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Zum Tod von Harlan Ellison : Die Stimme des Vaters

Harlan Ellison, 1934 bis 2018 Bild: Picture-Alliance

Seine Sprache versetzt in Erstaunen, macht glücklich, verblüfft, kann ärgern, zum Lachen bringen und zum Heulen. Er war Behüter in großer Gefahr: Zum Tod des amerikanischen Schriftstellers Harlan Ellison.

          Mehr als ein Leben ist vorbei, mehr als ein Werk abgeschlossen (und doch offen, unsterblich einladend für alle, die lesen). Ich könnte drei Nachrufe allein mit Anekdoten füllen und davon erzählen, dass er sich mit Frank Sinatra beim Billard angelegt und James Cameron juristisch in die Knie gezwungen hat, dass er in der Bürgerrechtsbewegung gegen die rassistische Segregation mitmarschiert ist, oder davon, wie er bei einem Überfall auf einen großen Krimischriftsteller diesem zu Hilfe eilte, so dass beide fürchterlich verprügelt wurden.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Jahrzehnte vor MeToo schrieb er glänzend gegen frauenverachtende Filme und weigerte sich in der Zeit des Kampfes um den ERA-Verfassungszusatz zur weiblichen Gleichberechtigung, in amerikanischen Bundesstaaten, die nicht bereit waren, diese Emanzipationsinitiative zu unterstützen, Lesungen abzuhalten. Als Gewerkschaftsfunktionär in Hollywood verfocht er die Rechte derer, die Drehbücher schreiben, mit Furor, taktischem Geschick und Tollkühnheit. Mit Robin Williams und Leonard „Spock“ Nimoy war er befreundet; jüngere, große Talente hat er gefördert (Dan Simmons, Octavia Butler, Bruce Sterling and on and on). Stephen King hat von ihm gelernt, Neil Gaiman und unzählige andere haben das auch. Das schönste Haus, in dem je Träume zu Texten wurden, ließ er sich einrichten; das Anwesen trug bei allen, die es gesehen haben, den ehrfurchtsvollen Namen „The Lost Aztec Temple Of Mars“.

          Der dort lebte, hat die Science-Fiction in zwei von ihm herausgegebenen Anthologien, „Dangerous Visions“ (1967) und „Again, Dangerous Visions“ (1972) aus dem Spinnereckchen des Eskapismus gelockt und als diejenige Literaturgattung bei der Kritik und der Literaturwissenschaft des (damals günstigen) kulturgeschichtlichen Moments durchgesetzt, die seiner (und unserer) verwissenschaftlichten, technisierten, hocharbeitsteiligen und global vergesellschafteten Epoche die trübe Seele klären helfen kann wie keine andere Kunst.

          Was wir Leben nennen, ist eine Fiktion

          Er war ein Kind, das auf dem Schulweg von antisemitisch verhetzten anderen Kindern einer Kleinstadt in Ohio misshandelt, gedemütigt und mit lebenslangem Durst nach Revanche belastet wurde, mit der Gier nach „dem guten Leben, das die beste Rache ist“, wie er sagte. Er war Zirkusgehilfe, Studienabbrecher, Mitglied einer Motorradbande, Leibwächter eines Irren, Transportarbeiter auf einem Dynamitlastwagen. Mehr als ein Leben – und nichts davon ist wichtig außer als Hintergrund für (abermals: mehr als) ein Werk. Die literarisch eigenständige, kulturkritischen Ansprüchen genügende Fernsehkritik hat es vor den Arbeiten gar nicht gegeben, die in seinen beiden Bänden „The Glass Teat“ (1970) und „The Other Glass Teat“ (1975) als „Essays of Opinion on Television“ gesammelt sind; die ästhetische Betrachtung von Horror-, Fantasy- und Science-Fiction-Filmen, die dieses erfolgreichste aller Kinogenres an seinen eigenen Gesetzmäßigkeiten misst statt am Snobismus der Cineasten oder am leeren Enthusiasmus der Konsumidiotie, wird, solange es Filme gibt, von seinen unter dem Titel „Harlan Ellison’s Watching“ 1989 als Buch erschienenen Filmkritiken lernen dürfen. Darin stand, was er zu den Schöpfungen anderer zu sagen hatte.

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