http://www.faz.net/-gr0-baa

Dichterbriefe : Die Frau, bei der Kafka ein anderer war

Kafka auf Reisen: Ein Gruß aus Versailles vom 13. November 1911 Bild:

Von dieser Sensation wussten nur Eingeweihte: Franz Kafkas Briefe an seine jüngste Schwester Ottilie sollen im April versteigert werden. Kommt ein privater Sammler zum Zug? Ein einzigartiges Konvolut könnte für die Allgemeinheit verloren sein.

          Sie war die Lieblingsschwester. In ihr mischten sich die elterlichen Temperamente: Trotz, Empfindlichkeit, Gerechtigkeitsgefühl, Unruhe und das „Bewußtsein Kafka'scher Kraft“, wie der Bruder nicht ohne Bewunderung festhielt. Sie war die jüngste von vier Geschwistern, und dem neun Jahre älteren Bruder erschien sie als „groß und stark“. Sie bot dem strengen Vater Paroli, war eigensinnig und, obwohl sie dem väterlichen Familienteil, wo die „Riesen zuhause sind“, nachschlug, blieb Ottilie Kafka, genannt Ottla, zeitlebens die enge Vertraute ihres Bruders. Unter seinen Schwestern sei ihm Ottla, „unbeschadet der Liebe zu den anderen, die bei weitem liebste“, bekannte er 1912.

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

          Ihr Treffpunkt im Haushalt der Familie Kafka in Prag war das Badezimmer. Hier wurde geplaudert und herumgealbert, der Bruder erzählte von seinen Lektüren, seinen Theater- und Kinoabenden und spielte sogar nach, was er gesehen hatte, unbefangen und mit komödiantischem Talent. Er sei vor seinen Schwestern „oft ein ganz anderer Mensch gewesen, als vor anderen Leuten“, schrieb er später rückblickend im Tagebuch.

          „Kalbbraten mit Kartoffeln und Preisselbeeren“

          Ottla teilte er auch Alltägliches mit, wie etwa im November 1911 aus Kratzau: „Es wird dich doch liebe Ottla interessieren, dass ich in dem Hotel zum Ross auf der andern Seite einen Kalbbraten mit Kartoffeln und Preisselbeeren, hierauf eine Omelette gegessen und dazu und hierauf eine kleine Flasche Apfelwein getrunken habe . . . Dann setzte sich die Kellnerin zu mir und wir sprachen von des ,Meeres und der Liebe Wellen‘ zu denen abends zu gehn wir unabhängig von einander uns entschlossen hatten. Es ist ein trauriges Stück.“

          Weltkulturerbe: Der Schriftsteller Franz Kafka gehört keinem Land richtig, aber Deutschland besitzt bedeutende Bestände

          Dieser andere, unbefangene, intime und unverstellte Franz Kafka zeigt sich wie nirgendwo sonst in den Briefen, die er Ottla schrieb. 45 von ihnen haben sich erhalten, hinzu kommen 32 Postkarten und 34 Bildpostkarten, Ansichtskarten von seinen Reisen nach Weimar oder an den Gardasee. Insgesamt 111 Autographen umfasst das Konvolut der „Briefe an Ottla“, etwa 170 Seiten verschiedener Formate sowie die Postkarten. Jetzt steht das gesamte Konvolut zum Verkauf, und es bietet sich die unerwartete, vermutlich auf Jahrzehnte einzigartige Gelegenheit, eines der umfangreichsten, wichtigsten und intimsten Handschriftenkonvolute Kafkas nach Deutschland zu holen.

          Als Schätzpreis sind 500 000 Euro genannt

          Das deutsche Literaturarchiv in Marbach hat zusammen mit der Bodleian Library in Oxford die weltweit wichtigsten Kafka-Bestände. Nirgendwo sonst wären die Briefe an Ottla besser aufgehoben. Aber Marbach hat kein Geld für Kafka. Wenn am 19. April das Konvolut beim renommierten Berliner Auktionshaus Stargardt zur Versteigerung kommt, als Schätzpreis sind 500 000 Euro genannt, wird das Deutsche Literaturarchiv aller Voraussicht nach nicht zu den Bietern zählen. Das wäre ein Trauerspiel. Eines, dass nicht jeder verstehen und akzeptieren kann.

          Weitere Themen

          Kult-Comicautor Stan Lee ist tot

          Ganz normale Superhelden : Kult-Comicautor Stan Lee ist tot

          Im Wettkampf am Zeitungskiosk war Stan Lee eine treibende Kraft, die Charaktere sprudelten aus dem Comicautor nur so heraus. Viele seiner rund 350 Figuren waren menschlicher und nahbarer als die der Konkurrenz. Die Comic-Welt verliert einen Helden unter Superhelden.

          Käfer- und Katzen-Mumien Video-Seite öffnen

          Grabstelle in Ägypten : Käfer- und Katzen-Mumien

          Archäologen in Ägypten haben am Wochenende seltene Grabfunde vorgestellt. Sie fanden am Rand der Totenstadt von Sakkara mumifizierte Katzen und eine ganze Sammlung mumifizierter Skarabäen. Diese Käfer wurden als Symbol für den Sonnengott verehrt.

          Ist sie die, die fehlt?

          Maike Wetzels Roman „Elly“ : Ist sie die, die fehlt?

          Der Auftakt gewagt, der Rest zu vorsichtig: Maike Wetzels Roman um ein verschwindendes Mädchen und die daran verzweifelnde Familie traut sich selbst nicht und erklärt zu viel.

          Topmeldungen

          Migranten aus Mittelamerika klettern am 29. Oktober auf den Anhänger eines Lastwagens, während eine Karawane von Menschen ihren langsamen Marsch zur amerikanischen Grenze fortsetzt.

          Flüchtlingstreck nach Amerika : Endstation Mexiko?

          Tausende Menschen schieben sich aus Honduras durch Mexiko in einer langen Karawane Richtung Amerika. Doch Donald Trumps Drohung zeigt bei den ersten Flüchtlingen Wirkung.
          Quirinale: Sitz der italienischen Regierung.

          Euro-Tief : Italien schwächt den Euro

          Der Wechselkurs der Gemeinschaftswährung fällt auf den niedrigsten Stand seit Juni 2017. Am Markt herrscht Einigkeit: Schuld daran ist Italien. Und das Verhalten der populistischen Regierung in Rom verheißt auch für die Zukunft nichts Gutes.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.