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Freitag, 10. Februar 2012
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Die Tagebücher von Fritz J. Raddatz Was tun wir alle miteinander uns an?

05.09.2010 ·  Ein Besuch beim legendären Literaturjournalisten Fritz J. Raddatz. Der Anlass: seine jetzt erscheinenden Tagebücher. Die beschriebene Welt: der Schriftsteller- und Kritiker-Kosmos, die Hölle der Lemuren und einsamen Sucher nach Liebe. Mit Leseprobe.

Von Volker Weidermann
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Was ist das für eine Welt? Was ist das für eine Stille hier, in Hamburg-Harvestehude in dieser weißen Straße an der Alster? Mittwochnachmittag, kein Mensch unterwegs. Auf dem Wasser ein Ruderer, der von einem schweigenden Trainer begleitet wird. Überall kühle Pracht und Schweigen. Hier lebt Fritz J. Raddatz, Feuilleton-Legende, 79. Er wohnt in einer Wohnung im Erdgeschoss im einzigen gelben Haus der Straße, ein kleiner parkartiger Garten führt hinunter zur Alster. Die Feiern, die er hier in seiner Wohnung für seine Freunde ausrichtete, sind legendär, Susan Sontag war oft hier, Inge Feltrinelli, James Baldwin und wohl jeder namhafte deutsche Schriftsteller der ersten Nachkriegsgeneration. Den sechzigsten Geburtstag von Günter Grass hat er hier für seinen Freund ausgerichtet, und als eine Absage nach der anderen kam, damals, schrieb er in sein Tagebuch: „Sie können nicht mehr lieben.“

Heute werden hier keine Feste mehr gefeiert. Zu seinem siebzigsten Geburtstag hat sich Raddatz einen Grabstein gekauft, die Grabstätte auf Sylt hatte er sich vorher schon gesichert. „Zwischen Suhrkamp, Avenarius und Baedeker. Mehr kann man nicht verlangen“, schrieb er in sein Tagebuch. Raddatz liebt die gute Nachbarschaft, Raddatz liebt große Namen, und Raddatz will vorbereitet sein. Spätestens seit seinem fünfzigsten Lebensjahr macht er sich Sorgen, dass er „den richtigen Zeitpunkt“ für seinen Tod verpassen könnte, und auch heute im Gespräch sagt er plötzlich und unvermittelt: „Ich denke, dass ich das selbst in die Hand nehmen werde.“

Sonderbar. Wie er hier so sitzt in seinem Sessel, leicht gebräunt, weißes Haar, Raddatz-Brille, grauer Anzug, rosa Hemd, himmelblaue Strümpfe, eine Zigarette nach der anderen seinem Schildpattetui entnimmt und raucht und raucht und lacht und erzählt, wirkt er wahnsinnig jung, lebenszugewandt, schnell, stolz und sehr begierig, mindestens dreißig weitere große Raddatz-Jahre zu erleben. Er schenkt schwarzen Tee in dünnwandige Tassen, nimmt für sich Ersatzzuckerpillen aus einem silbernen Döschen, für den Gast gibt es Kandis. Auf dem Tisch hat er Zeitungsausschnitte vorbereitet, Raddatz-Fotos, Notizen mit Dingen, die er gern sagen möchte, die Kopie eines Vortrags, den er mit siebzehn Jahren an der Humboldt-Universität in Ost-Berlin gegen die sowjetische Kulturpolitik gehalten hat, und Kopien einiger Seiten aus seinem Tagebuch.

Verlogenes Lob

Denn das ist der Anlass unseres Treffens: Fritz J. Raddatz hat seine Tagebücher aus den Jahren 1982-2001 veröffentlicht. Es sind die Jahre, in denen Raddatz, der zuvor als stellvertretender Leiter des Verlages Volk und Welt in der DDR und nach seiner Übersiedlung in die BRD 1958 als Vizechef bei Rowohlt gearbeitet hatte, das Feuilleton der „Zeit“ leitete und zu legendärer Blüte führte, bis er 1985 wegen eines lächerlichen Fehlers seines Amtes enthoben wurde und fortan als Kulturkorrespondent für das Hamburger Blatt arbeitete. Raddatz kannte unglaublich viele Schriftsteller und Intellektuelle seiner Zeit. Er übertreibt vielleicht nur ein bisschen, wenn er jetzt im Gespräch ohne rot zu werden sagt: „Ich kannte ja die gesamte Moderne persönlich.“ Ein guter Teil dieser „gesamten Moderne“ tritt in seinen Tagebüchern auf. Und diese Tagebücher sind eine irrwitzige Reportage aus dem Fegefeuer der Eitelkeiten des kulturellen Lebens jener Jahre, sind der Bericht aus einer Welt der grenzenlosen Ich-Sucht, der verbalen Messerstechereien, des Rufmords, der Lügen und Verachtung. Bevorzugter Ort aller Beteiligten dieses Gesellschaftsromans aus der Welt der Schriftsteller, der Kritiker und Verleger ist: der Hinterhalt. Ihre Waffen: das verlogene Lob (dem Gegner ins Gesicht) und die giftige Häme (sobald der Gegner außer Hörweite ist). Das ist der Treibstoff dieser Welt. Nur so kommt sie voran, denn alle Beteiligten sind auf Zuspruch, Liebe und Bewunderung angewiesen, um weitermachen zu können, und keiner ist in der Lage, jemand anderen zu bewundern als sich selbst. Das ist der höllische Witz dieses neunhundertseitigen Gespensterbuches: wie jeder Einzelne krampfhaft versucht, diesen Herzensmangel zu verbergen, um nicht aus der großen Lobesmaschine zu fallen und ungelobt und einsam vor sich hin zu dämmern.

Ein winziges Dramolett mit den beiden Kritikern Joachim Kaiser und Hans Mayer geht zum Beispiel so: „Kaiser ruft mich an und macht sich über Mayers Buch lustig, aber der sitzt nächsten Tag bei mir und erzählt, Kaiser habe ihn voller Begeisterung angerufen. Da bietet sich nicht nur die Frage an: Wie werden Sie alle über mich reden, sondern: Was tun wir alle miteinander uns an?“ Ein anderes Gespräch, Jahre später, sah so aus: „Typisch das Frühstück heute morgen mit Joachim Kaiser, wo wir beide uns gegenseitig nach einem ,Robert Wilson zitiert nur noch sich selber' oder ,Der Hans Mayer ist wohl doch sehr überschätzt' erschöpft und nichts mehr zu sagen hatten. Die diskurslose Gesellschaft im Miniformat.“

Das alles lässt sich mühelos in die Gegenwart übertragen. Raddatz berichtet rauchend, dass er vor wenigen Tagen jenen Joachim Kaiser angerufen habe, um ihm von der Veröffentlichung seines Tagebuchs zu berichten. Was war Kaisers erste Frage? „Komm' ich drin vor?“ Raddatz bejahte. Zweite Frage: „Negativ?“ Darauf Raddatz: „Ich lese dir was vor.“ Er liest - daraufhin schallendes Gelächter am anderen Ende der Leitung: „Genau so war es, genau so!“ Bei der Buchvorstellung Ende des Monats in einem Hamburger Theater wird Kaiser lobende Worte sprechen. Die Maschine läuft.

Natürlich ist der König der Eitelkeiten in diesem Tagebuch der Ich-Erzähler selbst. Über sich selbst sammelt Raddatz Superlative wie andere Leute Käfer, Facebookfreunde oder Briefmarken. Siegfried Unseld zu Raddatz, als er überlegte, ihn zu Suhrkamp zu holen: „Sie sind mir zu groß, ich habe Angst vor Ihnen.“ Günter Grass warnte Siegfried Lenz vor einem Raddatz-Interview: Pass auf - „der denkt doppelt so schnell wie normale Menschen“. Werner Höfer teilte ihm mit: „Ich sei so irritierend begabt, so hochgezüchtet dandyhaft, daß sich neben mir jeder als Zwerg, als grob und laut und vulgär, als Mensch mit falschen Gläsern, aus denen er den falschen Wein trinkt, und in falschen Anzügen vorkäme; ,derlei macht nicht beliebt' war sein Fazit.“ Nun muss Raddatz leider zugeben, dass jener Höfer „zwar dumm ist“, aber an dem Zitat ist vielleicht ja trotzdem was dran, denn Höfer habe „eine Art weiblichen Instinkt“. Kann man also ruhig mal so aufschreiben.

Ein Liebesbuch

„Ich weiß, dass ich eitel bin“, sagt er jetzt hier an seinem hellen Tisch. Wir haben den Platz gewechselt, sitzen im Wintergarten mit Blick ins Grün. Er hat eine Flasche Champagner geholt und zwei Fadengläser. Er nehme das mit dem roten Faden, es sei das Einzige das er habe, sehr wertvoll, für mich habe er immerhin eines mit gelbem Faden, das sei auch schon ziemlich selten. Ich öffne auf seine Bitte hin die Flasche, die er in ein Silberfüßchen gestellt hat, wir stoßen an, trinken, als er das Glas zur Hälfte geleert hat, fragt er: „Krieg' ich noch was?“ Er sitzt unter einem bunten Glasfenster mit Schwänen darauf. Er erzählt, wie er das Fenster vor Jahren in Paris gefunden habe, wie erschüttert er war und wie glücklich, dass es so etwas Schönes überhaupt gibt und dass man das sogar kaufen kann. Es war „wie ein Schock bis zum Pimmel“, sagt er. Und dass er hier abends oft sitze, draußen vor dem Wintergarten auf der Terrasse, von der Alster kämen die echten Schwäne herauf und er sitze nur da und schaue, zwischen den echten Schwänen und seinen Schwänen aus Glas hin und her.

Und er sagt, dass nur, wer die Erschütterung vor einem Kunstwerk kenne, echte Erschütterung bis zu Tränen, wer das Staunen kenne und die Bewunderung, dass nur so jemand ein guter Autor, ein guter Kritiker sei. Ohne Liebe gehe es nicht.

Das ist das zweite Buch, das in diesem Tagebuch steckt. Neben der bösen, scharfsichtigen Kulturweltbeobachtung ist es ein Liebesbuch. Ein Buch der Liebe zu den Werken von James Baldwin, E. M. Cioran, Hubert Fichte, oft auch zu den Büchern von Günter Grass und Rolf Hochhuth. Und mit der Liebe zu den Büchern geht eine Menschenliebe einher. Bei aller Boshaftigkeit, bei aller Enttäuschung sind die Porträts von Johnson, Hochhuth und Grass Bilder der Liebe. Der enttäuschten Liebe immer wieder. Aber einer Liebe, die sich nicht abbringen lässt. Oder nur sehr widerstrebend. Doch am Ende sind alle merkwürdig fern. Sind tot oder beleidigt, nicht mehr erreichbar.

Oder giftige Häme

Die tiefste Verletzung hat er früh erlebt. Als er nach dem Tode Hubert Fichtes, den er gefördert und geliebt hatte wie wohl keinen zweiten Schriftsteller, mit dem er buchstäblich alles erlebt hatte, als er von ihm in seinem Tagebuch lesen musste, dass sie beide keine Freundschaft verband. Das war ein Schlag, von dem er sich nur schwer erholte. Und es ist auch eine immer wiederkehrende Frage in diesem Sucherbuch: Woher dieser ständige Widerspruch zwischen Lobesdudelei im Gespräch und vernichtender Bösartigkeit im Schriftlichen? Woher der Hass? Woher dieser Hass gegen ihn, Fritz J. Raddatz?

Das Tagebuch verrät die Antwort implizit auf jeder Seite: Wer so offensiv sich selber liebt, der vermittelt anderen Menschen vielleicht den Eindruck, dass er ihrer Liebe nun nicht auch noch bedarf. Und dass seine zur Schau gestellte schmetterlingshafte Eitelkeit, sein zur Schau gestellter Reichtum vor allem im kühl verschnürten Hamburg nicht überall gut ankam. „Ich habe nun einmal nichts gegen Maßanzüge und schöne Autos“, sagt er jetzt. Und als ihn der Chefredakteur der „Zeit“ einmal auf sein Spitzengehalt ansprach, meinte Raddatz nur: „Einer muss ja der Teuerste sein.“ So war es nur eine Frage von Jahren, bis die Mächtigen der „Zeit“ diesem selbstbewussten Herrn einmal zeigten, was echte Macht ist, und ihn abberiefen. Von diesem Sturz hat er sich nie so ganz erholt. Er kann es bis heute nicht glauben, dass ein falsches Goethe-Zitat ausreichte, um ihn aus diesem Himmel der Seligkeit hinabzustoßen. Und diese Selbsteinschätzung glaubt man ihm sofort: dass sich die Mächtigen der „Zeit“ in den folgenden bleiernen Jahren des „Zeit“-Feuilletons einen Beweger, einen Enthusiasten, einen Themenspürer, Themensetzer wie Raddatz zurückgewünscht haben. Feixend schreibt er über die Stimmung in der Redaktion nach dem Dienstantritt der neuen Chefin Sigrid Löffler, der „feschen Feuilleton-Domina“: „Nun tobt das Entsetzen.“

Der Champagner geht zur Neige. Raddatz sammelt rauchend seine Notizen zusammen. Wir gehen durch seine Wohnung. Er zeigt mir eine gigantische Penis-Skulptur, die ihm Gabriel García Márquez einst zum Kauf empfahl. Eine Tiffany-Lampe, die er sich kaufte, nachdem ihm ein Interview mit Toni Morrison in New York so phänomenal gelungen war, dass er sich selbst beschenken musste. Für die Lampe buchte er dann einen zusätzlichen Erste-Klasse-Sitz neben sich, um sie sicher nach Hamburg zu bekommen. Sonderbare Welt. Vergangene Zeiten.

Über die Buchmesse 2001 hat Raddatz geschrieben: „So sehne ich mich in/aus diesem Schleiertanz der alten Lemuren an den einsamen Strand von Kampen; bin ich dort, werde ich nervös, fühle mich alt, einsam, abgeschafft und ausgeschaltet.“

Er kann und will ohne die Monster- und Gespensterwelt, die er beschreibt, nicht leben - und sie nicht ohne ihn.

Auszug aus den Tagebüchern von Fritz J. Raddatz, die am 17. September im Rowohlt Verlag erscheinen

Rottach, den 21. August 1983

Bayreuth. Meistersinger. Unerheblich. Nur EIN schöner Satz: „Versungen und vertan.“ Merken.
Tiefpunkt der Woche: Hans Mayer in Stuttgart. Der Egoismus des Mannes hat nun endgültig krankhafte Züge angenommen, hob schon im Hotel - zwecks Abendessenverabredung - den Hörer ab mit dem Satz: „Ich sehe gerade mich im Fernsehen . . .“ Nicht „Guten Abend“ oder „Gute Reise gehabt?“ (war immerhin seinetwegen gekommen) - ich, ich, ich. Das ging im Galopp den ganzen Abend, zu dem er nicht einmal einen Tisch bestellt hatte und nun - wo er ist, ißt, MUSS es fein sein - in einem behelfsmäßig hergerichteten Hotelsalon das von ihm direkt BEFOHLENE - „also wir essen kalt“ - Essen eingenommen wurde. Gleich nach der Vorspeise platzte die Kröte - ich verfolge ihn seit Jahren, kränke ihn seit Jahren, vergleiche mich, auf ungute Weise, mit ihm, habe keine Zeile von ihm gelesen und wisse überhaupt nicht, wer er sei. Hätte ich nicht das unglaublich verwinkelt-liebe FS von Gerd bekommen (der auf diese Weise einen Eklat in der deutschen Literaturscene zu verhindern wußte! . . .), ich wäre mitten beim Tatar aufgestanden, auf Nimmerwiedersehen.

14. November 1986

„Ich lebe gerne“ - diesen Aufkleber las ich dieser Tage an einem Auto; könnte ich so einen Satz sagen, so einen Aufkleber mir an den Kopf oder ans Herz kleben?
Wohl nicht. Es klingt so freudig. In meinem Leben war nichts Freudiges - war vielleicht viel Genießerisches. War auch viel Liebe - aber das ist eine andere, größere Kategorie. Man kann sehr lieben - ich habe bestimmt dreimal in meinem Leben sehr geliebt - und würde dennoch so einen Satz nie sagen. Er hat was Konsumentenhaftes. Eine Werbung heißt: „Ich rauche gern“ - so was hat das.
Mindestens ebenso verständnislos stehe ich ja vor der Kultur“wende“ - ich begreife viele der Texte, die produziert werden, nicht mehr (seltsamerweise NIE bei Primärtexten geht es mir so - die mag ich eventuell nicht, aber ich BEGREIFE doch Botho Strauß wie Handke wie Brigitte Kronauer oder Schütz, die ich schließlich auch alle rezensiere oder in Essays behandle). Aber der Journalismus? Ein Meinungsragout breitet sich aus, mal süß, mal sauer angerichtet. Ragout bleibt Ragout.
Man wird allmählich - oder sehr rasch - wie die alten Damen, die bespöttelt noch weiß geklöppelte Handschuhe tragen.
Habe ich weiße Klöppelhandschuhe überm Hirn?

6. Dezember 1986

Zwei schöne (etwas anstrengende) Tage im wintersonnigen Mailand, das mir - sauber, bürgerlich-solide, elegant - diesmal sehr gefallen hat. Ein wenig stolz, wie ich mich so durch die Welt tummele, saß ich beim Kaffee in der herrlichen Galleria: stolz, weil ich alles in meinem Leben aus eigener Kraft geleistet habe; keine reiche Heirat, kein Erbe, keine Eltern, keine „Beziehungen“. Beeindruckt von der geschmackvollen Eleganz, die Paris in den Schatten stellt, jeder Schal, jeder Pullover, jede Krawatte sicher im Stil.
Witzige Nacht-Parties mit der unermüdlichen Inge Feltrinelli, die noch um 2 Uhr mit Scharen junger Leute im Restaurant sitzt; dar unter Sohn „Carlino“, nun ein nervös blinzelnder, schweigsamer junger Mann - wie lange ist Feltrinellis Tod her? Ich kenne Carlino noch „als Flocke“.
Traf Umberto Eco - überrascht, als er aus einem Saal bei einer dieser Parties „Raddatz, Raddatz!“ rief. Wüßte nicht zu sagen, woher wir uns überhaupt kennen. Erstaunlich unprätentiös und nett für den Autor eines Weltbestsellers.

Hotel Ritz, Barcelona, den 25. August 1987

Begegnung mit García Márquez - finally. Beginnt mit Mißverständnis, als ich vom Element der „Vanité“ in seinem Werk spreche (das Gespräch geht auf Französisch); ich meine Vergeblichkeit. Er, in weißem Seidenanzug, weißem Lack-Armband an der weißen Uhr, weißen Lederslippers, weißem Kugelschreiber, blickt verstört. Lehnt (schließlich verständigen wir uns) Vergeblichkeit, Tod als Element seiner Prosa ab, Tod ist nichts als das Nichts. Schreiben, um zu überleben.
Lehnt alle Konzepte - als europäisch - ab. Lebt(e) ohne Theorie, nie Marx, Lenin, Trotzki gelesen. Sozialist der Praxis - ohne Sozialismus. „Es gibt keinen, nicht in Moskau (wo er gerade herkommt), nicht in Kuba.“ Sieht in Kuba keine Menschenrechtsverletzungen: „Sonst würde ich mit Castro brechen.“
„Mein Werk ist ohne Denken, ist eine Aneinanderreihung von - gelegentlich größeren - Anekdoten.“ Über Faulkner: „Gibt keinen - überhaupt keinen - literarischen Einfluß. Nur ähnelt sein Süden ein wenig meiner Karibik.“
„Herbst der Patriarchen“ sei seine „Autobiographie“. Will das aber nicht erläutern. Dann: „Es ist mein einziges Buch einer Person, keine gestohlenen (erfundenen) Lebensläufe.“ Sein literarisches Prinzip sei die „montierte und interpretierte Wirklichkeit“. „Ihr Europäer - für uns ist nicht die Sowjetunion der Feind, sondern die USA. Ihr seht und urteilt noch immer von euch aus, als sei Europa noch das Zentrum.“

Januar 1988

Abends Konrad Henkel (gestern abend noch) am Telefon, im besten Chauffeurs-Kölsch: „Meine Frau is noch am Essen“, und: „Ich habe vorgestern Ihre Sendung gehört, über Fracia oder so - war ja schön lang.“ Gemeint war mein Text über García Márquez. Diese Leute haben ein halbes Funkstudio im Auto, können dort eine Sendung mitschneiden, Telefon sowieso: aber verstehen kein Wort von dem, was sie hören, wenn es nicht über Wim Thoelke ist.
Danach Telefonat mit Thomas Brasch, der abends um 23 Uhr AUFSTAND (!!) und gerade essen gehen wollte, noch verschlafen-verkatert klang, nur unzusammenhängenden Quark von der „Verkommenheit des Kulturbetriebs“ redet. Die knappe Frage „Und was machen Sie?“ kam quasi schon in Hut und Mantel, und eine Antwort war auch nicht erwartet.

10. März 1989

Denkwürdig, wie Gisela Lindemann vom letzten Tag Jean Amérys erzählte, der ja mit einer „Geliebten“ - einer Amerikanerin - in Salzburg war, die von seinem Selbstmordplan wußte und der er auf ihren traurigen Satz „Du wirst uns sehr fehlen“ antwortete: „Ich mir auch.“ Das geht mir nach - nicht nur, weil er auf den ähnlichen Satz, auf die schamlose Frage eines SPIEGELmenschen „Sie schreiben so viel vom Selbstmord - wann tun Sie es?“ antwortete: „Seien Sie doch nicht so ungeduldig“; sondern auch, weil ich ja gerade Abend für Abend in meinen Autographen wühle, dort die wunderschönen Briefe Amérys an mich fand - - - - wie überhaupt ganz erstaunliche Dokumente (auch meines Lebens . . .). Wußte ja nicht mehr, was alles in den Briefen von Andersch oder Böll oder Breitbach stand . . .
Nie merkt man sich Träume. Heute morgen aber erinnerte ich mich: Kohl - ausgerechnet!!! - war mein Hausgast, ich wohnte in einem sehr großen eleganten Haus, und er war überraschenderweise recht sympathisch, „einsichtig“. Hinterher traf ich in einer Kneipe Augstein mit einer rothäutig-grob gewordenen Maria, deren Stimme laut-ordinär war, die mir eine Picasso-Vase für viel zuviel Geld andrehen wollte und deren Kinder hinterher bei mir zu Hause waren. Und Rudolf hatte mir noch einmal - das hat er ja vor vielen Jahren wirklich getan - einen Blankoscheck für DIE SCHÖNE URSULA von Wunderlich geboten, ich könnte jede Summe einsetzen, die ich wolle.
Nun erkläre mir jemand so einen Traum. Komplexe? Machtwahn? Derlei Potenzwahnträume hat man ja auch wachend - z. B. den: Was wäre wohl mit all den pinschernden Feinden und Gegnern, wenn man den Nobelpreis erhielte; wie würden sie kotauen, um Interviews betteln, „schon immer dein bester Freund“ gewesen sein. ZU schöne Vorstellung.

Parkhotel, Frankfurt, den 12. Oktober 1989

Das vergiftete Messe-Rokoko: Während die DDR wackelt und wahrlich pathetisch-tragische Scenen im täglichen Fernsehen sind, tanzt man hier à huis clos um die Literatur; bzw. eben nicht um die Literatur, sondern um literarische Karriere-Intrigen: Einen Angriff - in den facts sicherlich berechtigt - auf den seine Autoren betrügenden Unseld im SPIEGEL startet der neue Redakteur dort (“Ich bin sehr gelobt worden“) nicht DER SACHE wegen, sondern weil er weiß, daß in diesem Rattennest man Ober-Ratte wird, wenn man sich als besonders bissig erweist.
Kein Lob oder Verriß eines Buches gilt im Grunde diesem Buch, sondern immer ist das munitioniert von irgendeinem „dem werd ich's mal zeigen“. Das verkommt zum Gesellschaftsspiel; so geht jener Redakteur allen Ernstes IN UNSELDS PRIVATHAUS zu einem Empfang. Niemand erwartet mehr, daß jemand mit dem, was er formuliert, IDENTISCH ist.

2. November 1989

Thomas Brasch: „Wenn alle in dieselbe Richtung marschieren, kippt die Welt um“ - als Kommentar zu den Massendemonstrationen in der DDR.

12. November 1989

Herzzittern bei all den Vorgängen in der DDR, man schämt sich der Tränen nicht. Es gibt eben doch ein „deutsches“ Grundgefühl - von Inge Feltrinelli, die aus Villa Deati anruft, bis zu meiner Schwester in Mexiko: Die Aufregung und tiefe Rührung ist allenthalben.
Selten hatte ich mit einem Artikel SO recht wie mit dem neulich: Nun sagt Herr Bahr: Die Wirklichkeit habe „seine Phantasie überholt“. Eben. Weil er keine hatte. Fast wörtlich sagt, sich beknirschend, der Tapeziermeister Kurt Hager: Er habe sich vom Leben entfernt. Das mußten so manche mit dem Leben bezahlen.
Lief gestern den ganzen Tag durch die Stadt, „Zonis gucken“, wie das selbstzynisch heißt: Es sind dieselben Menschen, Deutsche, berlinern herrlich - und sind doch ganz anders, sehen anders aus. Eine Diktatur prägt, zerquetscht auch Gesichter.
Mal von den ulkigen „funny little cars“ abgesehen. Sie weinen vor den Schaufenstern, sind vollkommen überwältigt, wenn man 20 Mark schenkt (“So viel Geld“). Ich bummelte durch die Stadt und steckte jedem Trabi eine Tafel Schokolade an die Windschutzscheibe. Ist das eine koloniale Geste, Glasperlen für die Neger?

22. August 1991

Wolfgang Hildesheimer stirbt. Werde ihn vermissen, seine lustige Traurigkeit und seine lakonischen Kärtchen. Er hatte etwas Jüdisch-Tieftrauriges, was mir sehr nahe ist - und was, wie man weiß, gute und „komische“ Literatur schafft. Ich liebte seine Bücher, aber ich liebte auch den Mann sehr; nun ist's wieder einer weniger: Man kann gar nicht sein Adressenbüchlein so rasch ändern, wie die Weggefährten sterben. Aufheben hätte ich die alten sollen mit den Adressen und Telefonnummern von Dutschke oder der Meinhof, Fichte oder Baldwin, Johnson oder Weiss, Böll oder Fried. Und es waren ja auch alles, so oder so, „Gesprächspartner“. Älter werden heißt auch verstummen.
Und kälter und einsamer werden.

8. September 1991

Meinem Geburtstag nachdenkend: Eigentlich war alles eine Farce (hoffentlich werde ich das nicht eines Tages über mein ganzes Leben sagen . . .). Der „große“ Abend war zwar bunt und angeblich sehr freundschaftlich - aber genau betrachtet leer; Kempowski eifersüchtig auf Grass, Rühmkorf (Geschenk: eine Broschüre mit Widmung!) einsilbig, die Begegnung Wunderlich-Grass sich beschränkend auf „Was macht die Gesundheit - danke, gut“, Lettau, entweder drogiert oder vermuffelt, jedenfalls vertrotzt das Lesen seines amüsant-skurrilen Gästebeschimpfungstextes verweigernd, Kaiser früh betrunken und - auf lautes Drängen nach „einer deutschen Rede“ - eine witzige Rede haltend (Grass, mehr ihm erwidernd als mich „feiernd“, antwortete kurz; wenn das sein „Darf ich dir deinen 60. Geburtstag ausrichten ?“ war . . .), die Mondäne für 2 müde Stunden - ohne eine Blume - durchrauschend, Monk mit einem Bändchen Heinrich Mann unterm Arm. Lieblose Legenden.
Ich muß mich schon fragen, ob ich mich, meine angebliche Lebensleistung und meine nebbich Bedeutung, nicht enorm überschätze. Was bleibt, ist offenbar der geistreiche Mann, der schnelle und zu schnellen Fehlern neigende Journalist, der gebildete Anreger.

Hôtel Le Littré, Paris, den 1. Juni 1995

Ich bin mit meinen 63 Jahren noch manchmal eine Energiebombe, rase von Rodin zu Chagall, vom Louvre zu Brancusi (im Pompidou), vom Flohmarkt zum Louvre des Antiquaires, vom Musée Marmottan zur Orangerie mit meinen geliebten Seerosen von Monet - und URTEILE auch: Brancusi fand ich enttäuschend, doch nur eine Modeerscheinung, keine Kunst. Geradezu erschütternd in seiner genialen Größe dagegen der noch-nicht-niedliche frühe Chagall der russischen Jahre: Man bekam fast einen Herzanfall vor so viel geballter Schönheit, und den „Cyklisten“ von Maillol, den ich schon vor unendlichen Jahren mit einem Flirt in Kopenhagen sah, will ich gar HABEN.
Beeindruckend die Begegnung mit Arthur Miller (zur Vorbereitung meines Interviews): Dieser bald 80jährige ist jünger als mein Neffe, sprüht vor Interesse (“Was ist in Deutschland los?“), hat auch, was man ihm wahrlich wünscht, noch neue Erfolge - einen neuen Roman, Polanski will ein Stück inszenieren, sein letztes hatte Riesenerfolg am Broadway, und ein anderes wird in Hollywood verfilmt.
„Was - der lebt noch?“ fragte dann gestern abend zu meinem Entsetzen ganz unverblümt die etwas zippige Frau von Adami (beide kamen zum Drink nach dem Dinner ins Restaurant - weil er zu einem mondänen Cocktail mußte, ich glaube, die Prinzessin von Monaco hatte Geburtstag, und er „lebt“ ja in Monaco, d. h., er zahlt keine Steuern). Er wie immer herrlich, sprühend, übrigens ein sehr gut aussehender Mann (der angeblich ohne jede Sexualität lebt), meine Schwester, die fleischfressende Pflanze, verschlang ihn mit den Augen (und da alles, was eine Hose anhat, ihr das bißchen Gehirn vernebelt, sprühte sie nicht nur vor Charme und Witz in 3 Sprachen, sondern merkte gar nicht, wie „neutral“ der Mann ist).

9. Mai 1998

Gestern Abendessen mit Kempowski, der wohlauf, keine Spuren seines Schlaganfalls, witzig-verschroben wie immer („Bitte Salzkartoffeln mit Petersilie und keinen Wein“), der weitere Bände des ECHOLOT und einen großen Roman fertig hat, der zugleich ein abstruses Verhältnis zum Geld hat - so leistet er sich einen Assistenten/Chauffeur (dem er übrigens Anweisungen gibt, wie er wünscht, fotografiert zu werden, und was er wünscht, daß der Mann „für die Nachwelt“ notiert) - - - - aber leisten tut es in Wahrheit sein Verlag; denn von den DM 5000 monatlich, die der arbeitslose Germanist erhält, zahlt Kempowski ihm ganze DM 500!! Bewundernswert.
Bewundernswert aber auch nach wie vor sein Gedächtnis, er ist eigentlich mehr Gedächtnis-Steller als Schrift-Steller: So wußte er bis ins Detail genau die unendlich weit zurückliegende Situation zu schildern, wie in Berlin die „Memorabilia“ der Gruppe 47 versteigert wurden. Aschenbecher, die Glocke, mit der Hans Werner Richter die nächste Lesung einläutete, usw. - - - - und zwar war ICH der Versteigerer, der mit einem Zylinder auf einem Stuhl stand und die Gebote von Höllerer oder Hildesheimer oder Grass entgegennahm; Grass habe - so Kempowski - gegrummelt wegen des „Unernstes“ der Sache.
Mit derselben Akribie, bis hin zur Tischordnung - „Und ich hatte als Tischdame die schwerhörige Frau Hildesheimer, grauenhaft!“ -, konnte er die erste „Tafel“ schildern, die ich vor ebenso unendlich zurückliegender Zeit auf der Frankfurter Buchmesse zusammengetrommelt hatte, um zum ersten Mal Madame Gabriele Henkel in die Welt der Literatur einzuführen (was ja auch George Weidenfeld in seinen Memoiren schildert); Kempowski wußte, ob Enzensberger dabei war und Peter Weiss, oder: „Nein, . . . ich glaube, der nicht“, ob Böll oder, oder, fast wußte er noch die Speisenfolge - in jedem Fall beschrieb er aufs köstlichste die lustig-sonderbare Situation, wie der freche FJR da die „berühmte“ Salon-Dame hoffähig zu machen suchte; damals war sie noch angemessen bescheiden, prätendierte nicht, dasselbe zu sein wie ihre Gäste. Lang, lang ist's her.

11. August 1999

Fortsetzung zum Stichwort „Verkommenheit des Kulturbetriebs“: Siegfried Unseld, auf einem „Künstlerfest“ des Kulturministers Naumann (auf dem allerdings keine Künstler waren) zu seinem Jung-Autor Joachim Helfer, den er zum 2. Mal in SEINEM LEBEN SAH: „Was ist denn das für eine Party, zu der ein so vollkommen unbedeutender Verleger wie Joachim Unseld eingeladen ist? Nie wieder gehe ich zu dergleichen.
Rolf Hochhuth, zum 2. Mal von mir erinnert, ob er öffentlich dazu stehe (wenn ich das verwende), daß Augstein seinen Bismarck-Artikel mit dem Satz „Bismarck ist mein Thema!“ aus dem Heft gefeuert hat: schweigt.

4. Dezember 1999

Vorgestern mittag Enzensberger zum Déjeuner (was mir NIE und weniger und weniger bekommt: 2 Glas Champagner, mittags, werfen mich um). Die immer amüsanten, zierlichen Distanzvermessungen im so typischen Tonfall: „Jooo, der Herr Unseld . . .“ oder: „Der nette Rühmkorf . . .“, wohl wissend, daß „nett“ tödlich ist und er es auch so meint, weil dann immer der Satz beschlossen wird mit: „Der schreibt einem ja da so Briefe und will Widmungen, die er einem unerbeten in seine Bichl neingemalt hat, leihweise zurück -- um aus diesen Widmungskritzeleien wiederum ein Bichl zu machen, der Herr Rühmkorf.“ Tot isser. Natürlich zugleich immer klug-treffend: „Im Solarplexus MUSS Grass ja wissen, daß es nach dem Anfangserfolg nur noch bergab ging.“ Behäbig ist er nicht geworden, aber selbstgewiß (dabei durchaus zugebend, daß er in früherer Zeit NIE auch nur geträumt hätte, mal wohlhabend zu sein). Er WEISS, daß er eine Art Zentral-Macht in der deutschen Gegenwartsliteratur ist, daß er NEIN oder JA sagen kann, wann und wie er will, und ist dann doch, wie auch anders, auch er, ein bißchen älter geworden. Als hätte ich eine CD aufgelegt, kam mit exakt DENSELBEN Sätzen sein Bericht, den er mir neulich beim Abendessen in München „zur Lage von Hans Magnus Enzensberger“ gegeben hatte: 300.000 Gedichtbücher insgesamt verkauft, das Mathematikbuch mit 750.000 Exemplaren ein veritabler Bestseller: „Dies alles ist mir unterthänig.“ Wir tanzten einen hübschen Pas de deux und waren, als die Flasche leer war, die beiden einzigen, die in Deutschland klug, begabt, erfolgreich und berühmt sind.
Gastgeschenk: keines.

11. August 2001

Fortsetzungsroman MEINE FREUNDE, DIE LITERATEN. Anruf von Hochhuth, einfach mitten in einem Satz beginnend (auch gar nicht wissend, ob ICH überhaupt dran bin): „ . . . also, ich wollte nur eben mal sagen . . .“ In diesem Fall: wie exzellent ihm mein Benn-Buch gefällt - er ist übrigens selber ein sehr guter und genauer Benn-Kenner - und wie er „natürlich vergeblich“ versucht hat, eine Rezension in der ZEIT anzubieten.
BEGONNEN aber hat er das Gespräch, nein: den Monolog, mit: „Ich bin dir sehr dankbar, daß du mich erwähnst.“ Als erstes also wurde der Namensindex angesehen, ob unter H auch Hochhuth steht. Dann kam, von geradezu einfältiger, jedenfalls un-eifersüchtiger Freundlichkeit: „Wenn ich so gut schreiben könnte wie du . . .“, eine Kette von Komplimenten über Stil, Wortwahl usw. „Aber was ist Patou, habe in allen Antike-Wörterbüchern nachgesehen, es steht nirgends . . .“ Die un-mondänen deutschen Literaten: Daß es ein Parfum ist, schmiß ihn geradezu um . . .

Kampen, den 6. September 2001

Der alte Rezensent rezensiert also seinen Geburtstag, über den vergnügt zu sein dann doch nicht ganz ohne Bitterkeit gelang. Bitter, weil das Ende so nahe, bitter, weil das große VERGEBENS mit beinernem Finger an die Pforte klopft, bitter, weil die Frage „Das war's? War das alles?“ nicht beantwortbar.
Am interessantesten ist letztlich meine Selbstüberschätzung. Ich war SICHER, etwas vom Bundespräsidenten zu hören, vom Kanzler, hatte Sorge, meine Vasen hier würden nicht reichen (die Hälfte blieb leer). Von Wapnewski 1 Buch, von meinem Urheberrechtserben Kersten 1 Brief'gen. Was blieb, war zweierlei - zum einen „die alten Seilschaften“: Gerd Schneider, aus Berlin, Erika, besonders schön und gedankenvoll.

Arabella Sheraton Grand Hotel, Frankfurt, den 14. Oktober 2001

Die (hoffentlich: meine letzte) Buchmesse tanzt nach dem Motto: „Wer war die alte Dame, mit der ich Sie gestern fotografiert habe?“ Die alte Dame war Inge Feltrinelli; auch wer ich bin, wußte der Fotograf nicht - Hauptsache knipsen, egal, egal.
Ich werde vornehmlich befragt, was das J. in meinem Namen bedeute und ob ich ein Dandy sei, und wenn ja, was der Angeklagte dazu zu sagen habe. Vorgestellt - auch bei der Lesereise, über deren klägliche Strapazen ich hier nicht ein abermaliges Mal jeremiaden will - werde ich neuerdings: „Anläßlich Ihres Geburtstags stand ja über Sie zu lesen . . .“ Nie, nicht ein einziges Mal, habe ich in diesen Tagen und Wochen gehört: „Meine Damen und Herren, ich stelle Ihnen FJR vor, dessen jüngstes Buch X ich deswegen mit großem Vergnügen gelesen habe, weil . . .“

Fritz J. Raddatz: „Tagebücher 1982-2001“. Rowohlt, 900 Seiten, 34,95 Euro

Quelle: F.A.S.
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