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Die Frankfurter Anthologie ehrt Günter Kunert : Immer, immer bleiben

Für diese beiden ist jedes Gedicht eine Verheißung: der Preisträger Günter Kunert und „unser aller Meister“ Marcel Reich-Ranicki am Donnerstag in Frankfurt. Bild: Röth, Frank

Am Donnerstag fand in den schönen Räumen des S. Fischer Verlags die diesjährige Verleihung des Preises der Frankfurter Anthologie statt. Günter Kunert nahm ihn freudig entgegen.

          Am Abgrund kennt sich Günter Kunert aus. Es ist der Ort, von dem sein Schaffen ausgeht, in mal größer, mal kleiner werdenden Bahnen umrundet er den Punkt, an dem die Wirklichkeit jene Skepsis und Zweifel weckt, die ihm dann zum Material werden für sein Werk.

          Lena Bopp

          Redakteurin im Feuilleton.

          Das umfasst, neben den unzähligen Gedichten, Erzählungen, Essays, Satiren, Märchen und Reiseskizzen, auch die Gedicht-Interpretationen, die Kunert für die 1974 gegründete Frankfurter Anthologie verfasst hat - und zwar schon seit 1976, also nahezu, seitdem die Reihe samstags in dieser Zeitung erscheint.

          Instinkt für das richtige Wort

          Als Günter Kunert für seine poetischen Deutungen nun mit dem Preis der Frankfurter Anthologie in Höhe von 10.000 Euro ausgezeichnet wurde, erinnerte Hubert Spiegel in seiner Laudatio daran, dass sich Kunert überwiegend solche Gedichte herausgesucht habe, die von ebenjenen Abgründen handeln: Für Kunert sind das unter anderem Texte von Werner Söllner, Nicolas Born, Bertolt Brecht, Günter Anders, Ernst Blass, Thomas Brasch und Friedrich Nietzsche.

          Ihnen habe der Interpret sich genähert, so der Laudator, wie nur ein Dichter es könne, den ein „erstaunlicher Instinkt“ für das einzig richtige Wort, „für das apodiktisch Unabänderliche des Gesagten“ auszeichne. Und doch: In seinen Interpretationen habe Kunert auch immer wieder jene besondere Verbindung in den Blick genommen, die der einzelne Leser mit einem Gedicht eingeht.

          Das Apodiktische, das der Dichter Kunert beim Schreiben eigener Gedichten annimmt, lehne der Interpret Kunert ab. Lieber wendet er sie zurück auf sein Kerngeschäft: „Unnütze Poetologie: / Jedes Gedicht erneuert / Die Verheißung: Es sei / Wieder wie das erste. Und / Die Drohung: das letzte / Für immer zu bleiben.“

          Unser aller Meister

          So stand bei der Preisverleihung am Donnerstagabend in den schönen Räumen des S. Fischer Verlages ein Lob im Raum, das der Geehrte aber umgehend weitergeben wollte. Es sei „unserem aller Meister“ Marcel Reich-Ranicki zu verdanken, dass die Distanz zwischen den Gedichten und ihren Lesern mit der Frankfurter Anthologie immer ein wenig mehr überbrückt worden sei.

          Wie aussichtslos dieses Unterfangen zu Beginn erschienen war, daran erinnerte Reich-Ranicki selbst: Mit drei oder vier Folgen der Anthologie hätten die Kollegen gerechnet, sagte er, danach erwartete man, das Projekt stillschweigend begraben zu müssen. Stattdessen wurde daraus eine immer noch weiter wachsende Literatur- und Lyrikgeschichte. Dass ein Abgrund also überbrückt werden kann, ist die heitere Lehre, die nicht nur Günter Kunert aus dieser Erfahrung zog. Um es mit seinen Worten zu sagen: „Der Weltuntergang findet heute nicht statt.“

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