht und dass ich diese Fahrten nicht mehr mitmachen werde. Sie waren schlimmer als Krankheit.

Konnten Sie im Gefängnis schreiben?

So gut wie nicht. Ich war nicht in der Lage, mich zu konzentrieren. Es gibt im Gefängnis keine Privatsphäre, keine Farben und keine Musik. Es gibt nichts Schönes. Man möchte dort keine Literatur verfassen. Auch Bäume oder Pflanzen gibt es nicht.

Was macht man an einem solchen Ort, um nicht die Hoffnung zu verlieren?

Die Frauen haben heimlich Pflanzensamen gezogen. Da es im Gefängnis auch keine Erde gibt, stellten sie diese aus Teeblättern und Eierschalen her. So brachten sie einen Samen zum Keimen und es wurde ein zartes Pflänzchen daraus. Ich übertreibe nicht, wenn ich sage, dass die Pflanze der kleine Prinz unserer Abteilung war. Sie wurde jeden Tag in den Hof getragen, damit sie frische Luft bekommt und Regenwasser kosten kann. Bei den Zellendurchsuchungen, die alle zwei Wochen stattfanden, wurde sie immer sorgfältig versteckt. Doch bei der zweiten oder dritten Durchsuchung entdeckten die Wärter die Pflanze und nahmen sie mit. Das war eine sehr bittere Szene. Die Frauen weinten. Auch ich habe geweint. Danach begann alles wieder von vorn, denn die Frauen zogen eine neue Pflanze heran. Die Pflanze war ein sehr wichtiges Symbol des Lebens für sie. Auch für mich. Wir alle sehnten uns danach, ein Blatt zu berühren.

Wie sah Ihr Gefängnisalltag aus?

Jeden Morgen um acht gab es eine harsche Lautsprecherdurchsage: „Aufstehen, Frauen!“ Das wurde wiederholt und wiederholt. Natürlich möchte keine Frau dieser Welt so geweckt werden. In unserer Abteilung gab es deshalb immer eine Frau, die immer schon um sieben Uhr aufstand, den Frühstückstisch deckte und frischen Tee zubereitete. Um kurz vor acht, also kurz bevor die Gefängnisdurchsage kam, rief sie immer auf Kurdisch: „Freunde, der Tee ist fertig“ und weckte uns damit. So vermieden wir es, durch den Lautsprecher aus dem Schlaf gerissen zu werden. Trotzdem ist einem das Herz sehr schwer, wenn man im Gefängnis aufwacht. Wir tranken unseren Tee, danach machten die Wärter ihre Runde, was ebenfalls immer grässlich war. Danach, um 9.30Uhr, setzten die politischen Gefangenen sich zusammen, um gemeinsam zu lesen und über Politik und Philosophie zu diskutieren. Diese zweieinhalb Stunden waren für mich immer Momente der Stille. Um 12 Uhr gab es Mittagessen, um 14 Uhr war eine Stunde Ruhezeit, um 16 Uhr gab es abermals Tee, und um 17 Uhr durften wir das letzte Mal raus, um in dem winzigen Hof einen Spaziergang zu machen. Um 17.30 Uhr wurde der Hof geschlossen. Dann begann die Nacht. Jede Nacht im Gefängnis ist sehr lang. Ich schaute meistens noch fern oder las. Um Mitternacht gingen dann alle ins Bett. Es ist also alles sehr durchorganisiert. Ich selbst bin ja ein sehr undisziplinierter Mensch. Im Gefängnis begann ich, regelmäßig zu essen und Schlaf zu suchen. Aber ich hatte jede Nacht Albträume, in denen es immer um das Gefängnis und um Polizisten ging. Die Realität ist leichter zu ertragen als ein Traum. Einmal habe ich mich so sehr im Schlaf gewehrt, dass ich aus dem Bett fiel und mich fast verletzt hätte.

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