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Donna Tartt im Gespräch : Niemand kommt hier lebend raus

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Das klingt schon ein bisschen dunkel. Aber es geht, so verstehe ich die Wendung am Ende, doch darum, trotz allem die glücklichen Momente wertzuschätzen, die Schönheit, die vom Tod nicht berührt wird?

Das denkt zumindest mein Erzähler.

Würden Sie nicht sagen, Sie haben dem Buch ein glückliches Ende gegeben?

Lustigerweise kann man das sehr verschieden sehen. Für ein amerikanisches Publikum ist das Ende sicher nicht das, was es erwartet hat: ein euphorischer, märchenhafter Abschluss. In Paris sagten mir aber alle Gesprächspartner: „Sie haben ein Buch mit Happy End geschrieben.“ Es ist eben nicht schwarz oder weiß, sondern grau. So ist das Leben.

Allerdings lieben Sie die starken Kontraste.

Ich mag alle Farben des Malkastens, ich möchte keine auslassen. Es gibt sehr dunkle und sehr helle Momente, richtig. Aber da sind auch subtilere, grauere Szenen. Komplett grau funktioniert natürlich nicht. Ich habe in Bologna gerade die wundervollen Bilder von Giorgio Morandi gesehen, der sehr zurückhaltend mit Tonalitäten umgeht. Aber auch er braucht natürlich den Kontrast.

Ein kontrastreiches Paar sind auch die beiden Freunde Theo und Boris. Anders als die traumatisierte und oft skrupulöse Hauptfigur ist Boris ein kleiner Teufel, der von Moment zu Moment lebt und das Glück, die Drogen und die Liebe genießen kann. Mit wem der beiden würden Sie lieber Zeit verbringen?

Die beiden ergänzen sich gegenseitig. Boris ist eigentlich ein sehr moralischer Charakter, auch wenn er seine eigene Moral hat. Für ihn ist klar, was richtig und falsch ist. Theo dagegen ist eine sehr viel widersprüchlichere Figur. Ach, eigentlich würde ich am liebsten Zeit mit beiden verbringen, weil ich mag, wie sie interagieren. Am meisten Spaß hat mir beim Schreiben aber Theos Freund Andy gemacht. Ich hab sogar Andy-Szenen geschrieben, die ich später wieder gestrichen habe, nur weil es so viel Spaß machte.

Apropos Spaß: Wie ist das überhaupt mit dem Verhältnis von Unterhaltung und philosophischem Tiefgang?

Rein philosophische Gedanken sind überhaupt nicht interessant. Gedanken müssen eingekleidet werden. Sogar in der Bibel sind es die Geschichten, die uns dazu bringen, sie zu lesen. Konversation ist ohne Geschichtenerzählen nicht möglich. Wir alle erzählen ständig Geschichten. Selbst eine mathematische Gleichung ist eine Geschichte.

Carel Fabritius’ Gemälde „Der Distelfink“, das Theo im Chaos des Terroranschlags entwendet, spielt eine zentrale Rolle im Buch: Es ist für Theo die Rückversicherung, dass es ein Paradies gibt. Warum dieses Gemälde? Weil Fabritius selbst bei einer Explosion ums Leben kam?

Ich hatte zunächst ein anderes Bild im Sinn und schon einige Jahre an dem Buch gearbeitet. Da entdeckte ich durch Zufall den Fabritius, hörte von seiner Geschichte, und das Bild schien mir ideal. Ich liebe es so sehr wie mein Held: So etwas kann man nicht erfinden, wenn man es nicht empfindet.

Ich könnte mir denken, dass Ihnen die Verbindung von Realismus und Poesie, die niederländische Maler des Goldenen Zeitalters so kunstvoll beherrschten, besonders gefällt.

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